Kristi Noem kämpft um ihr politisches Überleben. Nach den zwei von ICE-Agenten verursachten Todesfällen in Minneapolis, ihren wahrheitswidrigen „Inlandsterroristen“-Parolen und massivem Druck auch aus der Republikanischen Partei versucht die US-Heimatschutzministerin nach Kräften, sich aus der Schusslinie zu ziehen. Ihre Ausrede: Der von vielen Amerikanern als skandalös empfundene Ton nach dem Tod von Renée Good und Alex Pretti sei ihr von höchster Stelle vorgegeben worden: von Trumps Abschiebungshardliner Stephen Miller. Der Vize-Stabschef des Präsidenten hatte Pretti zunächst als „potenziellen Attentäter“ gebrandmarkt. Heute schiebt er den ICE-Agenten, die geschossen haben, die Schuld in die Schuhe.
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Während Trump dementiert, Noem entlassen zu wollen, und ihr lippenbekenntnisreich „sehr gute Arbeit“ bescheinigt, ist offensichtlich, wie sehr der Präsident über die Öffentlichkeitsarbeit seiner Top-Leute erzürnt ist. Trump kündigte an, persönlich eine „große Untersuchung“ der Strafverfolgungsbehörden zu der Tragödie zu beaufsichtigen. Ob Noem das Ende im Amt erlebt, halten viele Beobachter für fraglich.

Politisch hauteng mit dem Präsidenten verbunden: Heimatschutzministerin Kristi Noem ist Donald Trumps Bezugsperson für Sicherheitsfragen bei der nahenden Fußball-WM in den Vereinigten Staaten. Rechts: Fifa-Chef Gianni Infantino.
© picture alliance / Consolidated News Photos | Will Oliver – Pool via CNP
Kritik an Kristi Noem: „Ein solches Verhalten ist unentschuldbar“
Denn unterdessen haben sich über 160 Kongressabgeordnete in den USA, Tendenz steigend, für ein Amtsenthebungsverfahren gegen Noem ausgesprochen, wenn sie nicht zurücktritt. Warum? Das hat stellvertretend das Kommentariat von „USA Today“ auf den Punkt gebracht: „In beiden Fällen (…) hat Noem das amerikanische Volk regelrecht belogen, obwohl die Vorfälle ziemlich eindeutig auf Video festgehalten wurden. Sie hat den Amerikanern gesagt, sie sollten ihre Augen und Ohren ignorieren und stattdessen der von der Regierung bevorzugten falschen Darstellung Glauben schenken. Ein solches Verhalten ist unentschuldbar.“
Wer ist diese Frau, die binnen eines Jahres vom „Trump-Engel des Heartland“ zur gefürchteten und belächelten „ICE-Barbie“ der Republik geworden ist?
Noem, 54, verheiratet, drei Kinder, wuchs auf einer Farm im Bundesstaat South Dakota auf. Sie verlor früh ihren Vater, brach das College ab, um den Familienbetrieb zu retten. Über die Lokalpolitik, das Repräsentantenhaus in Washington und schließlich den Gouverneursposten in der Hauptstadt Pierre arbeitete sie sich am rechten Rand der Republikaner als wortgewandte Stimme der christlich-konservativen Basis hoch.
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Kritik an Noems Führungsstil wächst
2024 sollte ihre Karriere richtig abheben. Bis Noem in ihrem Buch „No Going Back“ geradezu stolz schilderte, wie sie ihren Jagdhund Cricket eigenhändig erschoss. Angeblich, weil das Jungtier nicht gehorchte. „Schwierige Entscheidungen wie diese fallen auf einem Bauernhof ständig“, behauptete Noem. Kritiker rätseln seither, was mit Noem mental-charakterlich nicht stimmt. „Wer Welpen töten muss, um Führungsstärke zu beweisen, hat ein Problem.“
Trump machte sie trotzdem zur Chefin des Heimatschutzministeriums – und damit zum „Gesicht“ seiner extremen Abschiebungspolitik. Integraler Bestandteil: die Hatz auf illegale Einwanderer.
Für diesen Job reitet Noem schon mal mit entschlossenem Blick im Cowboy-Hut neben schwer bewaffneten Beamten auf dem Pferd. Oder zeigt sich vor halb nackten, tätowierten Häftlingen in einem Gefängnis-Gulag in El Salvador, in das die Trump-Regierung mehr als 250 Venezolaner hatte abschieben lassen. Die Internet-Community verpasste ihr wegen des gekünstelten, oft grell überschminkten Äußeren den Spitznamen „ICE-Barbie“.

Gibt gern die beinharte Rancherin mit Cowboy-Hut: Kristi Noem Anfang Januar an der texanisch-mexikanischen Grenze in Brownville.
© Getty Images via AFP | MICHAEL GONZALEZ
Politisch hat sich Noem hauteng an Donald Trump gebunden. Sie verteidigt bis heute seine Lügen über den angeblichen Wahlbetrug von 2020. Und sie verspricht gefühlt einmal am Tag, dass unter ihrer Führung „die härteste Einwanderungspolitik unserer Geschichte“ exerziert werde.
Prominente rufen zu Widerstand gegen ICE und Trump-Regierung auf
Noem unter Druck: Verträge mit Beratungsfirmen bringen ihr Kritik ein
Dass sie noch vor Beginn einer unabhängigen Untersuchung den 37-jährigen Alex Pretti verbal als schlimmen Straftäter abkanzelte, hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Nicht nur zig prominente Demokraten fordern ihren Abgang. Auch republikanische Senatoren wie Thom Tillis und Lisa Murkowski halten die stets gefühlskalt wirkende Noem für untragbar. Noems Versuch, Verantwortung nach oben zu schieben und Stephen Miller in Bedrängnis zu bringen, der sie angeblich zur Terrorismus-Rhetorik gedrängt haben soll, ist riskant. „Sieht Trump sie als Mühlstein, wird er sich ihrer ruckzuck entledigen“, sagt ein republikanischer Analyst in Washington.
Noem bietet viele Angriffsflächen. Laut Recherchen der Nachrichtenportale „ProPublica“ und „South Dakota News Watch“ hat sie Beraterverträge mit Technologie-, Finanz- und Rüstungsunternehmen abgeschlossen, dabei Zahlungen im siebenstelligen Bereich erhalten und sich politisch für besagte Industrien eingesetzt. Unter anderem geht es um: ein Rüstungsunternehmen, das später einen milliardenschweren Nationalgarde-Vertrag erhielt; ein Tech-Konglomerat, dem Noem Zugang zu staatlichen Datenbanken erleichterte; und um Geldflüsse zwischen Noem-nahen Spenden-Komitees und Firmen, die sie öffentlich lobte.

Noem soll laut Gerichtsakten ihre Position genutzt haben, um ihrer Tochter Zugang zu bevorzugten Immobilienbewertungen und staatlichen Baulizenzen zu verschaffen. Noem, der seit Langem in US-Medien ein außereheliches Verhältnis mit Trumps Ex-Büchsenspanner Corey Lewandowski nachgesagt wird, pflegt ein nachlässiges Verhältnis zur Wahrheit. In ihrem Buch behauptete sie, sie habe dereinst den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un getroffen und ihm „in die Augen geschaut“. Ist nie passiert. Die Passage wurde wieder gestrichen.