David Faraguna erinnert sich noch an die hellen Lichter an der Decke des langen Flurs, durch den man ihn eilends auf die Intensivstation schob. „Wie im Film“, dachte der damals 44-Jährige, während die Lichter über ihm daher rasten. Und dann dachte er: dass es das nun wohl war. „Ich werde jetzt sterben.“ Drei Jahre später ist der Mann aus Altenberge im Münsterland zum Glück putzmunter. Aber viel, sagt auch sein Arzt, habe nicht gefehlt: Eine „nekrotisierende Pankreatitis“ überlebten nicht alle Patienten.

Es fing im April 2023 mit Schmerzen im Oberbauch an. Zwei Tage später wachte der Maschinenanlagenführer „quittegelb“ auf. „Im Krankenhaus wussten sie sofort, was Sache war“, erinnert er sich: Gallensteine. Die Gallenblase wurde entfernt. Damit hätte alles gut sein können. War es aber nicht.

Abfluss des Verdauungssekrets blockiert

Denn ein kleiner Gallenstein war in die „Papille“ gelangt, die gemeinsame Mündung des Gallen- und Bauchspeicheldrüsengangs in den Zwölffingerdarm. Er blockierte den Abfluss des Bauchspeichelsafts. Das aggressive Verdauungssekret staute sich in der Bauchspeicheldrüse (Pankreas). „Und das führt zu einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse, einer Pankreatitis“, erläutert Dr. Viktor Rempel, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie im St. Anna Hospital Herne.

„Ich bin nicht empfindlich“, sagt Faraguna, „aber diese Schmerzen vergesse ich nie. Solche Schmerzen habe ich nie zuvor gehabt.“ „Vernichtungsschmerz“, sagt Rempel, „ist eines der typischen Symptome dieser akut lebensbedrohlichen Situation – und ein recht sicheres Indiz für einen späteren schweren Verlauf.“

Keine lokale Entzündung, eine systemische Reaktion

Der Stein wurde entfernt und ein Stent in den Gallengang gelegt. Elf Tage blieb Faraguna auf der Intensivstation. Als er endlich wieder auf der Bettkante zu sitzen vermochte, hatte er so viel Wasser eingelagert, dass er nicht einmal mehr Zeigefinger und Daumen zusammenführen konnte, so dick war seine Hand. „Eine akute Pankreatitis ist keine lokale Entzündung, sondern eine systemische Reaktion des ganzen Körpers“, erläutert Rempel.

Antikörper, die Viruszellen angreifen

Ich bin nicht empfindlich. Aber diese Schmerzen vergesse ich nie.

Bauchspeicheldrüsenentzündung in Herne
David Faraguna (47), Pankreatitis-Patient

80 Prozent der akuten Bauchspeicheldrüsenentzündungen verlaufen dennoch „leichtgradiger“ als die von Faraguna. In seinem Fall kam es auch im umliegenden Gewebe zu schweren Entzündungen, zum Untergang und Absterben des Gewebes, zu „Nekrosen“. Und, schlimmer noch, zu einer Infektion der Nekrosen mit Bakterien. „Dann muss man schnell werden“, sagt der Arzt. 20 bis 30 Prozent der Betroffenen überlebten eine nekrotisierende Pankreatitis nicht. „Mit der bloßen Hand halten sie einen rollenden Zug nicht mehr auf.“

„Es wird ein langer Weg“

Antibiotika helfen in so einer Situation nicht mehr. Es müssen Drainagen in die Nekrosen gelegt werden. Die Ärzte in Münster taten das, „sie haben alles richtig gemacht“, sagt Rempel. Faraguna ging es dennoch immer schlechter. Er wurde im August 2023 schließlich aus Münster ins Herner Pankreas-Referenzzentrum im Anna-Hospital verlegt, zu den Spezialisten für schwierige Fälle.

„Ein schwerstkranker, junger Mann“ – das war Rempels erster Eindruck von Faraguna, der da bereits 36 Kilo Gewicht verloren hatte. Aber nicht die Hoffnung, dass er wieder gesund werden würde. Der Herner Gastroenterologe sagte ihm: „Sie können es schaffen. Aber es wird ein langer Weg werden.“

Transduodenale Nekrosektomie

Rempel legte Faraguna direkt durch die Haut Drainagen in den Bauch, um das entzündete Gewebe zu spülen und zu entfernen. Zunächst verwendete er sehr dünne Schläuche, dann immer dickere. Zuletzt so dicke, dass er über den Zugang auch ein Endoskop einführen konnte – und darüber Instrumente, mit denen er selbst die tief liegenden Nekrosen erreichte. „Transduodenale Nekrosektomie“ nennen Experten dieses Vorgehen. Nur wenige spezialisierte Kliniken verstehen sich darauf.

Mit der bloßen Hand halten Sie einen rollenden Zug nicht auf.

Bauchspeicheldrüsenentzündung in Herne
Dr. Viktor Rempel, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie, St. Anna Hospital Herne

„Noch in den 90er-Jahren wäre eine nekrotisierende Pankreatitis offen operiert, der Bauch des Patienten aufgeschnitten worden“, erläutert Rempel. „Doch diese Methode ging immer mit einer hohen Komplikations- und Sterberate einher.“ Und über einen minimalinvasiven, laparoskopischen Eingriff – eine weitere Therapie-Alternative – erreiche man die tief liegenden Nekrosen nicht immer.

Ein künstlicher Darmausgang

Wochenlang musste Faraguna die schmerzhafte Prozedur mehrmals pro Woche über sich ergehen lassen. Noch heute ist sein Bauch rot gesprenkelt, von all den Zugängen, die man ihm legte. „Es ist schwer, solche Nekrosen herauszuholen“, erläutert Rempel, „die sind sehr klebrig.“

Doch damit war es noch immer nicht genug: Da sich die Entzündung durchs Bauchfettgewebe sogar bis in Faragunas Dickdarm gefressen hatte, gelangten Bakterien aus dem Darm in seine Bauchspeicheldrüsennekrosen. Es bildete sich eine Fistel. Die Ärzte mussten diesen Bereich des Darms deswegen „ausschalten“. Sie legten dem Patienten einen künstlichen Darmausgang. Faraguna sagt: „Gut, dass es so was gibt.“

Geburtstag ohne den Papa

Der 47-Jährige schwärmt von seiner Frau, die so oft wie möglich aus Altenberge nach Herne kam, um ihn zu besuchen. Und er schwärmt von den Ärzten und Pflegekräften, die ihn betreuten. „Das Team hier war megaklasse. Und das hilft ungemein.“ Monatelang lag er im Krankenhaus. „Den zweiten Geburtstag musste meine kleine Tochter ohne mich feiern, das war das Schlimmste.“ Ein ganzes Jahr konnte er nicht arbeiten. Erst im Januar 2024 wurde der künstliche Darmausgang wieder zurückverlegt.

Herne-Newsletter: Jetzt kostenlos anmelden!

Nachrichten, Service, Reportagen: Jeden Tag wissen, was in unserer Stadt los ist.

Newsletter Illustration

Herne-Newsletter: Jetzt kostenlos anmelden!

Nachrichten, Service, Reportagen: Jeden Tag wissen, was in unserer Stadt los ist.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der
Werbevereinbarung
zu.

„Doch jetzt habe ich keinerlei Einschränkungen mehr“, freut sich der Münsterländer. „Alles ist gut!“ Er arbeite wieder im alten Job und habe sein altes Gewicht, sagt Faraguna. Er achte nun etwas mehr auf gesunde Ernährung, und auf Alkohol verzichte er inzwischen ganz. „Ein vorsichtiger Mann“, sagt sein Arzt. Denn Alkohol war in Faragunas Fall nicht die Ursache der Erkrankung, es war der Gallenstein. „Eine Wiederholung brauche ich aber garantiert nicht“, entgegnet Faraguna. Mit einem erhöhten Risiko für Diabetes und bestimmte Verdauungsstörungen könne er gut leben. „Das sind beherrschbare Krankheiten“, sagt auch der Arzt.

Weitere Texte rund um das Thema Gesundheit

Viktor Rempel versichert zudem, er sei sehr froh, dass sein Patient die akute Phase überhaupt überstanden habe. „Man reagiert ja nicht nur als Arzt, sondern auch als Mensch auf einen solchen Fall: ein junger Mann, mit zwei Kindern, so schwer krank. Wir mussten zweimal hingucken, als die Familie ein paar Wochen nach der Entlassung mit einem Präsentkorb in der Endoskopie auftauchte. So gut sah er aus. Und dann haben wir alle gejubelt.“