2016 hat „Blood For Dust“-Regisseur Rod Blackhurst einen Kurzfilm über einen verfluchten Swimming Pool gedreht. Die acht Jahre später in den deutschen Kinos gestartete Langfilmversion überließ er allerdings seinem damaligen Co-Regisseur Bryce McGuire. Eine gute Entscheidung, schließlich erwies sich „Night Swim“ nicht nur als schrecklich öde, der Möchtegern-Grusel soff auch am Box Office gnadenlos ab. Stattdessen erweiterte Blackhurst seinen Vierminüter „Mommy“ aus dem Jahr 2022 auf Spielfilmlänge: „Dolly“ wird zwar an den Kinokassen ebenfalls keine Bäume ausreißen – aber zumindest liegt es diesmal weniger an der Qualität als an dem Umstand, dass sich die Grindhouse-Hommage an ein ganz spezielles Zielpublikum richtet.
Gedreht auf Super-16mm-Analogmaterial, sieht der Film mit seinem abgewetzt-körnigen Look über weite Strecken tatsächlich aus, als stamme er wie seine offensichtlichen Vorbilder aus der Hochzeit der Terror-Welle in den Siebzigerjahren. Statt Leatherface aus dem Genre-Primus „The Texas Chainsaw Massacre“ trägt die Killerin diesmal allerdings keine Maske aus Menschenhaut, sondern aus Porzellan. Die Titelfigur sieht aus wie ein Wrestling-Koloss nach einem Crossdressing-Unfall – und kann in den erfreulich taktilen Gore-Passagen auch dementsprechend zulangen. Besonders verstörend wird es allerdings immer dann, wenn Dolly nicht ihre mörderischen, sondern ihre mütterlichen Seiten offenbart.

Witchcraft Motion Picture Company
Dolly (Max The Impaler) steht als Slasher-Killer offensichtlich in der Siebzigerjahre-Tradition von Leatherface und Co.
Der alleinerziehende Chase (Seann William Scott) hat sich alles ganz genau ausgemalt. An einem abgelegenen Aussichtspunkt in den Wäldern Tennessees will er seiner Freundin Macy (Fabianne Therese) endlich einen Heiratsantrag machen. Aber schon auf dem Pfad dorthin stößt das Paar auf eine mysteriöse Ansammlung von Porzellanpuppen – und gerade, als Chase vor seiner Angebeteten auf die Knie gehen will, wird er von einem Geräusch aus dem Gestrüpp gestoppt: Die hünenhafte, stets mit einem puppenhaften Porzellangesicht maskierte Dolly (Max The Impaler) schlägt Chase nieder – und verschleppt Macy, um sie fortan wie ihr eigenes Baby „aufzuziehen“ …
Doppelt verstörend
Wenn Chase im Wald das erste Mal auf Dolly trifft, erwartet man maximal ein kurzes Scharmützel, bevor die Gewaltspirale im Verlauf des Films kontinuierlich hochgedreht wird. Aber Pustekuchen! Es ist allenfalls eine Frage von Sekunden, bis man nur noch mit schmerzverzerrtem Gesicht und zwischen den Fingern hindurch Richtung Leinwand starrt: Selbst ein mit dem Spaten durchtrenntes Schienbein ist nur Kindergarten im Vergleich zu dem, was danach kommt – zumal das Ergebnis schon rein optisch dermaßen grotesk aussieht, dass man im ganzen weiteren Verlauf des Films kaum wegschauen kann, sobald „American Pie“-Stifmeister Seann William Scott auftaucht. Da hat das Team für die praktischen Gore-Effekte wirklich ganze Arbeit geleistet.
Jetzt will man fast schon schreiben, Dolly würde keine Gefangenen machen. Aber die macht sie ja sehr wohl – und dann wird es erst so richtig verstörend: Die vor allem für ihre Hardcore-Matches berüchtigte Wrestlerin Max The Impaler (ca. 178 Zentimeter groß und 110 Kilo schwer) verkörpert Dolly wie ein tapsiges Riesenbaby, das zwar seinen mütterlichen Instinkten folgt, aber beim kleinsten Anflug von Frustration seine übermenschliche Kraft mit aller grausamen Konsequenz einsetzt. Da werden der sicherlich seit Jahrzehnten stubenreinen Macy Windeln angelegt, ob sie will oder nicht – und spätestens, wenn Dolly erstmals ihre ebenfalls gewaltige Brust rausholt, um ihr Baby zu stillen, gibt es im Saal (neben Ausrufen des angeekelten Unglaubens) verdienten Szenenapplaus.

Witchcraft Motion Picture Company
Die körnigen 16mm-Aufnahmen von „Dolly“ treffen den Look der Vorbilder wie „Texas Chainsaw Massacre“ ziemlich gut.
„Dolly“ ist zwar in Kapitel mit Titeln wie „Mother“, „Daughter“ oder „Home“ unterteilt. Aber selbst wenn die Struktur eine gewisse Komplexität andeutet, täuscht sie doch nicht darüber hinweg, wie simpel die Erzählung in Wahrheit ist (wobei der eine kleine Haken im Kapitel „Father“ den Film auf der Zielgeraden eher noch unnötig ausbremst). Nun ist es eigentlich kein Problem, einen Terror-Slasher möglichst reduziert anzulegen, ganz im Gegenteil – aber ein paar mehr originelle Ideen etwa beim Umgang von Dolly mit ihrem neuen „Baby“, die über eine reine Genre-Hommage hinausgehen, hätten es trotzdem ruhig sein dürfen. So jedenfalls gelingt das Ausdehnen des vierminütigen Originals auf eine Spielfilmdauer von 83 Minuten nicht, ohne dass sich zwischendrin die eine oder andere Länge anschleicht.
Apropos anschleichen: Eine häufiger geäußerte Kritik an „Dolly“ lautet, dass die Titelfigur andauernd (und für ihre Größe erstaunlich geräuschlos) irgendwo auftaucht, wo es gerade vielleicht logisch nicht unbedingt Sinn ergibt. Aber ganz ehrlich: Mit diesem Anspruch sitzt man wohl eh im falschen Film…
Fazit: Zumindest Fans von „The Texas Chainsaw Massacre“ & Co. sollten sich dieses verstörende 16mm-Terrorfest auf der großen Leinwand nicht entgehen lassen – selbst wenn da sicherlich noch einiges mehr drin gewesen wäre.
Wir haben „Dolly“ bei den Fantasy Filmfest White Nights 2026 gesehen.