Vor fast 100 Jahren, im Jahr 1928, fängt der Winter relativ mild an. Aber Mitte Dezember, am sogenannten „silbernen Sonntag“, fängt es an zu schneien. Die Kälte hält an, jedoch wird es erst im Februar richtig eisig – die Schifffahrt auf dem Rhein wird eingestellt und der Rhein bei Karlsruhe friert teilweise zu. In den Großstädten gibt es Wassermangel. Auch Tragödien ereignen sich – in Karlsruhe stirbt eine ältere Frau an den Folgen der Kälte.
Überrascht von der Kälte und vom Schnee
Mitte Dezember, am sogenannten Silbernen Sonntag, beginnt es in Karlsruhe zu schneien. Früher hieß der vorletzte Sonntag vor dem Weihnachtsfest der „Silberne Sonntag“ und der letzte Sonntag vor Weihnachten der „Goldene Sonntag“. An diesen beiden Tagen haben die Geschäfte in der Fächerstadt offen. Aber die Kunden sind vom kalten Wetter und Schnee überrascht – bis dahin hat man gedacht, es wird ein milder Winter. Zum Glück haben die Läden auf – und die Geschäftsleute freuen sich natürlich auch, mehr warme Sachen verkaufen zu können.
Ein paar Tage später gibt es überall im Schwarzwald heftige Schneefälle. Die durchschnittliche Schneedecke ist 75 Zentimeter hoch. In Baden gibt es Verkehrsstörungen infolge des Schneefalls und auch Hochwassergefahr.
Wilde Tiere nähern sich den Dörfern
In der ersten Januarhälfte 1929 ist es so kalt, dass Rehe und Hirsche durch Hunger in die Nähe der Dörfer kommen. Es ist das erste Mal seit dem eisigen Winter vom Jahr 1848, dass so etwas vorkommt. Man legt an vielen Orten den Tieren Futter bereit, auch Heu, damit sie die schweren Wintertage überleben können. Auch die Kleinvögel leiden, da sie jetzt den Raubvögeln ausgeliefert sind. Wanderfalken und Sperber räumen in der Kleinvogelwelt auf – aber auch bei den mittelgroßen Vögeln wie Tauben, Fasanen und Rebhühnern.

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Kleine Wagen verteilen Vogelfutter.
Foto: Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Karlsruher Tagblatt 28.2.1929
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Kleine Wagen verteilen Vogelfutter.
Foto: Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Karlsruher Tagblatt 28.2.1929
Zudem führt die Kälte im Januar zu einer ganzen Reihe von Gasrohrbrüchen in der Stadt. Es wird eine amtliche Bekanntmachung erlassen, die auf die Wichtigkeit der Gefahr hinweist. Wird ein Rohrbruch vermutet, muss das dem Gaswerk mitgeteilt werden.
Die Schifffahrt auf dem Rhein wird eingestellt
Anfang Februar hält die Kälte an und es wird spekuliert, ob der Rhein zufrieren wird. Bei Bingen ist der Fluss bereits auf weiten Flächen mit Eis bedeckt, und auf dem ganzen Rhein ist die Schifffahrt eingestellt worden. Glücklicherweise haben die meisten Schiffe rechtzeitig die Häfen erreicht. Der Winter 1929 gilt bereits als einer der kältesten des 20. Jahrhunderts.

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Der Rheinhafen ist das größte Industriegebiet der Stadt Karlsruhe.
Foto: Paul Needham
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Der Rheinhafen ist das größte Industriegebiet der Stadt Karlsruhe.
Foto: Paul Needham
Der Gesamtverkehr des Karlsruher Rheinhafens im Monat Januar ist hinter dem Verkehr des Monats Dezember 1928 um rund 54.000 Tonnen zurückgeblieben, was auf eine geringere Zufuhr von Brennstoffen und eine kleinere Abfuhr von Holz zurückzuführen ist.
In Rüppurr ist die Alb zugefroren. Das Eis ist sogar zwölf Zentimeter dick, was bedeutet, dass die Leute hier Schlittschuhe fahren können.
Wassermangel und gefrorene Leitungen
Die eisige Kälte hält durch den Februar an, und Mitte des Monats kommt es erneut zu starken Schneefällen. In vielen Großstädten besteht jetzt Wassermangel – durch die anhaltende Kälte sind mehrere Hauptrohre der Wasserleitungen zugefroren. Leider hat man keine Aussicht auf milderes Wetter – und es gibt auch Opfer des schlechten Wetters. In Karlsruhe sind einem reisenden Mann beide Füße bis zum Knie erfroren, und eine ältere Frau ist an den Folgen der Kälte gestorben.
Der Rhein friert zu
An einem Sonntag Mitte Februar fahren die Karlsruher an den Rhein bei Maxau, um den halbgefrorenen Fluss im winterlichen Zustand zu erleben. Für die Fahrten sind dreizehn Sonderzüge nötig – fünf Züge nach Maxau und acht Züge für die Rückreise. Am Hauptbahnhof werden dafür 4.000 Bahnkarten gekauft und in Mühlburg 3.000. Obwohl der Rhein bei Karlsruhe noch nicht komplett zugefroren ist, wird geschätzt, dass 12.000 bis 15.000 Menschen an diesem Tag am Rhein waren.

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Die Karlsruher fahren zum halbgefrorenen Rhein.
Foto: Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Karlsruher Tagblatt 18.2.1929
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Die Karlsruher fahren zum halbgefrorenen Rhein.
Foto: Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Karlsruher Tagblatt 18.2.1929
Eine Woche später treibt das Eis bei Maxau aus den Buhnenfeldern ab, während von Philippsburg bis Mannheim eine geschlossene Eisdecke von 37 Kilometern Länge besteht. Am schlimmsten geht es in dieser Zeit den hungernden Vögeln – in Berlin verteilen kleine Wagen gratis Vogelfutter.
Aber Ende Februar sieht es weiterhin nicht besser aus. Der Wetterbericht meldet, dass es erst mal noch kälter wird.
Schlittschuhlaufen am Karlsruher Schloss
Anfang März gibt es neue Schneefälle in ganz Süddeutschland, die für massive Verkehrsstörungen sorgen. Um Karlsruhe herum zeigen sich erneut kräftige Eisbildungen, und Schulkinder benutzen die vereisten Wege am und um den Schlossplatz zum Schlittschuhlaufen. Die Stadtdienste brauchen Tage, um den Schnee von den Hauptstraßen zu schaufeln.
Pulverschnee liegt jetzt zehn Zentimeter hoch, und im Schlossgarten genießen die Kinder das Rodeln an den geneigten Flächen. Auch am Lauterberg und am Turmberg wird gerodelt und, wo möglich, Schlittschuh gefahren.
Eissprengungen an Teilen des Rheins
Abwehrmaßnahmen gegen Hochwasser und Eisgefahr müssen teilweise am Rhein eingeleitet werden, um Katastrophen zu vermeiden. Dafür werden Eisbrecher von den Behörden eingesetzt. Das beliebteste Eisbrechmittel ist Dynamit, jedoch kann die Explosion nur eine örtliche Wirkung haben und wird nur dort eingesetzt, wo das Packeis besondere Gefahren birgt. In der Nähe von der Loreley beispielsweise wird das Eis gesprengt.

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Pioniere ebnen den Weg für das Wasser.
Foto: Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Karlsruher Tagblatt 3.3.1929
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Pioniere ebnen den Weg für das Wasser.
Foto: Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Karlsruher Tagblatt 3.3.1929
Erst am Ende der ersten Märzwoche wird eine Milderung der Kälte in Karlsruhe vorhergesagt. Der Schnee schmilzt, die Nächte sind zum ersten Mal seit langer Zeit frostfrei und starkes Tauwetter tritt ein.
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Katherine Quinlan-Flatter
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