Ines Ziegler blickt mit ihren 58 Jahren auf ein schicksalhaftes Leben, das in der DDR begann. Jetzt hat sich die Stuttgarter Künstlerin einen Kindheitstraum erfüllt. Welchen?
Ines Ziegler ist in der ehemaligen DDR groß geworden. Ihre Mutter wurde mit 18 Jahren mit ihr schwanger. Sie war Aktmodell, der Vater Künstler. „Meinen Vater habe ich nie kennengelernt und sein künstlerisches Werk auch nicht“, sagt die quirlige Frau mit rötlichen halblangen Haaren und freundlichem, offenen Blick. Sie sei das Produkt einer Affäre gewesen. Ein Skandal damals. Was tun? „Meine Großmutter hat darauf bestanden, dass ich zur Welt komme.“
Ziegler hatte keine einfache Kindheit. Der Vater war weg, der Stiefvater bei der Nationalen Volksarmee. Ihre Mutter arbeitete inzwischen als Dekorateurin, Alkohol bestimmte das Leben des Paares. „Schlagen und ertragen war das Klima“, wie Ines Ziegler im Rückblick beschreibt. Sechs Jahre hat sie anschließend bei ihrer Großmutter gewohnt, einer Kindergärtnerin. Diese habe mit eigens ausgedachten Geschichten ihre Phantasie angeregt. Und sie hat ihr Halt gegeben im Leben.
Mit 16 Jahren wurde Ines Ziegler in der DDR schwanger
Bis kurz nach der Wende hat Ziegler in der DDR gelebt. Sie ist mit 16 Jahren schwanger geworden, noch in der Schule. „Es war schlimm für meine Eltern.“ Ziegler dachte, sie könne mit Kind aus der DDR einfacher weg. Es klappte nicht. „Damals war ich Revoluzzerin.“ Sie machte die Schule fertig, wie es die Parteifunktionäre von ihr forderten. Mit acht Wochen konnte sie ihr Kind in die Krippe geben und eine Ausbildung zur Technischen Zeichnerin beginnen, sie arbeitete in einer Maschinenfabrik. „Eigentlich wollte ich Sekretärin werden, doch ich war nicht in der Partei, deshalb durfte ich das nicht.“ Sie sei nie angepasst gewesen. „Ich war ein furchtbares Kind“, sagt sie, sie habe gegen die Eltern und den Staat rebelliert. In Dresden habe sie demonstriert. Als sie ihren Stiefvater fragte, was machst du, wenn du mir gegenüberstehst, habe dieser gesagt: „Dich erschießen“.
Mit sechs Jahren schrieb Ines Ziegler ihr erstes Gedicht
Beide Eltern sind inzwischen gestorben, ihre Großmutter wurde 96 Jahre alt. Schon als Kind hatte sie viele Ideen für Bücher. Mit sechs Jahren schrieb sie ihr erstes Gedicht für eine Kinderzeitung. Und mit zweieinhalb habe sie ihr erstes Bild gemalt: „Sturm im Wasserglas“. Jetzt, in ihrem ersten Buch, hat sie eigene Malerei und Texte verbunden. Es heißt „Herr Hut und sein Gedankenwächter“.
Endlich ist Ines Ziegler im Traumberuf als Sekretärin tätig
Ziegler kam im Alter von 20 Jahren nach Westdeutschland und hat zuerst in Stuttgart freiberuflich in einem Architekturbüro gearbeitet. Sie hat drei Kinder im Alter von 40, 27 und 22 Jahren. Sie ist zudem ausgebildete Krankenschwester und arbeitet jetzt in der gerontopsychiatrischen Abteilung im Krankenhaus Bad Cannstatt als Stationssekretärin. „Ich bin endlich angekommen“, sagt sie. Doch auch die Kunst betreibt sie ernsthaft weiter, hat eine Ausbildung zur kunsttherapeutischen Beraterin gemacht, „damit ich meine Bilder besser verstehe“.
Blick ins Buch „Herr Hut und sein Gedankenwächter“ von Ines Ziegler. Foto: Iris Frey
Und vor zwei Jahren ist „Herr Hut“ als Idee in ihr Leben gekommen, der im Buch das Nachdenken über sich selbst fördert. Während sie bei ihrem aktuellen Job erstaunt ist über die Geschichten der Menschen, die sie hört, was sie deprimiert, setzt sie als Autorin eigene Akzente, positive. Dabei kommt auch viel Philosophie zum Tragen. Im Gedankenwächter spielt sicherlich auch ihre eigene Vergangenheit eine Rolle. „Du bist immer beobachtet worden. Überall, wo ich mit meinem Freund war, bin ich gefilmt worden“, sagt sie und am Telefon „hat man immer gehört, wenn sich jemand einklinkt“. Viele Jahre war sie alleinerziehende Mutter.
Erste Kunstausstellung 30 Jahre nach dem Mauerfall
Anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls hat sie 2020 in Bad Cannstatt im Kulturkabinett erstmals ihre Bilder öffentlich ausgestellt. Das positive Echo hat ihr Schwung gegeben, auch in der Malerei weiterzumachen. Sie malt „alles, was in mir hochkommt“. Es sind großformatige Leinwandbilder, frei komponierte Motive, Personen, Tierkombinationen – in freier Perspektive und leuchtenden Farben mit großer Symbolkraft. „Peace and Love und Regenbogen“ heißt ein Bild. Auf das hat sie alle ihre Glaubenssätze aufgeschrieben und auf Zettel aufgeklebt als Collage, die man ihr in ihrer Kindheit gesagt hat. Ein Mädchen ist dargestellt, ganz brav – aber ihre Zöpfe sind abgeschnitten. Die alten Zöpfe sind weg. „Ich befreie mich mein ganzes Leben von Altlasten“, sagt Ziegler.
Illustrationen im Gedichtebuch von Bernd Harlem Fischle
Für den Autor Bernd Harlem Fischle, mit dem sie in der Nachbarschaft befreundet ist, hat sie in dessen Gedichtebuch „Fullmoon“ drei Bilder als Illustrationen gemalt. „Da habe ich mir mit einer Literaturwissenschaftlerin Ideen eingeholt. Ihr Ziel ist es, alle Bilder auf einmal auszustellen und dass „jemand die Bilder toll findet und sie gerne bei sich aufhängen will“. Denn, sagt sie, KI werde nie so perfekt sein, wie jemand, der seine Bilder von Herzen malt.
Im Buch „Herr Hut und seine Gedankenwächter“, bei dessen Umsetzung ihr 40-jähriger Sohn ihr geholfen hat, dürfen die Leser sich selber besser verstehen können: „Warum bin ich so“. Dafür gibt es im Buch ausreichend Platz für die eigenen Gedanken. Das darf jeder selbst reinschreiben. Sie hat jetzt die ersten Bücher drucken lassen und will sie veröffentlichen.
Das Buch hat 56 Seiten, 12 farbige Abbildungen und kostet 30 Euro. Interessierte schreiben an: eineechteziegler@gmail.com