Diese Frage stellen zum Beispiel die Mitglieder eines im letzten Jahr gegründeten überparteilichen gemeinnützigen Vereins, darunter Persönlichkeiten aus dem Bergischen Land. Sie erinnern an das Politikverständnis von Johannes Rau, an seinen Politikstil, seine Grundüberzeugungen und seine praktische Politik.

Gerade in dieser beunruhigenden Zeit, in der die Demokratie in den USA von einem erratischen Präsidenten infrage gestellt wird, Putin Krieg gegen die Ukraine führt und ganz Europa bedroht, und in Deutschland die weitgehend rechtsradikale AfD schlimmste Erinnerungen an die Nazi-Zeit weckt, fällt immer häufiger der Name Johannes Rau. Weil unser früherer Bundespräsident aus Wuppertal 20 Jahre nach seinem Tod kein Vorbild von gestern ist, sondern ein Vorbild für heute.

Warum? Johannes Rau war authentisch. Die Wählerinnen und Wähler, und zwar auch diejenigen, die seine Partei nicht wählten, glaubten ihm, wenn er sagte, Politikerinnen und Politiker hätten dem Gemeinwohl und nicht ihrem eigenen zu dienen. Sie hatten keinen Zweifel, wenn er sagte, die Politik hätte die Verpflichtung, das Leben für alle Menschen besser zu machen.

Sein Motto „Versöhnen statt Spalten“ ist Legende. Dennoch war er ein Kämpfer und kein Heiliger. Zur Verwirklichung aller seiner Ziele brauchte er immer eine Mehrheit. In der eigenen Partei, im Parlament und bei den Wählerinnen und Wählern lief er sich dafür die Hacken ab. Das kostete ihn viel Zeit, was seine Gegner Schwäche nannten. In Wahrheit war es eine Stärke. Er suchte im Vorhinein das Gespräch und nicht die Konfrontation. Falls die Argumente anderer besser waren, übernahm er sie. Doch wenn er seiner Sache sicher war und stundenlanges Bemühen um eine Lösung nicht halfen, konnte er knallhart. Sonst wäre er nicht so überaus lange so erfolgreich und – zum weltweit akzeptierten Staatsmann gereift – unser Staatsoberhaupt geworden.

Ein Beispiel: Nachdem eines seiner Kabinettsmitglieder nach mehrfachen Gesprächen den gefundenen Kompromiss in letzter Sekunde in einer Ministerrunde erneut infrage stellte, reagierte dieser Ministerpräsident mit einer kurzen Pause. Dann sagte er dem Kabinettsmitglied, es möge sich überlegen, ob sie weiterhin zusammenarbeiten könnten. Wenn nicht, warte im Vorzimmer die bereits unterschriebene Entlassungsurkunde. Das wirkte. Um welches Kabinettsmitglied es ging, hat der Regierungschef nicht öffentlich gemacht. Er trat nicht nach.

Nichts wurde Johannes Rau geschenkt. Er war fleißig, detailversessen und studierte meist bis tief in die Nacht Akten. Er musste sich beim Sprung auf die nächste Stufe der Karriereleiter mit guten Argumenten immer neu durchsetzen. Jedes Mal gab es Gegenkandidaten: um den Vorsitz der SPD-Landtagsfraktion, um die Berufung zum Wissenschaftsminister, um die Nachfolge von Heinz Kühn als Ministerpräsident, um die Kandidaturen um das Amt des Bundespräsidenten. Die einzige Kandidatur, die ihm die SPD quasi „schenkte“, war die von Anfang an erfolglose um das Amt des Bundeskanzlers. Die eigene Partei unterstützte ihn nur halbherzig.

Woher nahm Johannes Rau die Kraft und die Geduld? Zum Einen war es seine tiefe Verwurzelung in seiner Heimatstadt Wuppertal und seiner Heimatregion, dem Bergischen. Wie oft zitierte er das Bergische Heimatlied, wo es heißt, dass dort der Handschlag noch gilt. Zum Zweiten sein geniales, ständig trainiertes Gedächtnis, was ihm half, nichts zu vergessen, keinen Namen, keinen Geburtstag, keine Sorgen, die ihm jemand offenbarte. Er kümmerte sich verlässlich. Zum Dritten sein fester christlicher Glaube, dass er, weil selbst gehalten, die Pflicht habe, auch andere zu halten. Und das Vierte, das Entscheidende, war das Getragensein von seiner Frau Christina und ihren gemeinsamen drei Kindern.

All das zusammen ersparte ihm weitgehend jene gnadenlose Einsamkeit, die den meisten Mandatsträgern droht, die vor dem Eintritt in die Politik keinen Beruf erfolgreich ausgeübt haben, weshalb sie ständig befürchten müssen, ohne Wiederwahl später mittellos zu werden. Für Johannes Rau galt das nicht. Er war gelernter Buchhändler, Journalist und Verlagsleiter.

Johannes Rau wusste zwischen Parteifreunden, die meist auch Konkurrenten waren, und anderen Freunden sehr genau zu unterscheiden. Dass ihn zahllose Menschen ihren Freund nannten, kam ihm zupass, denn er wollte nahbar sein. Vor allem die Wuppertalerinnen und Wuppertaler dankten es ihm. Für sie war und blieb er, in welchem Amt auch immer, „unser Johannes“. Sie beschützten ihn, wenn ihn jemand beim Pils-Trinken, Essen einer Bratwurst oder beim Skatspielen in der Luisenstraße, im Haus Richter in der Beek oder im Gasthaus Karpathen spontan ansprechen wollte. Dann mischten sie sich ein: „Stören Sie ihn bitte nicht, unser Johannes ist privat hier. Er braucht auch mal Ruhe.“

Ganz nah an sich heran ließ Johannes Rau nur wenige. Die wollten seine Freundschaft, aber von ihm keinen Posten. In Wahrheit hatte er dauerhaft nur fünf oder sechs wirkliche Freunde. Bei seiner bewusst gepflegten Offenheit zu allen Menschen erwartete er auch Respekt. Respekt vor dem Staat, vor der parlamentarischen Demokratie und vor jedem Amt, das er ausfüllte. Deshalb war es für ihn ein Schockerlebnis, als er zu Fuß vom Brandenburger Tor zum Schloss Bellevue einer Gruppe von Menschen folgte. Mit einem Blick auf die Fahne, die nur dann auf dem Dach von Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Staatsoberhauptes, gehisst wird, wenn es im Lande ist, rief ein Mann, wohl einer mit der typischen Berliner Schnauze: „Ah, der Lappen hängt. Dann ist der Lump zu Hause.“

Zurück zum Anfang und der Kernfrage „Was würde ein Johannes Rau tun?“ Ganz sicher würde er uns allen Mut machen, dass die Zukunft trotz aller Widrigkeiten gut wird. Und ganz praktisch: Vertraulich abgesprochen mit dem Bundeskanzler und der Präsidentin der Europäischen Kommission würde er kurzfristig sämtliche Regierungschefs in Europa besuchen und sie bestärken, künftig noch intensiver ein gemeinsam handelndes und zusammenstehendes Europa zu bauen. Wer das dann nicht mittrage, möge die EU verlassen. Und anschließend würde er mit Trump und Putin reden.

Johannes Rau, um es zu wiederholen, konnte außer freundlich auch knallhart. Die ihm besonders nahe waren, zweifeln nicht, dass er jetzt für ein Verbot der AfD wäre. Klare Kante.

Solche Johannes Raus braucht es jetzt.