
Im syrischen Kobanê kämpfen Regierungstruppen gegen die Kurden, die die Stadt kontrollieren. Der Ort gilt als Symbol des Widerstands gegen den IS – doch ausgerechnet die Terrormiliz droht durch die Kämpfe wieder zu erstarken.
Nach dem Sturz des Diktators Baschar al-Assad im Dezember 2024 war die Erleichterung in Syrien groß. Doch bald gab es Zweifel, ob Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa das Land in eine friedliche Zukunft führen kann. Dabei hatte er betont, Syrien im Sinne aller Bevölkerungsgruppen und Minderheiten einen zu wollen.
Doch diese Zukunft ist in weite Ferne gerückt: Als im Dezember Integrationsversuche der autonom verwalteten kurdischen Region Rojava im Nordosten Syriens scheiterten, schickte al-Scharaa die Armee, um seinen Machtanspruch durchzusetzen.
Unterstützung für al-Scharaa aus Ankara
Die Stadt Kobanê, eine der wichtigsten Städte in der Region, wird weiterhin belagert. Dabei erhalte die syrische Armee militärische Unterstützung aus der Türkei, sagt die deutsch-kurdische Journalistin Dîlan Karacadağ, die seit 2014 über die Region berichtet. Durch die Lage Kobanês nahe der türkischen Grenze ist eine starke kurdische Autonomie eine Bedrohung für die Regierung in Ankara.
Darüber hinaus sei die Stadt seit ihrer Befreiung von der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) für viele Menschen weltweit ein Symbol: „Für Widerstand, für Selbstbestimmung und für einen demokratischen Aufbruch“, wie Karacadağ sagt. In diesen Tagen jährt sich die Befreiung vom IS zum elften Mal – umso zynischer sei es, dass die Miliz in der umkämpften Region wiedererstarken und die Stadt erneut bedrohen könnte.
Lage in Kobanê „jenseits der Vorstellungskraft“
Die in Frankfurt ansässige Hilfsorganisation Medico International hält Kontakt zu Partnern wie dem Kurdischen Halbmond vor Ort – inzwischen nur noch über Satellitentelefon. Am 20. Januar erreichte die Hilfsorganisation noch eine Sprachnachricht des Bürgermeisters, Fewaz Ehmed: „Was wir in Kobanê erleben, ist jenseits der Vorstellungskraft der Menschen.“
Wasser und Stromversorgung seien gekappt und die medizinische Versorgung sei katastrophal. Die Türkei und die syrischen Truppen bombardierten die Dörfer rund um Kobanê schwer. „Wir haben keinen Kontakt mehr. Was dort geschieht, weiß niemand“, sagt Ehmed.
Waffenstillstand – doch in Kobanê wird gekämpft
Am Samstag wurde der geltende Waffenstillstand um zwei Wochen verlängert. Doch rund um Kobanê halten die Kämpfe an, sagt Medico-Referentin Anita Starosta. Es müsse dringend ein humanitärer Korridor eingerichtet werden – für Hilfslieferungen und als Fluchtweg für Zivilisten.
Das Anliegen der kurdischen Selbstverwaltung, als solche in Syrien offiziell anerkannt zu werden, scheine fast gescheitert, sagt Starosta. Funktionierende demokratische Strukturen, die in den vergangenen zehn Jahren aufgebaut wurden, seien in Gefahr. In den kommenden Tagen werde sich in den Verhandlungen zeigen, ob die Kurden und die Autonomieverwaltung künftig all ihre Rechte abgeben müssten.
Unterstützung für Al-Scharaa von arabischen Gruppen
Al-Scharaas Truppen wurden im Nordosten Syriens von einigen aber auch begrüßt: Arabisch-dominierte Gruppen hätten Repressionen von kurdischer Seite zu spüren gekommen – Starosta hält das für plausibel, denn zwischen den eher konservativen arabischen Stämmen und der kurdischen Selbstverwaltung habe es öfter Spannungen gegeben. Auf Unterstützung der arabischsprachigen Gruppen kann die kurdische Selbstverwaltung also nicht hoffen.
Entflohene IS-Kämpfer bedrohen Kobanê
Zusätzlich wird die Freiheit der Menschen im kurdischen Selbstverwaltungsgebiet nun noch vom IS bedroht: Seit Tagen kursieren Videos in sozialen Medien, die entflohene Kämpfer aus dem Internierungslager Al-Hol bei Kobanê zeigen sollen. Dort waren sie seit dem Sieg über den IS festgehalten worden.
Für Starosta hat sich diese Gefahrenlage bereits abgezeichnet: Die kurdische Selbstverwaltung habe jahrelang internationale Unterstützung gefordert. Ausländische IS-Kämpfer hätten in ihre Heimatländer zurückgeholt, Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden müssen.
Auch bei der Resozialisierung sei die kurdische Selbstverwaltung allein gelassen worden. Dabei würden in den Lagern auch Kinder aufwachsen, die keine Perspektive außer der radikalen IS-Ideologie hätten. Man habe sich mit der finanziellen und militärischen Unterstützung für die kurdischen IS-Bewacher begnügt – diese fühlten sich nun zurecht im Stich gelassen.