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Der Countdown für die erste bemannte Mondmission seit Apollo läuft, doch Fachleute warnen: Der defekte Hitzeschild könnte die Astronauten das Leben kosten.

Kennedy Space Center – Die bevorstehende Mondmission Artemis 2 der NASA wird von ernsthaften Sicherheitsbedenken überschattet. Wenn die vier Astronauten frühestens am 6. Februar zur ersten bemannten Mondumrundung seit über 50 Jahren aufbrechen, werden sie mit einem Raumschiff reisen, dessen Hitzeschild bei einem Testflug gravierende Schwächen offenbart hat. Diese technische Ungewissheit hat in der Raumfahrtgemeinschaft eine heftige Debatte ausgelöst.

Die Rakete für die „Artemis 2“-Mission steht bereit. Oben auf der Spitze: Die Orion-Raumkapsel mit dem Hitzeschild, der nach Ansicht mancher Fachleute ein Problem darstellen könnte. Die Rakete für die „Artemis 2“-Mission steht bereit. Oben auf der Spitze: Die Orion-Raumkapsel mit dem Hitzeschild, der nach Ansicht mancher Fachleute ein Problem darstellen könnte. © IMAGO/JOE MARINO

Bei der unbemannten Artemis-1-Mission, die 2022 um den Mond flog, entdeckten Ingenieure nach der Rückkehr zur Erde erhebliche Beschädigungen am Hitzeschild der Orion-Kapsel. Statt wie vorgesehen gleichmäßig abzutragen, hatte das schützende Avcoat-Material größere Fragmente verloren und tiefe Furchen hinterlassen. Bemerkenswert ist, dass die NASA diese Informationen erst anderthalb Jahre nach der Mission vollständig offenlegte.

NASA hat Design des Hitzeschilds geändert – das macht Fachleuten Sorgen

Der Kern des Problems liegt in einer fundamentalen Designänderung. Im Gegensatz zur wabenartigen Struktur der Apollo-Ära entschied sich die NASA 2015 für eine Blockbauweise des Hitzeschilds. Diese Konstruktion erwies sich jedoch als problematisch: Das Material war nicht ausreichend gasdurchlässig. Die monatelange Untersuchung nach der Landung von Artemis 1 ergab, dass sich beim Wiedereintritt Gase im Inneren des Schildes ansammelten, was zum Abplatzen von Material und zur Bildung von Rissen führte.

Anstatt den bereits installierten Hitzeschild für Artemis 2 auszutauschen, hat die NASA eine alternative Strategie entwickelt. Die Raumkapsel soll nun auf einer modifizierten Flugbahn mit steilerem Winkel in die Erdatmosphäre eintreten. Dadurch soll die Zeit maximaler Hitzebelastung verkürzt und weiterer Materialverlust minimiert werden. Diese Entscheidung hat den Starttermin bereits nach hinten verschoben.

„Space Launch System“ der Nasa: So ist die Mond-Rakete SLS aufgebautDie neue Rakete „Space Launch System“ (SLS) soll für die US-Raumfahrtorganisation Nasa zum Mond fliegen. Geplant ist, dass sie in Zukunft Menschen zum Erdtrabanten befördert. Doch noch steht der Jungfernflug aus. Wie die Nasa-Mond-Rakete aufgebaut ist.Fotostrecke ansehen„Was sie vorhaben, ist verrückt“, sagt ein ehemaliger NASA-Astronaut

Die Expertenmeinungen zu dieser Herangehensweise könnten unterschiedlicher kaum sein. Dr. Charlie Camarda, ehemaliger NASA-Astronaut und Hitzeschild-Experte, findet bei CNN deutliche Worte: „Was sie vorhaben, ist verrückt.“ Camarda, der nach der Columbia-Katastrophe 2003 selbst ins All flog, gehört zu einer Gruppe früherer NASA-Mitarbeiter, die versuchten, die Führungsebene vor den Risiken zu warnen.

Dr. Dan Rasky, ein weiterer Spezialist für Wiedereintrittstechnologien mit über drei Jahrzehnten NASA-Erfahrung, teilt diese Bedenken: „Der Grund, warum dies so wichtig ist, liegt darin, dass man sich bei einer Abplatzung des Hitzeschilds – oder wenn große Teile davon abbrechen –, selbst wenn das Vehikel nicht zerstört wird, nun unmittelbar vor einem beginnenden Ausfall befindet.“ Er vergleicht die Situation mit einem gefährlichen Balanceakt: „Es ist, als ob man am Rand einer Klippe an einem nebligen Tag steht.“ Rasky ist überzeugt, dass die NASA keine Besatzung mit diesem Hitzeschild fliegen lassen sollte.

Experte sicher: „Wird der Hitzeschild Risse bekommen? Ja, er wird Risse bekommen“

Auf der anderen Seite steht Dr. Danny Olivas, der nach intensiven Gesprächen im NASA-Hauptquartier Anfang Januar zu einem anderen Schluss gekommen ist. „Ich vertraue diesen Ingenieuren nachdrücklich und den Programmmanagern, die sie leiten“, erklärt der ehemalige Astronaut, der an der Untersuchung des beschädigten Hitzeschilds beteiligt war. Gleichzeitig räumt er ein: „Wird der Hitzeschild Risse bekommen? Ja, er wird Risse bekommen.“ Auch Dr. Steve Scotti vom NASA Langley Research Center zeigt sich optimistisch: „Ich habe keine starken Befürchtungen, dass die Crew in Gefahr ist.“

Die aktuelle Kontroverse weckt schmerzhafte Erinnerungen an frühere NASA-Katastrophen. Sowohl beim Unglück der Columbia 2003 als auch bei der Challenger-Explosion 1986 kamen jeweils sieben Astronauten ums Leben. Besonders alarmierend: Die NASA hatte die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Shuttle-Unfalls ursprünglich auf 1:100.000 geschätzt. Die traurige Realität nach 135 Missionen: zwei Katastrophen mit 14 Toten – ein Verhältnis von 1:67,5, wie Camarda betont.

Die Orion-Kapsel nach der Mission „Artemis 1“. Die Kapsel sieht nach dem Wiedereintritt in die Erdatmosphäre deutlich mitgenommen aus. (Archivbild)Die Orion-Kapsel nach der Mission „Artemis 1“. Die Kapsel sieht nach dem Wiedereintritt in die Erdatmosphäre deutlich mitgenommen aus. (Archivbild) © IMAGO/Mario TamaNASA-Chef ist überzeugt vom Hitzeschild: „Haben volles Vertrauen“

„Ich denke, es ist berechtigt, zu hinterfragen, was bei der NASA passiert“, gibt Olivas zu bedenken, „denn unsere Geschichte ist nicht perfekt.“ NASA-Administrator Jared Isaacman, der kürzlich ein Treffen einberief, um kritische Stimmen anzuhören, bekräftigt dennoch: „Wir haben volles Vertrauen in das Raumschiff Orion und seinen Hitzeschild, basierend auf strengen Analysen und der Arbeit außergewöhnlicher Ingenieure, die die Daten während des gesamten Prozesses verfolgt haben.“

Für kommende Artemis-Missionen plant die NASA bereits verbesserte Hitzeschild-Technologien. Bei einer Pressekonferenz im Dezember 2024 kündigten Verantwortliche an, die Produktionstechnik zu optimieren, um durchlässigere Schilde herzustellen.

NASA-Personal arbeitet am Hitzeschild der Orion-Kapsel. (Archivbild)NASA-Personal arbeitet am Hitzeschild der Orion-Kapsel. (Archivbild) © imago images/ZUMA Wire/NASAArtemis-2-Crew vertraut der NASA-Mission, die sie zum Mond bringen soll

Die Artemis-2-Crew – Reid Wiseman, Victor Glover, Christina Koch und der Kanadier Jeremy Hansen – hat öffentlich ihr Vertrauen in die Mission bekundet. Kommandant Wiseman erklärte im Juli: „Wenn wir uns an den neuen Wiedereintritts-Pfad halten, den die NASA geplant hat, dann wird dieser Hitzeschild sicher zu fliegen sein.“

Mitte Januar wurde die gewaltige SLS-Rakete mit dem Orion-Raumschiff zum Startplatz transportiert. Nach einer für Ende Januar geplanten Generalprobe steht die finale Flugbereitschaftsprüfung an, bei der die NASA-Führung über die Startfreigabe entscheidet. Die vierköpfige Crew hat sich bereits in Quarantäne begeben – der erste potenzielle Starttermin rückt unaufhaltsam näher. (Quellen: CNN, eigene Recherche) (tab)

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