Nach Kriegsende versuchten die Alliierten, nationalsozialistische Ideologien in der deutschen Gesellschaft zu beseitigen. 1946 – also vor 80 Jahren – begann in Nordrhein-Westfalen die vom englischen Begriff „Denazification“ abgeleitete Entnazifizierung.

Dabei musste ein Teil der Bevölkerung, darunter viele Angehörige des öffentlichen Dienstes, Fragebögen ausfüllen zu ihrer politischen Betätigung, vor allem zur Mitgliedschaft in der NSDAP und angegliederten Organisationen in der Zeit des Nationalsozialismus. Kostenpflichtiger Inhalt Sogenannte Entnazifizierungsausschüsse bewerteten die Schwere der Schuld in fünf Kategorien: von „Hauptschuldigen“ bis zu „Entlasteten“. Belastete wurden aus Ämtern entfernt, weniger Belastete konnten im Beruf bleiben.

Kritik gab es an der Durchführung und den Ergebnissen der Entnazifizierung, da Schuldige unter anderem mit Leumundszeignissen, sogenannten „Persilscheinen“, ungestraft davonkamen. Zurzeit läuft im Landesarchiv NRW am Duisburger Innenhafen die Ausstellung „Zwischen Sein und (Persil)Schein – Entnazifizierung in Nordrhein-Westfalen“, die anhand der im Landesarchiv vorhandenen Quellen die Entwicklung der Entnazifizierung zeigt und die formalen Verfahrensabläufe vorstellt. Zugleich soll anhand biografischer Ansätze deutlich werden, in welch hohem Maße die gesetzlichen Vorgaben individuell unterlaufen werden konnten. Durch diese Gegenüberstellung soll ein authentischer Blick auf ein wichtiges Kapitel der unmittelbaren Nachkriegszeit in all ihren Widersprüchen und Brechungen ermöglicht werden.

In der begleitenden Veranstaltungsreihe wurden ausgewählte Aspekte des Themas weiter vertieft (die RP berichtete regelmäßig). Zum Abschluss der erfolgreichen Reihe hielt Dr. Andreas Pilger, im Hauptberuf Leiter des Stadtarchivs Duisburg auf der gegenüber liegenden Seite des Innenhafens, nun einen Vortrag über leitende Mitarbeitende der Stadtverwaltung Duisburg im Entnazifizierungsverfahren, unter dem Titel „Wer erzählt die bessere Geschichte?“ Denn dabei bewährte es sich, dass Pilger nicht nur Geschichte, sondern auch Germanistik (und Philosophie) studiert hatte – er wandte neben der üblichen Quellenarbeit eines Historikers auch die sprachwissenschaftliche Methode der Diskursanalyse an, vor allem auf die entsprechenden Akten der Entnazifizierungsprozesse, offenbar erstmals überhaupt und grandioser Anstoß zu weiter vertiefender Forschung.

Dadurch war dieser Vortrag etwas intellektueller als sonst bei dieser im Prinzip populärwissenschaftlichen Reihe üblich, zugleich aber noch erhellender als viele der vorigen Abende. Denn hier wurde erstmals klarer, warum sich Menschen im Entnazifizierungsverfahren so äußerten und nicht anders.

Als entscheidend galt zum einen, ob die betreffende Person sich in der Nazizeit fachlich und ethisch korrekt verhalten hatte und zum anderen, ob sie dabei im Rahmen des damals geltenden Rechts eventuelle Handlungsspielräume genutzt hatte. Da konnte sich mancher Täter gut darstellen (lassen) – nicht durch Lügen, sondern durch passende Auswahl der Fakten.

Andreas Pilger erzählte hier einige Fallbeispiele aus der Duisburger Verwaltung, etwa den NS-Leiter des Gesundheitsamtes, verantwortlich für die Schließung des katholischen Vincenz-Hospitals (was damals in unserer Stadt als besonders verwerflich angesehen wurde) und die Sterilisation vieler „erbkranker“ Menschen – er wurde schließlich entlastet, auch wegen Zeugenaussagen, unter den Sterilisierten seien keine Juden gewesen.

Das Denken und insbesondere die Sprache der Nazizeit lebten teilweise weiter – was auch wenig verwunderlich ist, denn wir alle sind zu allen Zeiten darauf angewiesen, für die Gegenwart die Sprache der Vergangenheit zu nutzen. Die Opfer dagegen blieben erst einmal weiter schlecht angesehen, hatten oft nicht so eine Bildung und solche Netzwerke wie die Täter, die bald wieder zur Elite stießen. Laut Pilger trauten sich nicht einmal die Vertreter der Opfergruppen in den Entnazifizierungsausschüssen, sich regelmäßig zu äußern.

Am 3. März, um 18 Uhr, eröffnet das Landesarchiv NRW im Rahmen der 47. Duisburger Akzente „Begegnungen – was uns trennt, was uns verbindet“ seine neue Ausstellung „Menschen im Fokus – Fotos des Pressebilderdienstes C. A. Stachelscheid“. Als erste Veranstaltung präsentiert Dr. Anselm Faust dabei sein im vergangenen Jahr erschienenes Buch „Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Rheinland“. Der Eintritt ist frei, im Anschluss lädt das Landesarchiv zu einem Umtrunk ein.