Russland setzt bei der Rekrutierung von Soldaten zunehmend auf den globalen Süden – und nutzt dabei laut Recherchen des „Telegraph“ bestehende Migrationsnetzwerke, in denen Armut, Hoffnungslosigkeit und aggressive Werbeversprechen seit Jahren eng miteinander verwoben sind. Dem Bericht zufolge werden viele der angeworbenen Männer aus Afrika, Asien oder Lateinamerika mit Angeboten für vermeintlich sichere Jobs nach Russland gelockt und erst vor Ort mit ihrem tatsächlichen Einsatz konfrontiert: an der Front im Ukraine-Krieg.

Forschende des französischen IFRI‑Instituts beschreiben in dem Artikel Mechanismen, die teilweise stark an Menschenhandel erinnern sollen. Vermittler, die bislang Arbeitsmigration organisiert haben, treten demnach nun als Rekrutierer für die russische Armee auf – in einigen Ländern auch über Netzwerke, die zuvor von Wagner‑Söldnern geprägt waren. Dazu zählen etwa Reiseagenturen und Vermittler, die in vielen Ländern mit undurchsichtigen Methoden Visa und Arbeitspapiere organisieren und dabei häufig Teil eines ausbeuterischen Migrationsgeschäfts sind.

Laut dem Bericht schildern zahlreiche der angeworbenen Männer, sie hätten bei ihrer Ankunft Verträge in russischer Sprache unterschreiben müssen, ihre Pässe abgegeben und seien unter Druck gesetzt worden. Vielen von ihnen seien zuvor Tätigkeiten in Küche, Logistik oder Wachschutz zugesagt worden, die sich nach Angaben der Befragten später als irreführend herausgestellt hätten.

Gleichzeitig bemüht sich Russland den Recherchen zufolge um eine gezielte Außendarstellung: Influencer‑Reisen, Social‑Media‑Kampagnen und ein anti‑koloniales Narrativ sollen das Bild eines „offenen“ und „respektvollen“ Partners für afrikanische Staaten erzeugen. Das kontrastiert mit den im Bericht beschriebenen Szenen vom Schlachtfeld, in denen ausländische Rekruten verspottet oder in extrem gefährliche Situationen geschickt werden. In einzelnen dokumentierten Fällen seien afrikanische Kämpfer sogar als „menschliche Bombe“ missbraucht oder öffentlich erniedrigt worden.

Mehrere afrikanische Regierungen haben laut „Telegraph“ inzwischen Warnungen ausgesprochen und die Rückführung ihrer Bürger gefordert. Doch nach Einschätzung der im Bericht zitierten Expertinnen und Experten bleibt das Grundproblem bestehen: Russland greift auf Menschen zurück, die aus finanzieller Not oder fehlenden Perspektiven heraus besonders anfällig für falsche Versprechen sind – und schickt sie schließlich in einen Krieg, dessen Realität ihnen zuvor verschwiegen worden sei.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

  • Laut dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj steht das Sicherheitsabkommen mit den USA. Doch laut einem Medienbericht hat Washington noch eine weitreichende territoriale Forderung. Mehr dazu hier.
  • Der Kreml sieht die Gespräche zwischen Russland, der Ukraine und den USA über ein Ende des Krieges noch ganz am Anfang. „Es wäre falsch, mit großer Ergebnisträchtigkeit zu rechnen“, kommentierte Kremlsprecher Dmitri Peskow ein erstes Treffen, das am vergangenen Wochenende in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten stattfand. Mehr dazu hier.
  • Wenige Tage vor einer neuen Runde von Friedensverhandlungen hat Russland seine Luftangriffe auf die Ukraine massiv verstärkt. Bei nächtlichem Drohnen- und Raketenbeschuss auf die Hafenstadt Odessa und die Metropole Charkiw wurden Behördenangaben vom Dienstag zufolge mindestens zwei Menschen getötet und Dutzende verletzt. Mehr dazu im Newsblog.
  • Selenskyj hat ungeachtet der teils verbreiteten Skepsis in europäischen Staaten die Forderung nach einer EU-Mitgliedschaft für sein Land schon 2027 bekräftigt. 
  • Nach Ungarn will auch die Slowakei einem Medienbericht zufolge den von der EU beschlossenen Einfuhrstopp für russisches Gas gerichtlich anfechten. Man wolle dagegen vorgehen, dass der Beschluss mit qualifizierter Mehrheit angenommen worden sei, kündigte Ministerpräsident Robert Fico laut dem Nachrichten-Portal Dennik N an. 
  • Der Chef des russischen Generalstabs, Waleri Gerassimow, erklärte, russische Truppen hätten die Ortschaft Kupjansk-Wuslowyj in der Region Charkiw unter Kontrolle gebracht. Diese Aussage machte er während einer Inspektion der Truppengruppierung „West“.
  • Der italienische Vizepremier Matteo Salvini, hat den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj dazu aufgefordert, nicht länger mit dem Abschluss eines Friedensabkommens zu zögern. Bei einer Veranstaltung mit dem Titel „Ideen in Bewegung“ in der italienischen Region Abruzzen sagte Salvini, die Ukraine verliere den Krieg, und warnte vor weiteren Verlusten. 
  • Bei russischen Angriffen in der Ukraine sind nach Angaben der dortigen Behörden mindestens zwei Menschen getötet worden. In Slowjansk in der östlichen Region Donezk wurde ein Ehepaar bei einem russischen Angriff mit einer Gleitbombe getötet, wie die örtliche Staatsanwaltschaft mitteilte.
  • Eine russische Drohne, die mit der Satellitenkommunikation Starlink ausgestattet war, soll bis in die ostukrainische Großstadt Dnipro geflogen sein, teilte der Berater des ukrainischen Verteidigungsministers für technologische Fragen, Serhij Beskrestnow, mit. 
  • Energieversorgung sichert sich die Ukraine finanzielle Unterstützung aus Europa für Gaskäufe. Über Instrumente der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) sollen 85 Millionen Euro für die Beschaffung zusätzlicher Gasmengen bereitgestellt werden, teilt Energieminister Denys Schmyhal auf der Online-Plattform X mit.
  • Russland hat einen Abzug der ukrainischen Truppen aus der Donbass-Region als Möglichkeit für ein Kriegsende bezeichnet. „Ein Rückzug aus dem Donbass ist der Weg zum Frieden für die Ukraine“, schreibt der Sondergesandte des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Kirill Dmitrijew, auf der Online-Plattform X. 

Hintergrund & Analyse„Ich habe Angehörige Gefallener irgendwann beneidet“ Die Ungewissheit quält die Familien vermisster ukrainischer Soldaten