Laboratorium im Osten: Abschied von einer Legende: Heidi Schmid ist tot Wieder vereint: Randy und Heidi Schmid Foto: Lab

Sie hat mit ihrem Mann Randy eine Stuttgarter Institution gegründet: Das Laboratorium. Nun ist Heidi Schmid mit 83 Jahren gestorben.

Nun hat ihre Schöpfung sie tatsächlich überlebt. Wer hätte das gedacht im Jahre 1972. Das Bürgertum war noch solide bürgerlich, die Bürgersteige hochgeklappt, die Kehrwoche verpflichtend, der Daimler trug stolz den Stern auf der Fronthaube. Ein sauberes Städtle halt. Als Randi und Heidi Schmid jenen Ort an der Wagenburgstraße gründeten, ein Labor für Experimente, für Neues. Leicht größenwahnsinnig, aufrüttelnd, mitunter verletzend, aber immer aufregend.

Das Bermudadreieck für alternativen Kultur

Reisen wir zurück ins Jahr 1964. Und bis nach Karlsruhe. Die Stuttgarter Heidi und Randi Schmid hatten damals regelmäßig den Jazzkeller Karlsruhe angemietet, um Konzerte zu veranstalten. Später fanden sie in Esslingen eine kulturelle Heimat. Bis 1972 der nimmermüde Uli Braunschweiger einen seiner sage und schreibe 33 Jazz-Clubs an der Wagenburgstraße gründete. In der Linde. Doch den Nachbarn war es zu laut. Die Schmids übernahmen. Und der Saalanbau der Linde bekam den Namen Laboratorium. Die Linde wurde zum Schlampazius. Und im Schlauch, einem mittlerweile abgerissen Gebäudeteil wird getrunken und getanzt. Ein Bermudadreieck der alternativen Kultur.

Die Kleine Tierschau hatte hier ihren ersten Auftritt und gab sich spontan ihren Namen, Otfried Fischer, Georg Schramm, Hubert von Goisern, Urban Priol, La Brass Banda traten hier auf, als sie kaum jemand kannte. Loriot war da. Überliefert ist ein Schreiben von Randi Schmid an Reinhard Mey, er wollte Mey zu einer kleinen Tour einladen, je Auftritt für 110 Mark Gage. Reinhard Mey antwortete handschriftlich: „Lieber Herr Schmid, 10. – 16. September für die Tournee klappt bestens. In Eile, aber herzlich, Ihr Reinhard Mey.“

Brief von Reinhard Mey

Die Exil-Chilenen feierten Solidaritätsfeste, es gab Hausaufgabenbetreuung für die Kinder von Gastarbeitern, die Anwälte der RAF-Terroristen kehrten ein, bereiteten ihre Prozesse vor. Heidi Schmid sagte dazu: „Man kann wohl sagen, dass am Ende alle Beteiligten der RAF-Zeit mal bei uns zu Gast waren, so wie zum Beispiel Gudrun Ensslin.“ Dauernd sei man kontrolliert worden. Die Konsequenz: Man erstellte eine Galerie mit Steckbriefen von Polizisten. Wie du mir, so ich Dir.

Das Lab im Jahre 1982 Foto: Kraufmann

Als die Polizei mal wieder vorbeischaute, erlebten die Beamten bei der Rückkehr zu ihrem Käfer eine Überraschung. Die Gäste hatten Kieselsteine ins Auto geschaufelt. Der Wagen war zu schwer beladen, um wegzufahren. Die Polizisten blieben cool, baten darum, „dass das Auto wieder so hergestellt wird, wie es hier ankam“. Was dann auch geschah. Stein für Stein.

Die Schmids hatten den Laden im Griff. Randy eher wortkarg, mitunter raubauzig; Heidi, „die Mutter des Lab“, wie ihr Nachfolger Rolf Graser sie nennt. Aber auch bestimmt. Beide konnten schon mal Künstlern von der Seitenlinie aus klarmachen, der Auftritt ist ja wohl gar nix. Am liebsten klärten sie Sachen selbst. Die Polizei hätte man rufen können, als die Schmids Diebe ertappten. Die waren vom Schlampazius aus auf den Dachboden über das Lab eingestiegen, hatten es sich auf den dünnen Dämmplatten gemütlich gemacht, der Musik umsonst zugehört und kletterten via Strickleiter runter, um Schallplatten zu klauen. Die Polizei erfuhr davon allerdings nichts.

Blick ins Lab: Rechts auf dem Foto Heidi Schmid mit einem Bild ihres Mannes. Foto: Martin Stollberg

Ein Lehrbeispiel wie Linke ihre Konflikte lösen, war auch zu erleben. Zwei K-Gruppen, so nannte man in den 70er die beinharten Maoisten und Kommunisten, hatten sich dermaßen verhakt, dass es nur noch eine Lösung gab: Einen Boxkampf im Lab. Eigens hatte man einen Ring aufgestellt, einen Ringrichter angeheuert. Jede Gruppe stellte sechs Boxer. Die einen trafen sich normalerweise in der Weinstube Eger und die anderen im Brett, und es ging trotz aller Pamphlete nicht nur um Politik. Wie Heidi Schmid verriet, ums Trinken – und vor allem um Frauen. Es seien private Rechnungen beglichen worden, wer hatte wem die Frau ausgespannt? Da spielte auch die Gewichtsklasse keine Rolle. Hauptsache es tat weh.

1981 gründete sich ein Trägerverein, der bis heute die Geschicke leitet. 2000 starb Randy mit gerade mal 58 Jahren. Da zog sich Heidi Schmidt zurück, überließ die Leitung Graser und Kollegen. 2018 wurde das Lab von Eigentümer Dinkelacker behutsam saniert. Ohne die Patina der Jahrzehnte zu übertünchen. Noch immer finden sich Aufkleber aus alten Tagen, etwa von Franz Josef Strauß, der vor Raketen und Panzern posiert. Das Lab atmet noch den Geist, der ihm von Randy und Heidi Schmid eingehaucht wurde. Ihre Schöpfung hat sie überdauert. Heidi Schmid ist am 24. Januar gestorben.