• Der Alte Leipziger Bahnhof in Dresden soll ein Gedenkort werden.
  • Das Konzept umfasst eine Shoah-Gedenkstätte, ein NS-Dokumentationszentrum und eine Begegnungsstätte.
  • Ob für die Finanzierung die Stadt Dresden aufkommt, darüber soll am Donnerstag der Stadtrat entscheiden.

Züge verkehren am Alten Leipziger Bahnhof in der Dresdner Neustadt schon längst nicht mehr. Die Gleise sind abgebaut oder überwuchert, die ehemalige Empfangshalle eine Ruine. Von hier aus fuhren ab 1942 auch die Deportationszüge Richtung Osten in die Vernichtungslager.

Einen solchen Zug sollte im Februar 1945 auch die damals neunjährige Renate Aris besteigen. Durch die Bombardierung der Stadt kam es anders. Das Brand-Inferno habe ihr das Leben gerettet, so Aris. Wäre der Alte Leipziger Bahnhof nicht zerstört gewesen: „Ich wäre von dort aus nach Theresienstadt gekommen.“

Überlebende des Holocaust setzt sich für Gedenkort ein

Insofern ist es nur allzu begreiflich, dass sich die 90-Jährige für einen Gedenkort an dieser Stelle engagiert. Angesichts der Situation, dass es mit den Plänen nicht vorwärts geht, gibt sich Renate Aris, die letzte Holocaustüberlebende im Raum Dresden, Chemnitz und Görlitz, kämpferischer denn je.

Wenn es uns nicht mehr gibt, dann legt sich jeder die Geschichte zurecht, wie er will.

Renate Aris, Holocaustüberlebende

Es sei eine Verantwortung gegenüber allen Ermordeten: „Wenn es uns nicht mehr gibt, dann legt sich jeder die Geschichte zurecht, wie er will“, betont sie. Deshalb sei ein Ort wichtig, an dem die leidvolle Geschichte erfahrbar und erlebbar gemacht wird.

Engagement gegen Antisemitismus nicht nur an Gedenktagen

Einer von Aris‘ Mitstreitern vom Förderverein ist André Lang. Er wurde 1946 in Manchester im Exil geboren und kam dann mit seinen Eltern nach Dresden, zurück in die einstige Heimat. Er findet, erinnerungspolitische Arbeit sollte das ganze Jahr über stattfinden, nicht nur an ausgewählten Tagen.

„Die gegenwärtige Entwicklung, der zunehmende Rechtsextremismus und bestimmte Formen des Antisemitismus, die verlangen von uns, dass wir aus dem Erinnern heraus Lösungen schaffen und auch darstellen, dass sich so etwas nie wiederholt“, so Lang.

Erinnerungskultur ist, so habe ich das Gefühl, in unserer Stadt immer nur an bestimmte Tage gebunden.

André Lang, Förderverein Alter Leipziger Bahnhof

Stadt fördert neuen Dresdner Gedenkort bislang nicht

Was André Lang und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern vom Förderkreis vorschwebt, ist nicht nur eine Shoah-Gedenkstätte, sondern gleichermaßen ein Dokumentationszentrum, das NS-Geschichte aufarbeitet, aber auch Zeugnisse jüdischen Lebens in Dresden versammelt, und eine Begegnungsstätte.

Dafür wurde seitens des Vereins ein ambitioniertes Konzept erstellt und im März 2025 vorgestellt. Seitdem stagniert die Arbeit daran, denn die vorgesehenen Gelder dafür wurden bisher vom Stadtrat nicht bewilligt. 100.000 Euro für 2025 sind somit bereits verfallen. Die Förderung für 2026 wurde kürzlich im Kulturausschuss erneut abgelehnt.

Wer zahlt: Stadt Dresden und/oder Freistaat Sachsen?

Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch versteht das Zögern in der Kommunalpolitik. Sie bezieht sich damit unter anderem auf die 1,5 Millionen Euro, die der Betrieb des Gedenkortes laut Konzeption jährlich kosten würde, sollte die Empfangshalle einmal saniert sein.

„Man muss vielleicht betonen, dass das Konzept ein Diskussionsangebot ist“, erklärte Klepsch. Man lebe in finanziell angespannten Zeiten. Umso wichtiger sei es, im Dialog zu bleiben. Sie sieht dabei auch den Freistaat Sachsen in der Rolle, Dresden bei diesem Vorhaben zu unterstützen.

Dass der Alte Leipziger Bahnhof als authentischer Gedenkort sowohl eine landes- als auch bundeweite Bedeutung hat, unterstreicht auch der Dresdner Landtagsabgeordnete Albrecht Pallas, der das Projekt unterstützt. Er appelliert an alle demokratischen Fraktionen im Stadtrat, die Mittel freizugeben: „Es gibt nicht viele Orte, die so authentisch für den Holocaust, für die Shoah stehen, wie der Leipziger Bahnhof.“

Ankauf des Alten Leipziger Bahnhof bisher ergebnislos

Abgesehen von den Kosten sind auch die nach wie vor ungeklärten Eigentumsverhältnisse ein Problem. Die Stadträte von CDU, aber auch von der FDP, führen dies immer wieder als Argument an, die Fördermittel im Moment nicht freizugeben.

Oberbürgermeister Dirk Hilbert ist beauftragt worden, mit dem Eigentümer, der Globus Holding, über einen Ankauf des Areals zu verhandeln. Doch nach wie vor ergebnislos.

Seitens der Stadt wird schriftlich mitgeteilt: „Die Gespräche der Landeshauptstadt mit dem Eigentümer zum Erwerb der zukünftig als Gemeinbedarfsfläche gewidmeten Grundstücksteile dauern an.“ Und weiter heißt es: „Sowohl Globus wie auch die Landeshauptstadt bekennen sich jedoch zur Realisierung des Gedenkortes auf dem Areal des Alten Leipziger Bahnhofes.“

Konzept auf Eis gelegt

Im Vorfeld der Stadtratsitzung gab es noch einmal ein vermittelndes Gespräch zwischen den Fraktionen. Sollte beispielweise die CDU auf ihren Bedingungen eines Ankaufs beharren, bedeutet das für die vielen ehrenamtlich Engagierten im Förderkreis Alter Leipziger Bahnhof, dass bereits angeschobene Projekte nicht fortgesetzt werden können, wie etwa ein konzeptioneller Austausch mit einer Gedenkstätte in Riga oder die Einbindung von Nachfahren der Shoah-Opfer.

Und auch für die 90-jährige Renate Aris ist Abwarten keine Option, denn sie will die Eröffnung der Gedenkstätte noch erleben: „Natürlich will ich da mit dabei sein, aber da muss ich ja noch zehn Jahre drauflegen. Ich hoffe, es ist eher!“


Redaktionelle Bearbeitung: jb, vp