Oke Göttlich hat ein kleines Feuer gelegt. Er hat in der vergangenen Woche über etwas gesprochen, über das möglichst geschwiegen werden soll im deutschen Fußball: die Boykott-Frage. Es sei die Zeit gekommen, darüber nachzudenken, ob man zur WM in die USA fahre, sagte Göttlich in einem Interview mit der Hamburger „Morgenpost“. Damit war eine Debatte in der Fußballwelt, die die mächtigsten Männer dieser Branche unbedingt verhindern wollen.

Göttlich ist Präsident des öffentlich sehr politischen FC St. Pauli, es überrascht nicht, dass er es ist, der diese Debatte in die Liga trägt. Aber Göttlich ist auch Präsidiumsmitglied des derzeit öffentlich sehr unpolitischen Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Und der hat eine andere Strategie im Umgang mit den politischen Implikationen dieses Turniers: Die Augen fest zukneifen, die Lippen versiegeln, und dann auf in die USA. Politik ist kein Thema, weil sie kein Thema sein darf.

Bernd Neuendorf: „Das ist gar keine große Debatte“

Das ist die WM-Taktik des Verbandes, seine Post-Qatar-Rechnung. Spätestens in diesen Tagen wird klar: Es ist eine Milchmädchenrechnung.

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Man müsse diese Dinge im Präsidium besprechen, aber seine, Neuendorfs Meinung sei ohnehin klar: Die Diskussion sei völlig verfehlt, sie komme zur Unzeit. Neuendorfs einflussreichster Kollege, der DFL-Präsident Hans-Joachim Watzke, sah das genauso: „Ich glaube nicht, dass momentan die Zeit reif ist, über solche Dinge zu diskutieren.“

Viereinhalb Monate vor Beginn des Turniers, nach den Grönland-Drohungen, dem Regimewechsel in Venezuela, den Toten von Minneapolis, ist also „die Zeit nicht reif“ – für eine Debatte. Man muss das betonen, denn darum geht es: um Diskussionen.

Keine Haltung ist die beste Haltung

Oke Göttlich hat in dem Interview noch keinen Boykott des DFB gefordert; er forderte, darüber nachzudenken. Man könnte sagen: Er forderte, eine Haltung zu diesem Turnier zu entwickeln. Der DFB aber, traumatisiert von der WM in Qatar, hat beschlossen: keine Haltung ist die beste Haltung. Er scheint zu hoffen, die Probleme, Fragen und Gefahren, die dieses Turniers bringen wird, zögen still vorüber, wenn er sie nur entschlossen genug ignoriert.

Dabei rücken sie ihm auf den Leib, je näher das Eröffnungsspiel rückt: in Form der Nachrichten aus den USA, mit denen Menschen in Deutschland ständig konfrontiert sind; in Form der bedrückenden Videoschnipsel aus amerikanischen Städten, die in diesen Wochen durch Social Media geistern. Man kann sie mit jedem Tag schlechter ignorieren. Und so sieht auch die Post-Qatar-Rechnung des DFB mit jedem Tag schlechter aus.

Hans-Joachim Watzke sagte am Montag, er sei zuversichtlich, dass sich unter Neuendorfs Führung „die Fehler von Qatar“ nicht wiederholen werden. Doch der Verband übersieht, dass er in Qatar nicht über die eigene Haltung gestolpert ist. Er ist über die eigene, schlechte Vorbereitung gestolpert, darüber, wie er seine Haltung kommunizierte und verkaufte. Gerade deutet nichts darauf hin, dass es in diesem Sommer besser laufen wird.