Oper Bonn/ BARBIERE DI SIVIGLIA/Grisha Martirosyan/ Foto: Bettina Stöß

Rossinis „Barbiere di Siviglia“ spielt sich nicht in Andalusien ab, sondern in der Bonner Altstadt. In den Bonner Gassen würzen vier junge Hip-Hopper:innen die von Regisseur Matthew Wild ins Hier und Jetzt geholte Inszenierung von Rossinis Melodramma buffo in zwei Akten, das am 25. Januar 2026 in der Bonner Oper Premiere hatte. Mit Matteo Beltrami als Dirigent und dem jungen Bariton Grisha Martirosan als Figaro, Tenor Anton Rositzkii als Almaviva und Enrico Marabelli als Dr. Bartolo hat man Experten für italienischen Belcanto ins Haus geholt. Stilsicher komplettieren die Ensemblemitglieder Charlotte Quadt als Rosina, Nicole Wacker als Berta und Pavel Kudinov als Don Basilio das Ensemble und beweisen, dass Rossinis Oper zeitlos ist. (Rezension der Premiere v. 25. Januar 2026)

 

„Il Barbiere di Sivigila“, am 2. Februar 1816 in Rom uraufgeführt, ist mit Abstand die erfolgreichste Oper Gioacchino Rossinis, die der erst 23-jährige angeblich in drei Wochen fertigstellte. Grund für den Riesenerfolg der Oper ist die literarische Grundlage, das Stück „Le barbier de Séville ou La précaution inutile“ von Beaumarchais, in dem Versatzstücke der Commedia dell´Arte mit einem ausgeklügelten Plot zu einer raffinierten sozialkritischen Komödie werden. Mozart hat das Folgestück unter dem Titel „Le Nozze di Figaro“ bereits 1786 vertont.

Es geht wie in allen erfolgreichen Komödien um Liebe, Macht und Geld, und in diesem Fall um die überlegene List der jungen, reizenden Rosina, des findigen Figaro und des verliebten Almaviva. Der alte Doktor Bartolo will seine Nichte Rosina heiraten, weil er scharf auf ihr Geld ist, aber der junge Student Lindoro alias Startenor Almaviva kommt ihm mit Hilfe des listigen Barbiers Figaro zuvor. Der mit Geld geschmierte Priester, Notar und Musiklehrer Basilio verheiratet am Ende Rosina in Bartolos Haus mit Almaviva. Der junge südafrikanische Regisseur Matthew Wild, dessen Tannhäuser-Inszenierung in Frankfurt 2024 zur Aufführung des Jahres gewählt wurde, holt die Handlung in die Gegenwart und verlegt sie mittels einer Video-Projektion in die Bonner Altstadt, wo Don Basilio direkt neben Figaros Barber Shop eine Zahnarztpraxis betreibt. Ein Assistent im Zahnarztkittel deutet an, dass hier Zähne behandelt werden. Rosina muss im weißen Kittel assistieren.

Oper Bonn/ BARBIERE DI SIVIGLIA/Ensemble/ Foto: Bettina Stöß

Das Bühnenbild von Dirk Hofacker stellt auf der häufig bewegten Drehbühne ein komplettes Haus dar, in dem sich Figaros Barber Shop und Bartolos Zahnarztpraxis im Erdgeschoss und seine Wohnung im ersten Stock befinden. So werden schnelle Szenenwechsel möglich, und einige Szenen laufen nicht ohne radikale Eingriffe in die Bausubstanz ab. Die Kostüme von Raphaela Rose sind aktuell: Bartolo im grünen Dreiteiler, Rosina in wadenlangen züchtigen hochgeschlossenen Kleidern, Berta im Damentailleur, Basilio in Cordjacke mit buntem Pullover.

Das Tanztheater repräsentieren vier äußerst bewegliche Hip-Hopper:innen, die aussehen, als hätte man sie gerade eben von der Straße geholt und in der Choreografie des südafrikanischen Choreographen Rudi Smit, und die zu den rhythmisch präzisen Arien und Ensembles auf der Straße tanzen. Die spritzige Musik Rossinis wird vom bestens disponierten Beethoven Orchester unter der Leitung von Matteo Beltrami, einem ausgewiesenen Experten für italienische Belcanto-Opern, auf modernen Instrumenten gespielt. Jessica Rucinski begleitet die Rezitative am Cembalo, und ein Gitarrist komplettiert das Beethoven Orchester zum Ständchen des Almaviva, der diesmal Tenor an der Bonner Oper ist und sich dort sein Straßenorchester rekrutiert. Das Videodesign zur Ouvertüre von Clemens Walter zeigt die Kantine der Oper, in der Almaviva die Musikanten anspricht, und seinen Weg durch die Stadt Bonn mit einem Roller im leicht fallenden Schnee. Die mehrteiligen Arien der Protagonist:innen sind Vorsingstücke und fehlen in kaum einem Opernprogramm, denn sie sind witzig, virtuos und können im zweiten Teil nach Belieben und Können ausgeschmückt werden.

In der Titelpartie brilliert der 1998 geborene Bariton Grisha Martirosyan, der in seinem Heimatland Armenien bereits auf eine Karriere als DJ zurückblicken kann. Irgendwann wandte er sich der Oper zu und gewann, unter anderem mit der Auftrittsarie des Figaro: „Largo al factotum“, verschiedene Wettbewerbe, die ihm bereits Engagements in London, Salzburg und Venedig einbrachten.

Charlotte Quadt, Ensemblemitglied, hat gerade noch mit großem Erfolg die Fenena in „Nabucco“ verkörpert. Ihr Spiel ist einfach nur superb, und ihr samtiger Mezzosopran beeindruckt in Arien wie „Una voce poco fa“ und Ensembles wie „Dunque io son, tu non m´inganni“ mit virtuosen Koloraturen und Verzierungen auf der ganzen Linie.

Pavel Kudinov bietet die Arie des Basilio: „La calunnia è un venticello“ eine Steilvorlage, die Flexibilität und Dynamik seines vielseitigen Basses zu beweisen. Dazu wird mit der Video-Projektion eines Notebook-Bildschirms gezeigt, wie ein Gerücht über sexuelle Belästigung im Bereich eines Orchesters bis hin zu einem mit künstlicher Intelligenz gefälschten Foto sich im Internet in rasender Geschwindigkeit verbreitet.

Oper Bonn/ BARBIERE DI SIVIGLIA/ Enrico Marabelli, Grisha Martirosyan, Charlotte Quadt, Anton Rositskii/ Foto: Bettina Stöß

Die Tenorpartie des Almaviva ist bei Anton Rositskii in besten Händen. Er hat diesen leichten, flexiblen Tenor mit scheinbar beliebigen Höhen und der Fähigkeit zu halsbrecherischen Koloraturen, den man für Belcanto-Opern braucht, und gibt dem Affen Zucker. Seine Kostüme lassen immer durchblicken, dass er der verkleidete Graf Almaviva ist. Er ist der gefeierte Opernstar, der seinen Smoking durch Chinos und Jacke eines Studenten austauscht, in Nato-Oliv als einquartierter Soldat auftritt und mit dicker Brille als Assistent Basilios, der genau dessen Kleidungsstil, Körpersprache und Gesang nachmacht.

Gast Enrico Marabelli als Dottore Bartolo ist international in italienischen Bassbaritonpartien tätig und ergänzt das Spektrum der Männerstimmen perfekt. In seiner Arie „A un dottor de la mia sorte“ karikiert er den „alten weißen Mann“, gerne mit akademischem Abschluss, den typischen Dottore der Commedia dell´arte, dem der junge Tenor die begehrte Angebete wegschnappt. Seine Parodie auf Dietrich Fischer-Dieskau, dessen Kunstliedgestaltung er in deutscher Sprache karikiert, ist ein Knaller.

Nicole Wacker als ältliche Rezeptionsdame Berta entwickelt ein erstaunliches komödiantisches Talent mit Niesanfällen und würzt die Ensembles mit exquisiten Spitzentönen einer Königin der Nacht, die vermutlich auch Rossini gefallen hätten. Ihr „Il vecchiotto cerca moglie“ glänzte durch präzise platzierte Spitzentöne und eskalierendes Tempo. Wie Wacker alles aus dieser kleinen Rolle herausholt, ist phänomenal.

Mit Miljan Milovic als Fiorillo, Volker Hoeschel als Ambrogio, Seogjun Jang als Polizeioffizier und einem kleinen erlesenen präzise agierenden Herrenchor in der Einstudierung von André Kellinghaus werden auch die zahlreichen Ensembles zu temporeichen Kabinettstücken des Belcanto. Dirigent Matteo Beltrami inspiriert das Beethoven Orchester zu spritziger Italianitá, und die Hip-Hopper:innen Jessica Alino, Corina Wodwarka, Gabriel de Freitas Rolfs und Kacper Iwanow sorgen nicht nur für optische Abwechslung, sondern übernehmen auch kleine Rollen wie einen bedauernswerten Patienten, der auf Bartolos Zahnarztstuhl mit dem Bohrer gequält wird. Selbst wenn man den „Barbier von Sevilla“ schon häufiger gesehen hat, ist man überrascht vom rasanten Tempo, von den ungeahnten Gags und von der hohen musikalischen Qualität. Figaro und Rosina lassen die Alten ganz schön alt aussehen! Es ist eine deftige Buffa, bei der sich die Gags überschlagen, aber nie zu sehr vom hervorragenden Gesang ablenken.

Es ist ein Plädoyer für die Jugend, Selbstironie und die Liebe. Die nächsten beiden Vorstellungen sind bis auf wenige Restkarten ausverkauft, die letzte ist am 17. Juni 2026. Am Dienstag, dem 16. Juni 2026 gibt es um 11:00 Uhr eine Schulvorstellung, die ich wegen der bildstarken und witzigen jugendnahen Inszenierung für Schüler:innen ab 10 Jahren für geeignet halte. Übertitel gibt es in deutscher und in englischer Sprache. Die Vorstellung dauert einschließlich einer Pause zwei Stunden, 40 Minuten und verspricht einen Genuss ohne Reue.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Bonn / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Bonn/ BARBIERE DI SIVIGLIA/Jessica Alino, Kacper Iwanow, Grisha Martirosyan, Corina Wodwarka/Foto: Bettina Stöß