
In Essen können Besucher mit dreidimensionalen Lichtbildern von Holocaust-Überlebenden sprechen. Die Antworten stammen aus echten Interviews. © Oliver Berg/dpa
2 Min Lesezeit
Mit einer europaweit bislang einzigartigen Technik will die nordrhein-westfälische Landesregierung die Erinnerung an das Leid der Juden während des Nationalsozialismus wach halten. In Essen können Besucher in einen Austausch mit dreidimensionalen Lichtbildern von Holocaust-Überlebenden kommen. Besucher können Fragen stellen – und die sogenannten Hologramme der Zeitzeugen antwortet darauf.
„Wie hast du es geschafft, zu überleben?“, fragt ein Schüler der Elsa-Brändström-Realschule. Die virtuelle Inge Auerbacher scheint kurz zu überlegen. Dann beginnt sie zu erzählen: „Ohne Hoffnung konnte man das nicht durchstehen.“

Wenn man ihr zuhört und sie dort in Lebensgröße auf ihrem blauen Sessel sitzen sieht, könnte man fast vergessen, dass es nur ein dreidimensionales Video der Holocaust-Überlebenden ist, das auf die Bühne projiziert wird. Die Antworten auf 900 mögliche Fragen hat die Zeitzeugin schon vor Jahren gegeben. Und doch wird Geschichte durch ihren Bericht anschaulich und begreifbar. „Frag nicht dein Geschichtsbuch. Frag Inge“, lautet ein Slogan der Ausstellung „Holo-Voices“, die nun in Essen in der Zeche Zollverein gezeigt wird. Sie wurde am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus eröffnet.
Eva Weyl (r) und Wolfgang Polak (l) Zeitzeugen und Holocaust-Überlebende, stehen mit Ina Brandes, Kulturministerin in Nordrhein-Westfalen, vor der Eröffnung der Ausstellung „Holo Voices“ zusammen.© picture alliance/dpa
Holocaust-Ausstellung in Essen: Hologramme beantworten Fragen
Das Hologramm von Inge erzählt dann von der antisemitischen Verfolgung durch die Nazis, von ihrer Deportation nach Theresienstadt, von ihrem Leiden und auch von schönen Momenten – etwa davon, wie sie als Kind unbeschwert mit nicht-jüdischen Nachbarsmädchen spielen konnte, weil die Religion den Kindern einfach egal war.
Man müsse Wege finden, die Stimmen von Zeitzeugen für die Ewigkeit zu bewahren, sagt NRW-Kulturministerin Ina Brandes (CDU). Die meisten Überlebenden seien inzwischen 90 Jahre und älter. „Sie werden uns ihre Geschichte nicht mehr lange erzählen können.“
Die Gespräche in der Ausstellung „Holo-Voices“ auf Zeche Zollverein in Essen werden zwar mit Hilfe moderner Technik und künstlicher Intelligenz geführt. Die Antworten seien aber die authentischen Antworten echter Zeitzeugen. „Die Antworten der Holocaust-Überlebenden werden nicht verfremdet, zusammengeführt, gekürzt oder ergänzt“, betonte Brandes. „Der Fragesteller bekommt immer die Original-Schilderung der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu hören.“
Noch laufen die letzten Arbeiten – doch in einigen Monaten soll auch das Hologramm von Eva Weyl ein Teil der Ausstellung in Essen werden. (Archivbild)© Bernd Thissen/dpa
KI wird gerade für weitere Zeitzeugen angelernt
Auerbachers Hologramm stammt noch aus einer älteren Aufnahme, als das „Deutsche Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek“ in Frankfurt Zeitzeugen befragte.
Doch das Projekt „Holo-Voices“ auf Zeche Zollverein in Essen soll immer größer werden: Weitere Zeitzeugen werden im Moment von Journalistik-Studenten der Technischen Universität Dortmund befragt. Als Nächstes soll das Hologramm von Eva Weyl, der Tochter eines Textilkaufmanns aus Kleve am Niederrhein, zur Ausstellung hinzugefügt werden. Das Interview mit ihr wird im Moment digital aufbereitet.

Dass ihre Stimme womöglich noch in vielen Jahrzehnten jungen Leuten die Schrecken des Nationalsozialismus begreifbar macht, ist für die 90-jährige Weyl etwas Besonders. „Die moderne Technik mit KI ist fantastisch. So kann ich mithelfen, dass die Geschichte bewahrt bleibt“, sagt sie. „Unsere Stimmen werden nicht verstummen.“
Sie hoffe, dass die Jugend dadurch den Wert der Freiheit verstehe, sagt Weyl. „Dass Freiheit eine kostbare Sache ist. Und dass man mithilft, die Freiheit zu bewahren.“

dpa