1,90 Meter. So groß ist Dijana Hammans, wenn sie ihre Rollschuhe anzieht. Die sind fliederfarben und haben Rollen, die leuchten. Fährt sie mit denen durch die Stadt, fangen die Menschen an zu strahlen – und Geschichten zu erzählen. Zum Beispiel die ältere Dame, irgendwo zwischen 70 und 80, die Dijana Hammans im inzwischen geschlossenen Popup-Space 1a Lage auf der unteren Königstraße beim Rollern zusah. „Irgendwann bin ich rausgegangen und habe ein Gespräch angefangen“, erzählt die 44-jährige Rollschuh-Enthusiastin. „Da hat sich herausgestellt: Die Dame war früher eine richtig erfolgreiche Rollkunstfahrerin.“

Es sind solche Begegnungen, die Dijana Hammans, in der Stuttgarter Kunstszene als kreatives Multitalent bekannt, mit ihrer Arbeit schaffen will. Und mit ihrer zweiten Leidenschaft: dem Rollschuhfahren. Von der 1a Lage ist Hammans inzwischen an den Österreichischen Platz gezogen. Am „Öschi“ wird immer dienstags von 18.30 Uhr bis 20 Uhr Rollschuh gefahren. Gerade ist Winterpause, doch am 3. Februar geht es wieder los.

Rollschuhfahren in Stuttgart – geht unter der Paulinenbrücke

Unter der Paulinenbrücke, auf der Urban Sports Area, die 2022 auf dem ehemaligen Parkplatz entstanden ist, wird gecruist, getrickst, getanzt – alles auf vier Rollen. Eigene Rollschuhe muss man nicht haben, die gibt es in vielen verschiedenen Größen vom Gemeinschaftserlebnis Sport kostenlos zum Leihen. Das Ganze ist Teil der Aktion „Stuttgart bewegt sich“. Die Finanzierung des „Öschi“ ist mit 150.000 Euro bis Ende 2027 gesichert. Dijana Hammans bekommt für den kostenlosen Rollschuhtreff eine kleine Ehrenamtspauschale. Aber ums Geld verdienen geht es der 44-Jährigen dabei auch nicht. „Ich möchte Menschen mit dem Rollschuh-Fieber infizieren“, sagt die fröhliche Frau mit dem sehr kurz und sehr exakt geschnittenen Pony. „Denn beim Rollschuhfahren kann man gar keine schlechte Laune haben.“

Sie ist zwei, als sie ihre Mutter das erste Mal nach Rollschuhen fragt. Mit vier Jahren bekommt Dijana Hammans endlich welche und rollert von da an durch ihren Heimatort Wendlingen. Es sind die 80er und 90er Jahre, in Stuttgart cruisen am Kleinen Schlossplatz die Rollschuhfahrer und erschrecken mit gewagten Stunts die Passanten. Zwischendurch steigt Jana Hammans auch aufs Skateboard und Inlineskates um, aber ihrer ersten Liebe bleibt sie treu. Sie studiert Wirtschaftsingenieurwesen, zieht nach Stuttgart um, arbeitet viele Jahre in der Automobilbranche. 2020 wagt sie den Sprung in ein Leben als freischaffende Künstlerin.

Fünf Jahre bei Stuttgart Valley Roller Derby

Mit 30 steigt sie bei Stuttgart Valley Roller Derby ein, die damals noch Roller Girlz heißen. Die spielen eine Art Rugby, aber ohne Ball, dafür auf Rollschuhen. Fünf gegen fünf, das Ziel ist es, dass die Jammerin die gegnerische Mannschaft überrundet, Blockerinnnen versuchen, sie davon abzuhalten. „Sieht chaotisch aus, ist aber sehr strategisch“, sagt Hammans, die in ihren fünf Jahren beim Roller Derby in vielen Ländern unterwegs war, mit der finnischen und der US-amerikanischen Nationalmannschaft trainierte durfte.

Dijana Hammans in Aktion. Foto: Hammans/Mareike Mähler

Heute fährt sie eher harmonische Kurven, macht Drehungen und bewegt ihre geliebten Leuchtflügel zur Musik. Auch riskante Downhill-Abfahrten von der Halbhöhe in den Kessel, die sie früher als Nervenkitzel gemacht hätte, sind heute nicht mehr so ihr Ding. Am „Öschi“ kann jeder und jede das tun, worauf er oder sie Lust hat: Rampen fahren, Sprünge oder Tanzschritte üben.

Oben rollt der Stuttgarter Verkehr, unten die Rollschuhfahrer

Oder erst einmal versuchen, auf den vier Rollen überhaupt stehen zu bleiben „Viele sind zuletzt als Kinder gefahren. Denen sage ich: Seid nicht enttäuscht, wenn es nicht auf Anhieb super klappt. Es dauert einen Moment, bis man wieder drin ist.“ Denn Rollschuhfahren, weiß Dijana Hammans, ist nicht wie Radfahren: Man verlernt es eben doch. Aber: „Egal ob man richtig gut ist oder gerade erst anfängt: Alle sind willkommen.“ Die Dienstagabende unter der Paulinenbrücke funktionieren nach dem Motto „Each one, teach one“ – „man bringt sich gegenseitig etwas bei, schaut sich bei den anderen was ab“. Frauen sind dort genauso wie Männer, Kinder wie Erwachsene, man rollert generationenübergreifend. Und während oben der Feierabendverkehr braust, darf unten jeder seinen Lieblingssong in die Rollerskate-Playlist einspielen.

Dijana Hammans ist ständig auf der Suche nach neuen Rollschuh-Spots. Sie verwandelte schon das ehemalige Modehaus Kögel in Esslingen in eine Rollschuhbahn, genauso wie eine entweihte Kirche im Stuttgarter Norden. In vier Musikvideos sieht man sie cruisen und in einer Folge der Soko Stuttgart auch. Sie fuhr schon Rollschuh an einem Berg in Island und auf der S21-Baustelle zwischen den Kelchstützen. „Ich habe fast überall meine Rollschuhe dabei. Und wenn ich frage ‚Darf ich hier mal fahren?’, sagen die wenigsten Nein.“

Rollschuhfahren am „Öschi“ unter der Paulinenbrücke

Es geht wieder los
Nach der Winterpause wird ab dem 3. Februar von 18.30 bis 20 Uhr dienstags am „Öschi“, der Urban Sports Area unter der Paulinenbrücke, wieder Rollschuh gefahren. Vorbeikommen kann jeder, das Angebot ist umsonst, Rollschuhe, Helme und Schoner können kostenlos ausgeliehen werden. Mehr Informationen gibt es auf Instagram: instagram.com/daj_harder