Cover: Stewart O’Nan, "Abendlied"

AUDIO: „Abendlied“: humorgetränkter Roman über das Alter von Stewart O’Nan (3 Min)

Stand: 27.01.2026 06:00 Uhr

In seinem neuen Roman „Abendlied“ beschreibt der amerikanische Schriftsteller Stewart O’Nan den „Humpty Dumpty Club“, gegründet von Damen, die von Mitte 60 bis über 80 Jahre alt sind und sich umeinander kümmern. Ein liebevoller Roman voller Trost.

von Annemarie Stoltenberg

Die Gründerinnen des Humpty Dumpty Clubs heißen Emily, Arlene, Kitzi und Susie. Sie wollen füreinander da sein, aufeinander aufpassen, sich gegenseitig unterstützen. Mitunter unternehmen sie Ausflüge oder spielen Karten.

Mit dreiundsechzig war Susie das Nesthäkchen der Gruppe, aktives Mitglied des Chors, für den die anderen längst zu alt waren, neu aufgenommen nach einer späten Scheidung. Als frischgebackene Pescetarierin, die vorbildlich ihren Müll trennte, machte sie sich Sorgen wegen des Ozonlochs, der Meere und der ukrainischen Geflüchteten und hatte immerzu Angst, ein Umstand, den die drei anderen, die einer zuversichtlicheren Generation angehörten, ihrer Jugend anlasteten.

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Helfen – auch wenn eine Lösung schwierig erscheint

Die Gespräche der Damen sind eher unpolitisch und auf die rein praktische Bewältigung eines Alltags ausgerichtet, der durch Gebrechlichkeit oder die ein oder andere Malaise schwierig geworden ist. Sie sind alle vier enorm großzügig, bewundernswert geduldig und extrem hilfsbereit. Dann ruft Jean, eine Freundin der Gruppe, um Hilfe, weil ihr Ehemann sterbenskrank geworden ist und sie nicht weiß, wie sie das bewältigen kann. Kitzi fährt zu dem Haus und hält nach dem Betreten den Atem an.

Der Graben wand sich durch ein dunkel getäfeltes Zimmer mit einem Wasserfleck an der Decke, genau in der Mitte ein mit Spinnweben bedeckter Kronleuchter, der schräg auf einem Haufen lag. Wenn es darunter Möbel gab, waren sie tief vergraben und sie fragte sich, wie viel Gewicht der Fußboden tragen konnte.

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Es ist nicht nur eine heftig aussehende Messie-Wohnung, es leben zusätzlich geschätzt vierzig Katzen darin. Es wird sehr, sehr schwierig werden, hier eine Lösung zu finden, aber selbst das werden Emily, Arlene, Kitzi und Susie irgendwie schaffen.

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Ein Roman, der Trost spendet

Niemand weiß mehr über die Organisation von Trauerfällen, als die Damen vom Humpty Dumpty Club ebenso wie das Ausräumen oder die Auflösung von Wohnungen. Arlene war früher Lehrerin und beobachtet besorgt die gesellschaftliche Entwicklung des Landes. Sie hat das Gefühl, nichts von dem, was sie ihren Schülerinnen und Schüler über gut gestaltetes Leben vermitteln wollte, habe gefruchtet.

In fünfzig Jahren hatte sich nichts geändert, und wenn sie die Nachrichten ansah, verspürte sie oft einen dumpfen Kummer, als hätte all ihre Arbeit, all ihre Sorge nichts gebracht und wäre nur Lüge gewesen. Das stimmte nicht oder war nicht die ganze Wahrheit – sie hatte eine Schublade voller Briefe von früheren Schülern, die bewiesen, dass sie etwas bewirkt hatte …

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Stewart O`Nan hat einen humorgetränkten, liebevollen Roman über das Alter geschrieben. Voller Würde und Respekt zeichnet er seine Figuren, die mit klarem Verstand und geschärfter Beobachtungsgabe die Selbstbestimmung ihres Lebens so lange wie möglich zu verteidigen wissen. Es passiert nicht viel in diesem Roman – oder doch: Eigentlich etwas sehr Großes: Lauter Biografien voller kleiner zauberhafter Überraschungen und Lebendigkeit. Es ist ein Trost, das zu lesen.

Cover: Stewart O’Nan, "Abendlied"

Abendlied

von Stewart O’Nan

Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Übersetzt von Thomas Gunkel
Verlag:
Rowohlt Verlag
ISBN:
978-3-498-00787 4
Preis:
26 €

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Romane