
Hier bleibt vieles im Halbdunkel: »Heimsuchung« am Deutschen Theater
Foto: Eike Walkenhorst
Am Deutschen Theater hatte man in einer nachholenden, etwas peinlichen Geste der Klassikerstürmung kürzlich noch Schillers »Räuber« der Lächerlichkeit preisgegeben (und sich damit selbst ein bisschen lächerlich gemacht). Nicht mehr als verstaubter Kanon, der gut aufgehoben ist in irgendwelchen Reclam-Heftchen, die man dann kostümbildnerisch auf der Bühne ausgestellt hat.
Zu einem ebensolchen gelben Reclam-Heftchen hat es auch Jenny Erpenbecks »Heimsuchung« gebracht. Kein alltäglicher Fall für einen Roman, der keine 20 Jahre alt ist. Ihr Buch ist früh zu einem modernen Klassiker geworden, der im Übrigen von Volker Schlöndorff derzeit für das Kino hergerichtet wird.
»Heimsuchung« ist ein so klug wie elegant konstruierter Roman. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts und seiner Verwerfungen erzählt Erpenbeck anhand eines Hauses, zwischen Frankfurt an der Oder und Berlin gelegen, direkt am Scharmützelsee. Es ist das Haus, in dem sie als Kind zu Besuch war, in dem ihre Großeltern lebten, die kommunistischen Schriftsteller Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck.
Die vielen Bewohner und Gäste werden mit eigenen Kapiteln bedacht: der Architekt, der sich hier verwirklichen will, die jüdische Familie, die von hier vertrieben wird und den Tod findet, Soldaten, die das Land einnehmen. Das Unglück der einen wird zum Glück der anderen; das ist die Gewalt der Geschichte. Und dazwischen begegnet uns immer wieder ein Gärtner, der sich fernhält von den Menschen und seiner nicht entfremdeten Tätigkeit nachgeht. Ein letztes bisschen Hoffnung angesichts untröstlich stimmender Zeitläufte.
Nun hat die Dramaturgieabteilung des Deutschen Theaters Berlin bemerkt, dass Erpenbecks Roman in mehreren Bundesländern, darunter auch in der Hauptstadt, in diesem Jahr zum Abiturstoff erklärt wurde. Und hat eine Adaption auf den Spielplan gesetzt. Vielleicht, mag man sich gedacht haben, kann man so die Auslastungszahlen ein wenig in die Höhe treiben. Die Entscheidung von Schauspielhäusern, ihr Repertoire ausgerechnet an Lehrplänen auszurichten, ganz so, als handele es sich bei Theatern um hochsubventionierte Einrichtungen für den Nachhilfeunterricht, ist zweifelhaft. In diesem Fall erscheint sie geradezu absurd, weil Erpenbecks Vorlage in Prosa eine Inszenierung auf der Bühne durchaus nicht nahelegt.
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Die Dramaturgie hat sich also mit dem Curriculum für die Berliner Abiturienten vertraut gemacht. Und sonst? Nichts. Auf viel Kopfarbeit hat man offenbar verzichtet. Es handelt sich um einen weiteren Fall einer um sich greifenden Verpuffungsdramaturgie, die derzeit die Stadttheater regiert.
Mit reichlich Nebel und diffusem Licht, einer Kinderdarstellerin und musikalischem Klimbim, mit großen Gesten und unzähligen Runden, die die Drehbühne kreist, wird der Text atmosphärisch zugekleistert. Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Regisseur Alexander Eisenach, der auch die Textfassung besorgt hat, mit dem Roman auf der Bühne nichts anzufangen weiß, dass hier nur szenischer Leerlauf herrscht, dem das Publikum für zwei und eine dreiviertel Stunde ausgesetzt ist.
Worin besteht eigentlich die Stärke des Erpenbeck’schen Textes? Die etwas zum Klischee verkommene Feststellung, die Sprache in einem Roman sei überaus poetisch – hier stimmt sie wirklich. »Heimsuchung« ist unfassbar verdichtet geschrieben, nahezu monolithisch (und auch deshalb für eine Bühnenadaption ungeeignet). Naturbeschreibung und Schilderung innerer Eindrücke, skizzierte Lebensläufe und Beschreibung äußerer Einschläge fügen sich zu einem Ganzen und verleihen dieser Literatur, mit ihr der Geschichte des 20. Jahrhunderts, etwas bedrückend Schicksalhaftes. Die Hausbewohner wechseln wie die Gezeiten, und am Ende wird auch der märkische See nur mehr Wüste sein.
Erpenbeck erzählt keine Handlung, die sich in Szenen auflösen ließe, sondern lässt Geschichte eindrucksvoll zu Sprache werden. Der Versuch, dem Gewicht des Textes auf dem Theater gerecht zu werden, scheitert zwangsläufig. Der rein illustrative Umgang mit dem Text und die affektierten Überbetonungen beschädigen die Vorlage nur. Höchstens ein nüchterner Vortrag dieses gewaltigen Textes und ein Bühnengeschehen, das diesen nicht bebildert, sondern ihn kontrapunktisch herausfordert, hätte zumindest für Spannung im Zuschauersaal sorgen können.
»Literatur«, so ließ Heiner Müller einmal wissen, »muss Widerstand gegen das Theater leisten.« Aber, will man heute hinzufügen, das Theater muss diesen Widerstand auch produktiv zu machen wissen.
Nächste Vorstellungen: 30.1., 4. und 13.2.
www.deutschestheater.de