Fast vier Kriegsjahre sind seit Russlands Einmarsch in die Ukraine vergangen. Der Wunsch nach Frieden dürfte so groß sein wie nie. Gerade jetzt, wo die Zivilbevölkerung in Kiew nach russischen Attacken ohne Strom und Heizung friert. Gerade jetzt, wo die Aussicht auf eine Rückeroberung der besetzten Gebiete gering ist. Umso verlockender wirken da die aktuellen Signale aus Moskau.
Wie die Militärexperten des US-Instituts für Kriegsstudien (ISW) in ihrem aktuellen Lagebericht schreiben, will der Kreml den Eindruck erwecken, dass es Frieden gibt, wenn die Ukraine die ihr verbliebenen Gebiete im Donbass an Russland abtritt. Gemeint sind damit Teile der ukrainischen Oblaste Donezk und Luhansk. Moskau versucht derzeit, die Donbass-Frage als letzte große Hürde in den Friedensverhandlungen darzustellen.
Donbass-Opfer als Friedenslösung?
Und es scheint tatsächlich eine naheliegende Lösung zu sein: Teile des Donbass sind bereits seit 2014 durch prorussische Separatisten besetzt und der größte Teil des Gebiets wurde seit 2022 von der russischen Armee eingenommen. Eine Rückeroberung durch ukrainische Truppen erscheint sehr unwahrscheinlich. Außerdem kämpft sich Russlands Armee unaufhaltsam weiter vor.
Hinter den Kulissen sollen die amerikanischen Verhandler die Ukrainer bereits dazu drängen, auf Moskaus Gebietsforderung einzugehen. Washington dementierte einen entsprechenden Medienbericht zwar. Doch die Darstellung erscheint plausibel – die Fakten auf dem Schlachtfeld sprechen gegen die Ukraine, hinzu kommt der russische Einfluss auf US-Präsident Donald Trump und seinen moskaufreundlichen Unterhändler Steve Witkoff.
Gibt die Ukraine aber den Donbass auf, wäre das ein Geschenk an Putin – dem wahrscheinlich kein Frieden folgen würde. So analysiert es das ISW und nennt zwei Gründe.
1 Allein bräuchte Russland sehr lange für die Eroberung
Die russische Armee kommt im Osten weiterhin nur langsam und unter horrenden Verlusten voran. „Russland müsste erhebliche Ressourcen, Zeit und Personal aufwenden, um den Rest des Donbass einzunehmen“, schreibt das ISW dazu. Es sei unwahrscheinlich, dass die russischen Streitkräfte den Rest des Gebiets Donezk vor August 2027 einnehmen werden.
In dieser militärischen Logik würde es die Ukraine den russischen Angreifern unnötig einfach machen, wenn sie den Donbass vorschnell aufgibt. Zumal die russische Armee nach einer Erholungsphase in einer günstigeren Position wäre, „künftig Angriffe gegen die Südwest- und Zentralukraine wieder aufzunehmen“.
2 Russland will in Wahrheit mehr als den Donbass
Russland geht es offenkundig um mehr als nur den Donbass, schreibt das ISW. Das legten aktuelle Äußerungen russischer Spitzenvertreter in Staatsmedien nahe: Der russische Armeechef Waleri Gerassimow etwa sprach jüngst über die Notwendigkeit von Pufferzonen außerhalb des Donbass. Andere Forderungen aus der russischen Führung betreffen die Lösung der „tiefen Ursachen“ des Kriegs, womit Moskau unter anderem die Westorientierung der Ukraine meint – und sie betreffen die gewählte ukrainische Regierung, die der Kreml absetzen will.
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Warum Russland unterschiedliche Botschaften sendet? Wahrscheinlich, weil sie für unterschiedliche Zielgruppen gedacht sind. Im Westen soll man glauben, dass sich Putin mit dem Donbass zufriedengeben wird. Hingegen sind die anderen Forderungen offenbar an das russische Publikum gerichtet. Die Botschaft für zu Hause lautet demnach: Wir bringen die gesamte Ukraine unter unsere Kontrolle – egal, was wir dem Westen erzählen.
Putins Trick bestünde also darin, der Ukraine in den Friedensverhandlungen Land abzutrotzen – und danach seine eigentlichen Ziele aus einer besseren Position heraus umzusetzen.