Steak statt Vollkorn: Die USA haben ihre Ernährungspyramide umgedreht – und schicken damit ein Signal weit über die Supermarktregale hinaus. Denn die neuen US-Leitlinien sind die Grundlage für staatliche Ernährungsprogramme – von der Schulmensa über das Militär bis zur Essensversorgung in Kliniken – und werden mittelfristig dazu führen, dass dort häufiger proteinreiche Produkte wie Fleisch, Milch und Eier eingekauft und angeboten werden, während Brot und klassische Getreidebeilagen anteilig an Bedeutung verlieren.
Während in Ländern wie Deutschland Vollkornbrot, Hülsenfrüchte und pflanzliche Öle das Fundament gesunder Kost bilden sollen, rückt Washington Fleisch, Vollmilch und gesunde Fette ins Rampenlicht.
Fleisch statt Vollkorn: Die Pyramide steht Kopf
Am 7. Januar 2026 präsentierte US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. neue Richtlinien, visualisiert als auf den Kopf gestellte Pyramide. Wo früher Getreide breit die Basis bildete, stehen jetzt Steak, Brathähnchen, Käse und Vollmilch. Getreide und Brot hingegen rutschen in ein schmales Segment.
Die empfohlene Proteinzufuhr wurde auf etwa 1,2 bis 1,6 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht erhöht – fast die doppelte Menge dessen, was deutsche Richtlinien und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorsehen. Offiziell soll die neue Pyramide Volkskrankheiten wie Adipositas und Diabetes bekämpfen, indem sie Zucker, Softdrinks und stark verarbeitete Fertigprodukte stärker einschränkt und die Amerikaner animiert, mehr mit frischen Zutaten zu kochen.
Vermeintlich wissenschaftlich begründet wird der Kurswechsel mit hunderten Seiten Anhang, die auf Studien zu Proteinbedarf und dem Schaden ultraverarbeiteter Lebensmittel verweisen. Gleichzeitig bleiben einige alte Eckpfeiler bestehen: Obst und Gemüse werden weiterhin ausdrücklich empfohlen.
Weniger Zucker und Fastfood klingt vernünftig. Aber der sichtbare Bruch liegt weniger in dem, was gestrichen, als in dem, was aufgewertet wird: rotes Fleisch, Butter, Vollfettkäse und Rindertalg werden als Teil eines „echten Essens“ rehabilitiert. Dies erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestimmte Krebsarten (besonders Darmkrebs), Stoffwechselstörungen wie Typ‑2‑Diabetes sowie insgesamt die langfristige Sterblichkeit.
Protein-Offensive: Was die US-Leitlinien wirklich ändern
In Kantinen, Schulcafeterien und anderen öffentlichen Einrichtungen dürfte der Anteil stark verarbeiteter Produkte zwar offiziell sinken, was grundsätzlich zu begrüßen ist.
Gesundheitsminister Kennedy will den „Krieg gegen Proteine“ beenden und verkauft dies als „Kampf für gutes Essen“. Doch Expertinnen warnen, dass dieser Kampf gegen stark verarbeitete Fertigprodukte nur vorgeschoben ist. Viele Einrichtungen werden die neuen Vorgaben aufgrund von Budgetdruck, Personalengpässen und Lieferketten kaum erfüllen können. Für sie ist eine echte Frischküche ohne Tiefkühl- und Fertigware kaum umsetzbar.
Warnungen aus der Forschung: Zu viel Fett, zu viel Risiko
Herzspezialistinnen und Kardiologen warnen, die neue Pyramide könne den Konsum gesättigter Fette und Kochsalz steigern, beides zentrale Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Hinzu kommt, dass die neue Pyramide Logikfehler hat. Allein ein marmoriertes Steak und mehrere Vollmilchprodukte können die in den US-Leitlinien genannten Grenzwerte für gesättigte Fettsäuren überschreiten. Ernährungswissenschaftliche Fachgesellschaften in den USA monieren: Während bei Proteinquellen von Vielfalt die Rede ist, dominiert in der Grafik klar das Fleisch.
Mit Kritik hält sich die von der Trump-Regierung häufig kritisierte WHO zurück. Kritische Kommentare kommen vor allem von unabhängigen Ernährungswissenschaftlerinnen und Fachgesellschaften, die unter anderem auf höhere gesättigte Fettzufuhr, Industrieeinflüsse und Umweltfolgen hinweisen.
Wie der Magen arbeitet
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Deutsche Ernährungsrichtlinien kontra US-Proteinwende
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) stellt sogar die wissenschaftliche Grundlage der US-Wende infrage. Sie kritisiert, dass das zuständige Expertengremium in den USA neu zusammengesetzt worden sei und seine Arbeit weitgehend hinter verschlossenen Türen erledigt habe, während frühere transparente Konsultationen zurückgefahren wurden.
Die DGE verweist auf Evidenz aus Interventions- und Beobachtungsstudien, die keinen gesundheitlichen Zusatznutzen einer dauerhaft erhöhten Proteinzufuhr über die bisher empfohlenen 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht zeigen. Zudem zeige das amerikanische Modell keine systematische Berücksichtigung von Nachhaltigkeit, also Umwelt- und Klimafolgen der Ernährung.
Die DGE weist ausdrücklich darauf hin, dass die neue US-Pyramide vor allem der Agrarlobby und den Produzenten tierischer Lebensmittel Vorteile bringt.
Die Kritik ist klar: Je stärker sich Politik an Wählerstimmen und Steakfans orientiert, desto weiter entfernt sie sich von einem Ziel, das eigentlich im Zentrum stehen sollte: Gesundheitsratschläge, die auf soliden Daten beruhen – und nicht auf dem politischen Wunsch nach der nächsten Proteinwelle.