Ein Stadtrundgang wie jeder andere war es nun wirklich nicht, den Jonas Blum von der Gedenkstätte Bonn durchführte. Es ging um die NS-Zeit in Bonn – und angesichts der detaillierten Berichte war auch der Reporter tief erschüttert.

Startpunkt war Gestapo-Zentrale

Das begann schon am Startpunkt, dem Bonner Amtsgericht. An dem blauen Haus erinnert von außen nichts mehr daran, dass hier einst die Bonner Gestapo-Zentrale stand. Innen gibt es laut Blum eine Erinnerungstafel, draußen aber nicht, wie eine Teilnehmerin anmerkte. Blum gab diese Anregung umgehend an die kommunalpolitischen Vertreter der beiden SPD-Ortsvereine weiter, die den Rundgang organisiert hatten. Zu den prominentesten Inhaftierten dort habe für einige Tage auch Konrad Adenauer gehört. 1938 wurde die Zentrale in einem einfachen Wohnhaus eingerichtet, war aber nur mit wenigen Beamten besetzt und nach dem Krieg so stark zerstört, dass das Gebäude abgerissen wurde.

Nächste Station: das Anatomische Institut der Bonner Universität. Bittere Geschichten hatte Blum dort zu erzählen. Für die Ausbildung von Nachwuchsmedizinern brauchte man dort immer Leichname. „Traditionell bestand ein Mangel an Körpern, die man für diese Zwecke verwenden konnte.“ Schon vor der NS-Zeit habe man deshalb Körper von hingerichteten Straftätern an diese Institute gegeben. „Und wer wird in der NS-Zeit hingerichtet? Das betrifft hier im Bonner Raum auch Zwangsarbeiter.“ Die konnten Blum zufolge schon für kleinste „Vergehen“ wie Liebesbeziehungen mit deutschen Männern oder Frauen hingerichtet werden, oft auch als Exempel für andere Zwangsarbeiter auf dem rechtsrheinischen Finkenberg.

„Unter den Universitäten ist ein regelrechter Streit entbrannt, wer diese Körper zugeteilt bekommen soll“, so Blum. Die Kölner und die Bonner Uni hätten sich in makabren Briefwechseln ein Gezerre um die Leichname geliefert, die Behörden hätten auch mehr Hinrichtungen zugesagt, um dem Mangel entgegenzuwirken. „Um möglichst schnell Zugriff zu erhalten, hat man von Seiten der Bonner Universität beispielsweise einen Transportsarg anfertigen lassen und den direkt an die Hinrichtungsstellen gebracht.“

Viele Unternehmen machten bei der Entrechtung mit

Die Zwangsarbeit muss vielen Unternehmern in Bonn geradezu gelegen gekommen sein. Das veranschaulichte Blum an zwei Stationen: Dort, wo heute der Uni-Campus immer weiter wächst, standen früher die Wessel-Werke, wo viele Arbeitskräfte vor allem aus dem osteuropäischen Raum zur Fertigung von Wandplatten, aber auch Fallschirmen und Zündköpfen gezwungen und dafür quasi nicht bezahlt und schlecht untergebracht wurden. Um diese billigen Arbeitskräfte anstellen zu dürfen, hätten viele Unternehmen auch auf Rüstungsproduktion umgestellt. Und auch in den Möller-Werken, deren Gebäude heute von der Firma Eaton mitgenutzt werden, hatten junge Menschen aus der heutigen Ukraine unter menschenunwürdigen Bedingungen schuften müssen.

Auch an drei Personen, die dem Nazi-Regime zum Opfer fielen, erinnerte Blum: Der renommierte Mathematiker Felix Hausdorff, ab 1921 Wissenschaftler in Bonn, durfte wegen seines jüdischen Glaubens in der NS-Zeit nicht weiter lehren. Als er aufgefordert wurde, sich zur Sammelstelle für Juden im Endenicher Kloster einzufinden, wählte er zusammen mit seiner Frau und seiner Schwägerin lieber den Freitod.

Am Geburtshaus von Karlrobert Kreiten, nach dem auf dem Campus Poppelsdorf eine Straße benannt ist, erfuhren die Teilnehmer, dass der Klaviervirtuose in Berlin wegen seiner Kritik am deutschen Krieg denunziert wurde. Kurz vor einem großen Konzertauftritt in Heidelberg wurde er 1943 festgenommen und hingerichtet. Und nicht weit von dem Haus an der Endenicher Straße entfernt erinnert heute ein Stolperstein an Robert Arthur Winkler, der als Zeuge Jehovas in Bonn wirkte, deshalb verfolgt wurde und später das KZ Sachsenhausen sowie einen Todesmarsch überlebte, obwohl er körperlich versehrt war – Glaubensbrüder transportierten ihn in einem Handkarren.