Fritz Gramms Erbe: Unermüdlicher Chronist Stuttgarts
Dieser Stempel ist untrennbar mit Fritz Gramm verbunden. In den Jahren des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders fehlte der Fotograf bei kaum einem wichtigen Termin der Stadt. Seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen zählen heute zu den Schätzen des Pressehaus-Archivs. Unermüdlich, neugierig, manchmal waghalsig war Gramm für die Stuttgarter Nachrichten mit der Kamera unterwegs – bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1963.
„Dr Fritze“: Ein unvergessener Geist der Lokalredaktion
Gestorben ist „dr Fritze“, wie ihn die Kollegen nannten, mit nur 53 Jahren im Dienst. Nach einem Nachtskispringen im damals schneereichen Musberg brach er nach einer Herzattacke zusammen. Die Redaktion nahm am 18. Januar 1963 auf einer ganzen Seite Abschied von ihm – in einer epischen Breite, wie sie später fast nur noch verdienten Politikern zuteilwurde. Der auf seinem alten 250er-Motorrad rasende Fotoreporter sei zum „heiteren, befeuernden Geist der Lokalredaktion“ geworden, hieß es im Nachruf.
Sein berühmter roter Stempel auf der Rückseite der Fotos. Foto: Merkle
Dabei war Gramm kein klassisch ausgebildeter Fotograf. Nach der Kriegsgefangenschaft arbeitete er zunächst wieder als Chemigraf und ätzte Klischees für Zeitungsfotos. Doch bald legte er der Lokalredaktion eigene Bilder vor – und wurde von diesem Tag an selbst „Bildberichter“. Sein roter Stempel wurde zum Markenzeichen, sein Temperament und Humor zur Legende.
Waghalsige Abenteuer: Fritz Gramm trotzt Wind und Wetter
Noch Jahre später erzählten Kollegen von seinen Eskapaden: wie er im Rohbau des Fernsehturms auf dem höchsten Moniereisen kletterte, um die Zimmerleute in schwindelerregender Höhe zu fotografieren – ohne Aufzug, bei starkem Wind, und stets mit einem flotten Spruch auf den Lippen. Oder von den halsbrecherischen Fahrten auf seiner 250er, deren Soziussitz locker war. „Wir fuhren in Wind und Regen in dicken Ledermänteln und hatten eine Menge mitzuschleppen“, schrieben die Kollegen. Blitzgeräte waren damals „so groß und so schwer wie ein kleines Klavier“.
Wagenburgtunnel in den 1950ern. Foto: Fritz Gramm
Was Fritz Gramm fotografierte, empfand er selbst oft als „Schwarzbrot“: Termine, bei denen sich Menschen die Hände schüttelten und wenig Bewegung ins Bild kam. Dann konnte er schimpfen „wie ein Rohrspatz“. Doch bei kniffligen Aufgaben, die Fantasie verlangten, strahlte er, griff nach der Leica, setzte die schwarze Pelzmütze auf und rief: „Lasset dr Papa schon macha.“
Alltagsszenen der 50er: Von „Schwarzbrot“ zu Kulturschätzen
Gerade dieses vermeintliche „Schwarzbrot“ ist heute ein Schatz. Radrennen in Ruinen, Einkäufe mit der Milchkanne, der Schutzmann auf dem Sockel, Besucher im Mineralbad Berg, Vertriebene am Bahnhof oder der Ferdinand-Leitner-Steg – Alltagsszenen der 1950er- und frühen 1960er-Jahre, die sich bis heute in faszinierende Zeitdokumente verwandelt haben.
Die Fotos aus dem Familienalbum von Karin Merkle fügen diesem Bild eine persönliche Note hinzu. Sie zeigen, dass Fritz Gramm nicht nur die Stadt und ihre Ereignisse festhielt, sondern auch ein Gespür für Menschen hatte. Für uns heute sind seine Aufnahmen ein Blick in eine ferne Zeit, die – beim genauen Hinsehen – uns doch oft vertraut ist. Vielen Dank, Fritz Gramm!
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