Unterwegs im Stuttgarter Leonhardsviertel, dem Rotlichtbezirk der Landeshauptstadt, Schauplatz eines bizarren Streits zwischen kommunaler Politik und Bordell- sowie Barbetreibern. Die Nacht ist schon da. Das kurze Studieren einer Getränkeliste bei einer mit Guckloch versehenen, rot angestrahlten Türe führt im Handumdrehen zu einer Reaktion aus dem Inneren des Etablissements.

Eine in die Jahre gekommene „Dame“ öffnet  und bittet nachdrücklich hinein ins schummrige Ambiente. Elona nennt sie sich, führt zum Tresen und stellt eine für solche Einrichtungen klassische Aufwärmfrage: „Zahlst Du mir ein Getränk?“

Einladung ins Separee

Nun gut, das Billigste: einen Piccolo für 20 Euro. Was folgt, ist erwartbar. Die einst von Bosnien zugereiste Rotlicht-Veteranin fordert auf, man könne sich doch „im Separee vergnügen“. Lieber nicht. Man lugt nach dem Notausgang, schafft es am Schluss aber unbeschadet durch die reguläre Türe hinaus auf die kaum weniger schummrige Seitengasse mitten im Leonhardsviertel.

Alles wie gehabt, schießt es einem als Gedanke durch den Kopf. Die Erinnerungen gehen vier Jahrzehnte zurück. Als neugieriger junger Mann aus der Stuttgarter Neckargegend hatte man seinerzeit in selbiger Gasse auch schon mal die so oft berichtete Verruchtheit des Viertels näher betrachten wollen – und dann vorsichtshalber die Flucht ergriffen.

Empfohlene Artikel

Wobei der jetzige Besuch einen anderen Hintergrund hat. Es geht um die besagte Auseinandersetzung, bei der sich Vertreter der Stadt und Milieugrößen beharken. Das Ergebnis könnte sein, dass die roten Lichter im Leonhardsviertel auch zu einer bloßen Erinnerung werden. Die Bordelle sollen nämlich nach dem Willen der Stadt weg – und damit das ganze Sexgeschäft in diesem Quartier verschwinden.

Also kein „City Eros Center“ mehr, auch kein „Edelweiss“, „Madeleine“ oder „Girl’s, Girl’s Girl’s“. Neben solch typischen Bordellen für ausschließliche Dienstleistungen von Prostituierten sind ebenso schlüpfrige Kontaktbars infrage gestellt: Animierschuppen, bei denen es vordringlich um den teuren Getränkekonsum der Gäste geht, wo aber auch der erkaufte intime Verkehr im Bereich des Möglichen liegt – so wie bei Elona. Rund 15 solcher Betriebe stehen auf der Kippe. Aber auch reine Table-Dance-Klubs und Pornokinos gelten als unerwünscht.

„Warum eigentlich?“, fragt einer der Passanten, die man zu späterer Stunde im Leonhardsviertel anspricht. Andreas nennt sich der im mittleren Alter befindliche Mann. Mehr will er zu seiner Herkunft nicht sagen. Jedenfalls meint Andreas, die Gegend sei so „O.K., wie sie ist“. Er spricht von „spannend“ und auch von  „abwechslungsreich“.

Um Moral geht es nicht

Ähnlich äußern sich andere Spätbummler. Zu den Plänen der Stadt herrscht eine gewisse Ratlosigkeit. Der eine oder andere vermutet, die Stadt Stuttgart wolle generell gegen Prostitution vorgehen. Nun ließe sich von hoher moralischer Position aus natürlich sagen, dies wäre kein Fehler. Der Ruf des Sexgewerbes ist schließlich miserabel. Es wird mit Zwang und Ausbeutung in Beziehung gebracht, mit Verkommenheit und kriminellen Verhältnissen. Selbst Kunden ziehen es üblicherweise vor, sich eher nicht beim Bordellgang erwischen zu lassen.

An besagtem Abend lässt sich dies bei den entsprechenden Etablissements beobachten, beim „Eros Center“, beim „Madeleine“ und sonstwo: Eintritt mit schnellem Schritt sowie über den Kopf gezogener Kapuze – oder ältere Herren mit hochgeschlagenem Mantelkragen. Immerhin ist unbestritten, dass auch mancher ansonsten biedere Ehemann geheime Abenteuer suchen kann.

Winters wird der Betrieb im Stuttgarter Leonhardsviertel eher überschaubar.Bild vergrößern

Winters wird der Betrieb im Stuttgarter Leonhardsviertel eher überschaubar. (Foto: Uwe Jauß)

So weit die moralische Seite – oder ganz einfach die Unmoral. Eine erste Erkenntnis der Recherchen birgt jedoch eine bemerkenswerte Überraschung. Demnach steht sittliches Empfinden gar nicht im Mittelpunkt der Streitereien ums Leonardsviertel. Um dies zu verstehen, ist eine genauere Beschreibung desselben nötig.

Eine recht lauschige Ecke

Bei diesem Quartier handelt es sich um einen der letzten Reste der im Stuttgarter Talkessel gelegenen ehemaligen Altstadt. Das nach einer bereits im Spätmittelalter existierenden Kirche benannte Viertel hat nicht nur den Bombenterror der Alliierten im Zweiten Weltkrieg einigermaßen brauchbar überlebt. Es überstand auch den modernistischen, durch Stadtautobahnen und Großkaufhäusern geprägten Wiederaufbau danach.

Mit anderen Worten: Eine recht lauschige Ecke ist übrig geblieben. Sie und ihr näheres Umfeld lassen sich durchaus auch als Vergnügungsmeile beschreiben – auch abseits von Kunden für Prostituierte. So lässt einen der Blick auf das Angebot eines Wirtshauses unweit der Leonhardskirche staunen: Saure Kutteln stehen darauf – mit Spätzle. Ländlicher geht es fast nicht mehr.

Auf der südlichen Seite des Viertels am Wilhelmsplatz tummeln sich gerne Studenten der Stuttgarter Hochschulen im La Concha, einer rustikalen Alternativ-Kneipe. Die Gourmet-Wirtschaft L’Hommage hat eine Speisekarte für verwöhnte Gaumen. Weitere Cafés und Bars bieten alles Mögliche abseits von Sex an. Ein Ambiente, das den kommunalen Verantwortlichen wohl entgegenkommt.

Die Pläne der Stadt

„Die Stadt möchte das Leonhardsviertel vom bisherigen Rotlichtmilieu zu einem lebendigen Ausgehbezirk entwickeln“, meldet die Pressestelle der Neckar-Metropole. Vom grünen Baubürgermeister Peter Pätzold stammt die Aussage, ein Verschwinden der Bordelle würde „eine Aufwertung des gesamten Quartiers hier direkt in der Innenstadt“ bedeuten.

Bemerkenswerterweise lässt sich von Stuttgarts Oberbürgermeister kein Zitat finden, in dem es konkret um eine Neugestaltung des Leonhardsviertels geht. Bei ihm handelt es sich seit 2021 um den CDU’ler Frank Nopper. Was er sagt, ist eher allgemein gehalten. So sollen laut seinen Worten diverse Stadtviertel aufgewertet und sicherer werden.

Das Leonhardsviertel tagsüber.Bild vergrößern

Das Leonhardsviertel tagsüber. (Foto: Heinz Heiss)

Wobei das Leonhardsviertel schon seit 20 Jahren auf dem Radar der Stadtverwaltung ist. Die Kriminalität nehme zu, hieß es damals von offizieller Seite. Die Gegend sei „ein Schandfleck“. Möglicherweise schlug aber auch etwas anderes zu Buche: Das Sexgeschäft liegt eben relativ zentral.

Prostitution und die „Vereinigten Hüttenwerke“

Es befindet sich in Laufweite vom Rathaus, vom Neuen Schloss mit seinen Ministerien, vom Landtag sowie der mühevoll aufgebauten Kulturmeile mit Oper und Museen. Dies könnte zunehmend als unpassend betrachtet worden sein – zumal das Rotlichtmilieu im Leonhardsviertel keine Langzeit-Tradition hat.

Bis zu den 1970er Jahren waren die „Vereinigten Hüttenwerke“ für das Geschäft mit der käuflichen Liebe zuständig gewesen. Den Namen hat Stuttgarts legendärer Nachkriegsoberbürgermeister Arnulf Klett geprägt. Es handelte sich um ein Sammelsurium aus Baracken, die nach 1945 in Trümmern der Stadt rasch zusammengenagelt worden waren, sprichwörtlich bekannt für Rock’n Roll und Prostitution.

Sie lagen unweit des Leonhardsviertels jenseits der heute vielspurig ausgebauten Hauptstätter Straße – praktisch in Nachbarschaft zum Rathaus. Die Stadtoberen verfielen aber bald auf Sanierungspläne für die „Hüttenwerke“. In den 1980er Jahren wurde dort der inzwischen auch schon wieder abgerissene Einkaufstempel Schwabenzentrum hochgezogen.

Rebellion gegen die städtischen Pläne

Zuvor waren die allermeisten Rotlicht-Betriebe ins Leonhardsviertel verlagert worden – damals praktisch ein Abbruch-Ensemble. Aber die Zeiten haben sich offensichtlich geändert. Das Viertel verspricht, Zukunft zu haben. Doch die damalige kommunale Entscheidung zur Verlagerung des Sexgeschäfts lässt sich nicht so einfach revidieren, wie man es heutzutage im Rathaus gerne hätte.

Weshalb dies so ist, macht der führende Rebell gegen die städtischen Pläne deutlich. Er heißt John Heer, betreibt zwei Bordelle im Leonhardsviertel und ist zudem Vorstandsvorsitzender des Deutschen Laufhausverbands.

So etwas gibt es tatsächlich. Unter Laufhaus ist dabei ein Bordell ohne Barbetrieb zu verstehen. Die Damen warten auf Zimmern. Kundschaft kann durch die Gänge laufen und nach einer gefälligen Prostituierten Ausschau halten.

Eine Prostituierte wartet auf ihrem Zimmer in einem Bordell auf Kundschaft.Bild vergrößern

Eine Prostituierte wartet auf ihrem Zimmer in einem Bordell auf Kundschaft. (Foto: Andreas Arnold/dpa) (Symbolfoto)

Heers beide Bordelle im Leonhardsviertel gehören in diese Kategorie. Wobei er gegenüber der Stadt seit Jahren nachdrücklich betont, dass diese Bestandsschutz genießen würden: „Die Aufnahme der Nutzung in unseren Gebäuden war 1973 nachweislich und seither durchgängig.“ Ein Einwand, der die kommunalen Vorstellungen durchkreuzen könnte.

Ein Bordellbesitzer sieht sich rechtlich abgesichert

Die Stadt hat nämlich zuletzt ihre Pläne vorangetrieben. Kurz vor Weihnachten 2024 verabschiedete der Gemeinderat einen neuen Bebauungsplan für das Leonhardsviertel. Anrüchige Einrichtungen sind darin nicht mehr vorgesehen.

Heer betrachtet den Beschluss relativ gelassen, sieht sich rechtlich auf der sicheren Seite. Dennoch existiert von seiner Seite aus eine Bereitschaft, die Bordelle zu verkaufen: „Aber zu marktüblichen Preisen.“ Was das hoch verschuldete Stuttgart zig Millionen an Euros kosten würde. Entsprechend verschnupft ist die Reaktion aus dem Rathaus.

Letztlich könnte die Angelegenheit von Gerichten entschieden werden. Wobei die Stadt droht, in Erklärungsnöte zu kommen. Sie duldet nämlich abseits von Heers Etablissements seit rund 17 Jahren den Betrieb zweier  ungenehmigter Bordelle. Gemeint sind das „Madeleine“ und das „Girl’s, Girl’s, Girl’s“. Der Grund für die juristische Malaise: Die Stadt hat einen einstigen langen Rechtsstreit um den Bestand dieser Freudenhäuser  genervt eingefroren – ohne Lösung.

Eine komplizierte Angelegenheit

Kommunalpolitik durch Wegschauen, könnte man sagen. Zumal Vergleichbares für die sogenannten Animierlokale gilt. Erlaubt ist offiziell nur das Anreizen zum Getränkekonsum, sei es durch Pornofilme oder Sex-Tänze. Separee und geschlechtliches Verkehren gehören nicht dazu, werden aber dennoch von Fall zu Fall angeboten – wie man schließlich selbst bei den Recherchen erleben konnte.

Eigentlich ist der Sex den vier örtlichen Bordellen vorbehalten. Rund 75 „Damen“ sollen darin anschaffen, schätzt Heer. Bemerkenswerterweise bekommt er beim Schutz dieser Arbeitsplätze indirekt Unterstützung von außerhalb des Milieus. Sozialarbeiter wie Polizei lassen durchblicken, ihnen sei eine legale und kontrollierbare Prostitution im Leonhardsviertel lieber als ein außergesetzlicher Wildwuchs irgendwo in Privatwohnungen des Großraums Stuttgart. „Durch ein Schließen der Bordelle verschwindet das Geschäft ja nicht“, wird argumentiert.

Indes hat die Stadt ihre Argumentationsbasis gegen das Leonhardsviertel verbreitet. Sie verortet eine angebliche Lärmbelästigung durch das Rotlichtmilieu. Speerspitze der kommunalen Ziele scheint dabei die fürs Leonhardsviertel zuständige Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle geworden zu sein, eine Angehörige der Grünen.

Sie will in der Vergangenheit immer wieder Störungen durch mutmaßliche Freier ausgemacht haben. Heer sowie auch andere Größen des Leonhardsviertels verneinen dies. Vergangenen Sommer eskalierte der Streit. Ursache war die noch sehr junge „Uhu-Bar“.

Ärger wegen eines Alternativ-Lokals

Sie ist ein Betrieb ohne erotische Komponente und lässt sich als eher linkes Alternativ-Lokal mit Straßenbetrieb sowie Musikbeschallung beschreiben. Kritische Lärmpegel können erreicht werden. Was Heers Seite der Bezirksvorsteherin unter die Nase rieb. Kienzle meinte laut örtlicher Medien dazu, Regeln müssten zwar eingehalten werden. Aber: „In der Uhu-Bar trifft sich die junge kreative Szene, wie wir sie uns wünschen für das Viertel.“

Die örtliche Rotlicht-Veteranin Elona, jene Frau vom Anfang der Geschichte, hat ihren eigenen Blick auf das „Uhu“. In ihrer Animierbar mit Separee ist man beim Gespräch kurz auf dieses Thema gekommen. Elona verortet dort in erster Linie Drogenkonsum: „Da riecht es nach Haschisch.“ Ob’s stimmt, lässt sich auf die Schnelle nicht feststellen. Nach Gesetzeslage wäre der Joint ja auch nicht verboten – genauso wenig wie Bordelle.