„Mein Wahlkreis“, so beantwortete Johannes Rau 1966 im Landtagswahlkampf eine Frage nach seiner Adresse. Die Politik war sein Zuhause. Er war schon damals ein Homo Politicus durch und durch – und das mit 35 Jahren.

An der Wiege ist ihm sicher nicht gesungen worden, dass Politik sein Leben werden sollte, und schon gar nicht in der SPD. Ein frommes evangelisches Elternhaus sprach eher nicht dafür. Und doch ist es so gekommen.

Nach knapp einem Jahr in der SPD wurde er 1958 zum Mitglied des Landtags gewählt; er blieb es bis zu seiner Wahl zum Bundespräsidenten. Eine für damalige Verhältnisse eigentlich nicht mögliche Entwicklung, weil ihm ja jede vorherige Mandatserfahrung fehlte, und jede Parteiarbeit ohnehin. Aber er hatte Gaben, die politisch stärker waren. Er war den Menschen zugewandt; er ließ jeden einzelnen wissen, dass er ihn ernst nahm. Er hatte ein vorzügliches Namensgedächtnis. Und: Er konnte reden. Nein, er war kein Volkstribun (dazu fehlte ihm wahrscheinlich auch die Stimme)! Aber er war der beste Kammerredner, den ich kennengelernt habe.

Damit gelang ihm, nach einer brillanten Vorstellungsrede als Außenseiter zum Vorsitzenden der NRW-SPD gemacht zu werden und den hohen Favoriten Friedhelm Farthmann zu schlagen. Der Weg zum Ministerpräsidenten von NRW war damit frei.

Johannes Rau war der Menschenfischer schlechthin, er hatte ein hochsensibles politisches Gespür. Das half ihm, politische Hürden und Fallen zu vermeiden. Da er in politischen Grundsatzfragen nicht exponiert war, wohl aber im Zusammenführen, war das ein weiterer Faktor auf dem Weg „nach oben“. „Versöhnen statt spalten“ war sein politisches Motto; es wurde zur Markierung seines politischen Wegs.

Er ließ nicht nach in dem Bemühen, die „Politik menschlicher“ zu machen. Das Rathaus, so wurde er nicht müde zu betonen, solle das Haus sein, aus dem man sich Rat holt, es dürfe nicht nur Produktionsstätte von Verwaltungsakten sein.

Für die Bürger von Wuppertal war er ihr „Johannes“. Er tröstete und half, wo immer es ging. Er spielte Skat und war in jedem Verein gern gesehener Gast. Er war da, bei Taufen, Geburtstagen und Beerdigungen. Er besuchte unangemeldet Kranke – auch noch als Ministerpräsident und ohne Fahrer.

Johannes Rau hat als Oberbürgermeister bei den Bürgern den Sinn dafür wieder geweckt, dass sie auf diese Stadt stolz sein können und „Knöttern“ dem nicht unbedingt dienlich ist.

In diesem Sinn hat er wohl auch Nordrhein-Westfalen geprägt. Eine Art OB von Nordrhein-Westfalen war er ja, einer, der sich auch der kleinen Sorgen der Bürger annahm. Er hat nie aufgehört, daran zu arbeiten, dass die eigentlich nicht zusammenpassenden Landesteile Rheinland, Westfalen und Lippe auch im Bewusstsein der Bürger zum Land Nordrhein-Westfalen zusammenwuchsen. Johannes Rau ist mit seiner Art ein politischer Solitär geblieben.