Am 25. Januar 1963 startete der erste James-Bond-Film „Dr. No“ in der Bundesrepublik: der Auftakt einer jahrzehntelangen Erfolgsgeschichte. In der Rolle des Geheimagenten 007 wurde Sean Connery zum Superstar. Über die Zukunft der einst so gloriosen Filmreihe wird aktuell viel spekuliert.
Manchmal erweist sich eine eher abwegige Wahl als absoluter Volltreffer. Ein Beispiel dafür ereignete sich 1961, als sich die Filmproduzenten Albert R. Broccoli und Harry Saltzman daran machten, die erfolgreichen Spionage-Romane von Ian Fleming zu verfilmen. In diesen spielt ein gewisser britischer Geheimagent namens James Bond, Codename Agent 007, die Hauptrolle. Ein trinkfester Womanizer, der im Auftrag ihrer Majestät töten darf, wenn es daran geht, die freie Welt vor düsteren Mächten zu schützen.
Diese Rolle zu besetzen, war alles andere als leicht, denn sie erforderte eine diffizile Balance mehrerer Eigenschaften: Maskulinität und Durchsetzungsvermögen, ohne grobschlächtig zu sein; Charisma und Selbstbewusstsein, ohne allzu sehr in Arroganz abzugleiten; Attraktivität, ohne zu „schönlich“ zu wirken. Und das Ganze mit lässigem Witz und Upper-Class-Stil, der „very british“ sein musste.
Die Produzenten zogen mehrere Darsteller in Betracht, um sich schließlich auf den 31-jährigen Sean Connery zu einigen. Das soll nicht nur beim Autor der Buchvorlage Fleming für ungläubig hochgezogene Augenbrauen gesorgt haben; schließlich hatte Connery einen deutlichen schottischen Akzent, war als Schauspieler unbekannt und verdingte sich zeitweise als Milchmann und Lkw-Fahrer, um über die Runden zu kommen.
Viel zu bodenständig also für die Rolle des distinguierten britischen Super-Spions. Und doch erkannten Broccoli und Saltzman Connerys Potenzial bei dessen Vorsprechen, zu dem er in eher unpassend schlunziger Kleidung erschien, dafür aber ansonsten zu überzeugen wusste. Die Produzenten sahen in ihm einen Rohdiamanten, den man nur noch etwas schleifen musste, um ihn zu einem großen Star als Bond zu machen. Sie sollten recht behalten.
Das Schleifen übernahm der Regisseur des geplanten ersten Bond-Films „Dr. No“: Terence Young. Er ließ Connery bei seinem Lieblingsausstatter einen stylischen Anzug auf den Leib schneidern, brachte dem Schauspieler die richtigen Manieren und die passende Haltung bei, führte ihn in die gehobene Gesellschaft Londons ein.
Mit eher überschaubarem Budget starteten die Dreharbeiten, welche die Crew unter anderem nach Jamaika führten. Neben dem Regisseur und Hauptdarsteller waren bei „Dr. No“ bereits weitere Akteure präsent, die bei Bond zu „Wiederholungstätern“ werden und die Filmreihe zu einer enormen, jahrzehntelangen Erfolgsgeschichte machen sollten: darunter der Filmarchitekt Ken Adam, der diverse ikonische Designs und Bauten für Bond erschuf, und der Designer der legendären Bond-Titelvorspänne Maurice Binder. Cutter Peter Hunt schnitt „Dr. No“ (wie auch folgende Bond-Filme) in damals neuartiger, rasanter Weise.
„Geschüttelt, nicht gerührt“
Das „James Bond Theme“, komponiert von Monty Norman und arrangiert von John Barry, der fast einem Dutzend Bond-Filme eine unverkennbare musikalische Note gab, wurde ebenso Bonds sofortiges Markenzeichen wie die Dienstwaffe Walther PPK (verwendet wurde bei „Dr. No“ in Wahrheit eine Walther PP), die Vorstellung „Bond. James Bond.“ und der Wodka-Martini, „geschüttelt, nicht gerührt“.
Wie auch in folgenden Abenteuern erhält Bond seinen Auftrag im Büro seines Chefs „M“ (Bernard Lee), wird von Waffenmeister „Q“ ausgestattet (hier noch gespielt von Peter Burton, in der Folge von Desmond Llewelyn), flirtet mit Sekretärin Moneypenny (Lois Maxwell), arbeitet mit seinem CIA-Kollegen Felix Leiter zusammen (dessen Darsteller oft wechselten), und trifft ein „Bond-Girl“, das ihm nicht lange widerstehen kann – in diesem Falle Ursula Andress, deren erster Auftritt im weißen Bikini Kino-Geschichte schrieb.
Am 5. Oktober 1962 hatte der Film in Großbritannien Premiere, am 25. Januar 1963 startete er in der Bundesrepublik und erwies sich als globaler Hit an den Kinokassen. Erneut unter der Regie von Young legten die Macher mit „Liebesgrüße aus Moskau“ nach, der unter anderem spannende Verwicklungen in Istanbul und einen legendären Kampf auf Leben und Tod in einem fahrenden Zug aufbot.
1964 folgte dann der vielleicht größte Klassiker unter den Bond-Filmen: „Goldfinger“. Als Regisseur fungierte hier Guy Hamilton, der neue Akzente setzte, welche neben Terence Youngs Einflüssen die Reihe im Folgenden stark prägen sollte: mehr lässiger Humor, mehr comic-hafte Überdrehtheit etwa in Form von einer Fülle an Gadgets wie Bonds ikonisches, mit einem Schleudersitz ausgestattetes Auto der Marke Aston Martin.
„Goldfinger“ wurde ein großer Hit und löste eine wahre „Bond-Mania“ aus, die mit den immer aufwendiger gestalteten Folgeproduktionen „Feuerball“ von 1965 unter Youngs Regie (mit epischen Unterwasser-Schlachten in der Karibik) und Lewis Gilberts „Man lebt nur zweimal“ von 1967 (mit Ken Adams gewaltigem Vulkan-Set, aus dem im Film in Japan Raketen starten) immer schwindelerregendere Höhen erreichte. Connery war nun ein weltweit bekannter Superstar, dem der Wirbel um Bond allerdings zu viel wurde. Ständig verfolgt von Fans und Paparazzi sowie nach seiner Meinung finanziell unzureichend am Bond-Erfolg beteiligt, trat er von der Rolle zurück.
Sämtliche seiner Nachfolger mussten sich mit seinem langen Schatten befassen, wurden an Connerys ikonischer Verkörperung der Rolle gemessen. Ob ihm spätere Bond-Darsteller dabei je das Wasser reichen konnten, bleibt unter Fans umstritten. Als ersten wählten die Produzenten erneut einen Außenseiter: das australische Werbemodel George Lazenby. Dabei kam zwar mit „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ 1969 unter der Regie von Peter Hunt ein hervorragender Bond-Film heraus (mit spektakulären Ski-Verfolgungsjagden), aber Lazenby warf dennoch nach nur einem Film das Handtuch. Nachdem Broccoli und Saltzman danach Connery zu einer einmaligen Zugabe überreden konnten („Diamantenfieber“, 1971, Regie: Guy Hamilton), bekam ab 1973 Roger Moore den Zuschlag.
Der als TV-Held Simon Templar berühmt gewordene Londoner legte die Rolle deutlich ironischer und leichter als Connery an – mit großem Erfolg an den Kinokassen. Insgesamt sieben Filme absolvierte Moore bis 1985 als Bond, wobei es 1983 zu einem Kuriosum kam: Connery kehrte ein allerletztes Mal als Bond zurück, allerdings in einem Film außerhalb der „offiziellen“ Bond-Reihe, in Konkurrenz zu Moores Film jenes Jahres. Hintergrund war ein komplizierter Urheberrechtsstreit.
Nach Moore kam Timothy Dalton zum Zug, der in zwei Filmen 1987 bis 1989 die Rolle zu ihren ernsten Wurzeln zurückführte. Dann folgte die Ära von Pierce Brosnan, der Bond mit vier Filmen nach dem Ende des Kalten Kriegs in den 1990ern modernisierte; inzwischen produziert von Albert R. Broccolis Tochter Barbara und seinem Stiefsohn Michael G. Wilson.
Schließlich verkörperte ab 2006 Daniel Craig die Rolle, der nach Meinung vieler Fans furios startete, um jedoch nach insgesamt fünf Filmen ein desaströses Erbe zu hinterlassen, weil er sich in „Keine Zeit zu sterben“ 2021 an den woke-feministischen Zeitgeist anbiederte und die Rolle in mehrerlei Hinsicht zu Grabe trug.
Seither schien es, als sei die legendäre Filmreihe damit irreparabel beschädigt und kein neuer Film mehr möglich. Dennoch erwarb der Streaming-Gigant Amazon von den Broccoli-Nachkommen die Bond-Rechte und bereitet aktuell einen neuen Film vor. Ob dabei ein neuer Filmklassiker entstehen wird, oder nur ärgerlicher, unauthentischer Streaming-„Content“ herauskommt, sorgt für rege Spekulationen. Fans der alten Stunde gehen aufgrund der Erfahrungen mit Craig und mit anderen einst großartigen Franchises, die heute in beklagenswertem Zustand sind („Star Wars“, „Star Trek“), schonmal in Deckung – und holen lieber einen der alten, verlässlichen Bond-Klassiker aus dem DVD-Regal.
Für WELTGeschichte blickt Martin Klemrath neben klassischen historischen Themen auch regelmäßig auf popkulturelle Phänomene vergangener Jahrzehnte zurück. Darunter eine weitere Film-Ikone: Rambo.