Stand: 28.01.2026 13:04 Uhr

Zwischen Wismars Hochbrücke und Bahngleisen steht auf einem verlassenen Fabrikgelände die sogenannte „Hall of Fame“. Was nach einem „Lost Place“ aussieht, ist der Treffpunkt für Wismars Grafittiszene.

Mit nur wenigen Handgriffen ist Sprayer Pascal Grund bereit: Der Wand-Hintergrund ist schon in Türkis gestrichen. Die Buchstaben sind vorgezeichnet. Jetzt werden sie mit Farbe gefüllt: Eisblau – passend zu den frostigen Temperaturen.

Vom Kohlehandel zum Sprayer-Paradies

Mann sprayt mit Maske und Sprühdose an eine Wand

Pascal Grund sprayt seitdem er 15 ist. Vor allem an Plätzen, wo es den Sprayern von der Stadt erlaubt wurde.

Die Graffitikünstler nutzen hier eine ehemalige Fabrik-Mauer, die ein etwa ein Hektar großes Gelände umschließt. „Das war ein alter Kohlehandel“, sagt Christian Pursch. Er ist ebenfalls Sprayer und kennt die Szene und die „Hall“ seit ihren Anfängen. Der Kohlehandel ist weg. Das Gelände steht leer – Genug Raum für Graffiti-Kunst. „Die Wände wurden 1994 legalisiert. Es wurde gesagt, dass wir hier draußen sprühen dürfen und jetzt sind wir seit mehr als 30 Jahren hier.“

Legale Grafittis auch im Stadtbild

Ein Grafitti zeigt eine Waldoptik, in der sich Fuchs und Hase freundlich gegenüber sitzen.

In Wismar sagen sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“. Im Auftrag der Stadt dürfen auch immer wieder Flächen im Stadtbild verschönert werden.

Das sei auch im Sinne der Stadt, die selbst für Graffitis auf ihren Straßen sorgt. Mit Auftragsarbeiten dürfen die Sprayer aus einem langweiligen Stromkasten ein Kunstwerk erschaffen. An der „Hall“ können die Künstlerinnen und Künstler dafür frei und ungestört üben. „Es gibt keine wirklichen Regeln. Man sollte nicht unbedingt als Anfänger über ein gutes Bild drübergehen“, sagt Christian Pursch. Ansonsten sei genug Platz für jeden. „Wenn ein Bild ein bis zwei Monate steht, ist es schön. Das wird dann übermalt. Aber das ist auch kein Problem.“

Rechtsextreme schmieren Hakenkreuze an die Wand

Zum Problem wird es, wenn in ein Bild einfach reingeschmiert wird. Vor allem, wenn es verfassungsfeindliche Symbole sind. Beim Rundgang haben die Sprayer zwei Hakenkreuze entdeckt. Unbekannte haben sie auf ein Kunstwerk gesprüht. Christian Möller übersprüht die Symbole direkt. „Jetzt ist wieder Jahreswende gewesen. Da kommen sie raus“, sagt Christian Möller. „Sie wissen, wir sind dann nicht so oft da. Und dann kommen sie mit ihren hässlichen Nazi-Schmierereien“. Wismars Graffiti-Szene versucht den Platz sauber zu halten.

Podcastcover "OZ".

Zwei Jahrzehnte lang geht der Graffiti-Sprayer OZ – bürgerlich Walter Fischer – jede Nacht raus und „macht Hamburg bunter“, wie er sagt – oder, wie andere urteilen: Er verschandelt die Stadt.

Zur Summer Jam kommen Sprayer aus ganz Deutschland

Im Sommer finden auch größere Events und Aktionen statt: beispielsweise die Summer Jam. Aus ganz Deutschland kommen dann Menschen, die sich für Spray-Kunst begeistern, nach Wismar und sprühen Figuren, Buchstaben und Gemälde auf die Wände.

Gern gesehen sind an der „Hall of Fame“ auch Nachwuchskünstlerinnen und -künstler. Für die gibt es auf dem Gelände eine kleinere Übungswand zum Austoben. Pascal Grund gibt selbst auch Workshops für Jugendliche. Heute sprüht Pascal aber schon seit ein paar Stunden ganz für sich. Ist er zufrieden mit seinem Werk? Die Buchstaben strahlen durch mehrere Blau-Töne. Umrandet von schwarzen Linien, die durch Schattierungen eine dreidimensionale Optik erzeugt. Auf der Wand der Hall ist jetzt in einer verspielten Schrift „Wismar“ zu lesen. Bis die nächste Person kommt und eine andere Idee für die Fläche hat.

Jonathan Sachaus fertiges Werk: ein Stromkasten, der visuell auf die Energiewende eingeht.

Der Sprayer wird von Unternehmen gebucht. Für den Energieanbieter EWS ist Jonathan Sachau in Bad Segeberg unterwegs.

Der Sprayer Walter Fischer alias "OZ" (© SWR/TESE, für die Sendung "City of OZ" in der ARD Audiothek)

In Hamburg hat der Sprayer OZ etwa 120.000 Graffiti hinterlassen. Nach seinem Tod 2014 ist der Umgang mit seinen Werken weiter offen.