Ü bermäßige Härte, alltägliche Aggression und zunehmende Radikalisierung – das sind Merkmale, die sich in jeder Gesellschaft im Krieg finden. Doch umso klarer sieht man unter solchen Bedingungen Äußerungen von Menschlichkeit und Barmherzigkeit. So wie im ukrainisch-russischen Konflikt die Beziehung der Ukrainer zu Haustieren in Kriegsgebieten.
In Friedenszeiten haben meine Frau und ich den Kindern beigebracht, dass Haustiere, seien es nun Katzen, Ratten oder Papageien, vollwertige Familienmitglieder seien. Als meine Familie am 24. Februar 2022 Vorbereitungen zur Flucht aus Odessa traf, hätten wir also im Traum nicht daran gedacht, unsere Katze ihrem Schicksal zu überlassen. Natürlich saß sie mit uns im Auto nach Westen. Ja, das war schwierig. Aber in dem Moment war es für alle schwierig. Hätten wir sie aussetzen sollen? Den Kindern erzählen, dass sie halt in solch einer Situation doch nicht mehr zur Familie gehört? Natürlich nicht!

über leben
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
Ich erinnere mich noch, dass damals ein Foto um die Welt ging: Bei der Evakuierung aus Kyjiw trägt ein bärtiger Mann vorsichtig ein Aquarium mit einem Fisch darin. Ich denke, der Fisch war auch ein Familienmitglied. Ähnliche Situationen habe ich später überall im Land beobachtet.
Mit Haustieren evakuiert
Mai 2022, Saporischschja, eine alte Dame, die aus den russischen besetzten Gebieten kam. Neben ihr im Rollstuhl saß eine hübsche weiße Katze – die beiden wurden gemeinsam evakuiert. 2023, ein Dorf im Gebiet Lwiw in der Westukraine, eine Shahed-Drohne hatte einige Häuser zerstört. Freiwillige waren mit einem Spezialkäfig vor Ort, um zwei große Hunde in Sicherheit zu bringen. Und solche Situationen gibt es hundertfach.

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Ich behaupte nicht, dass wir hier alle so menschlich und vergeistigt seien. Es gibt auch genügend Gegenbeispiele, bei denen Ukrainer ihre Tiere einfach in ihren Häusern zurückgelassen oder auf der Straße ausgesetzt haben. Aber gleichzeitig gehört es in der Ukraine mittlerweile auch zum guten Ton, ausgesetzte Tiere, zum Beispiel aus dem Donbass, bei sich aufzunehmen. Und dann zeigt man Hund oder Katze stolz vor und sagt: „Schaut mal, das ist mein Murzik oder Barsik, was für ein hübscher Kerl! Meine Bekannten, Freiwillige aus Bachmut, haben ihn mir mitgebracht.“

Bild:
privat
Artem Perfilov
Freiberuflicher Journalist und lokaler Produzent aus der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Seit Beginn der russischen Großoffensive in der Ukraine begleitet er ausländische Journalisten, unter anderem in die Frontgebiete. Der Autor war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
In Cherson habe ich ein ganzes Tierheim mit Dutzenden solcher ausgesetzter Hunde, Katzen und vereinzelt sogar Hühnern gesehen. Lokale Freiwillige haben einen ehemaligen Pferdestall für sie gemietet. Jeden Tag füttern und versorgen sie die armen Kreaturen, während über ihnen die Drohnen fliegen.
Haustiere in der Armee
Und kennen Sie die Geschichte von dem Waschbären, den die Russen beim Rückzug aus dem Zoo von Cherson gestohlen haben? Die Empörung der Bevölkerung war grenzenlos. Die Artillerieschützen im Gebiet Cherson beschrifteten sogar ihre Geschosse mit den Worten „Für unseren Waschbären“.
Tiere in der Armee sind noch mal ein gesondertes Thema. Nun ja, Hunde können natürlich Menschen unter Trümmern finden. Aber Katzen? Ukrainische Soldaten lesen streunende Kätzchen auf, füttern und versorgen sie. Sie nähen ihnen sogar Uniformen mit winzigen Orden und Abzeichen und führen Videoblogs über sie. Ich kenne eine Einheit, die ihre Katze sogar regelmäßig befördert. Derzeit ist sie Oberfeldwebel Dusja Gromowa.
Der praktische Nutzen von Katzen liegt jedoch auf der Hand. Erstens jagen sie Mäuse, die den Soldaten in den Stellungen wirklich sehr zu schaffen machen. Zweitens helfen sie gegen Langeweile und beim Stressabbau. Den Soldaten sind die Tiere oft zugelaufen. Sie teilen dann ihr Essen mit ihnen und lassen sie in ihren Schlafsäcken schlafen. Es gibt sogar Geschichten über durch den Krieg verängstigte Rehe und Wildschweine, die sich Soldaten anschließen.
Allerdings kann ich nicht sagen, wer wem mehr hilft – wir den Tieren oder die Tiere uns. Denn gerade die Tiere geben uns eine hervorragende Möglichkeit, in diesem Krieg unsere einfache Menschlichkeit zu bewahren.
Aus dem Russischen Gaby Coldewey