Nach einem turbulenten Jahr der Kontakte mit den USA unter Präsident Donald Trump wächst das Interesse der westlichen US-Verbündeten an einer Annäherung mit China. Großbritanniens Premierminister Keir Starmer, der am Mittwoch mit einer Wirtschaftsdelegation zu einem viertägigen Besuch in der Volksrepublik aufgebrochen war, lobte nach einem Gespräch mit Chinas Staatschef Xi Jinping die „guten und starken Beziehungen“ beider Länder.

Es ist der erste Besuch eines britischen Regierungschefs seit acht Jahren. Staatsmedien in Peking setzten die Reise in den Kontext einer allgemeinen Annäherung westlicher Vertreter an China in einer „turbulenten Welt“. Das britisch-chinesische Verhältnis war zuletzt stark abgekühlt. Sowohl der Kurs in der früheren britischen Kronkolonie Hongkong, wo zugesicherte Freiheitsrechte beschnitten wurden, als auch der Umgang mit der Minderheit der Uiguren sowie Spionagevorwürfe hatten zu Kritik und Zurückhaltung aus London geführt.

Whisky, Reisen, Migration

„Wir haben einige wirklich gute Fortschritte gemacht“, zitierte der Sender Sky News den britischen Regierungschef nach dem Treffen mit Xi. So habe es Beratungen über eine Reduzierung der Zölle für Whisky aus Großbritannien, visafreie Reisen nach China und eine Zusammenarbeit bei der Bekämpfung irregulärer Migration gegeben. Die Gastgeber bestätigten inzwischen, dass Briten, die weniger als einen Monat im Land bleiben, kein Visum mehr benötigen.

Xi Jinping und Keir Starmer sitzen einander bei Gesprächen in der Großen Halle des Volkes an langen Tischen samt ihren Delegationen gegenüberHoffnung auf fallende Preise und neue Arbeitsplätze: Starmer brachte eine Wirtschaftsdelegation mitBild: Vincent Thian/AP Photo/picture alliance

Durch engere Handelsbeziehungen mit China erhofft sich Starmer zudem niedrigere Preise für britische Verbraucher und mehr Arbeitsplätze. Präsident Xi erklärte, China sei bereit, mit Großbritannien eine langfristige, stabile und umfassende strategische Partnerschaft zu entwickeln. Er sei überzeugt, dass der Besuch ein Erfolg werde und beide Länder ein neues Kapitel in ihren Beziehungen aufschlagen könnten. In diesem Zusammenhang ist auch die Ankündigung des britischen Pharmakonzerns Astrazeneca zu sehen, der 15 Milliarden US-Dollar in sein China-Geschäft investieren will.

Botschaft als Spionagezentrum?

Erst kürzlich hatte London nach längerem Zögern dem Bau einer chinesischen Botschaft auf einem riesigen Gelände in der britischen Hauptstadt zugestimmt. Kritiker befürchten, das Gebäude im Bankenviertel City of London könne als Basis für Spionage und Repression gegen im Exil lebende Dissidenten genutzt werden.

Großbritannien London 2026 | Aktivisten demonstrieren mit hochgehaltenen TransparentenHorchposten der Volksrepublik? Aktivisten demonstrieren in London gegen die geplante Mega-Botschaft der Chinesen (17.01.2026)Bild: David Cliff/NurPhoto/picture alliance

Auch angesichts der ausstehenden Verkündung des Strafmaßes gegen den inhaftierten Hongkonger Medienmogul Jimmy Lai, der einen britischen Pass hat, gibt es Spannungen. Lai droht lebenslange Haft, nachdem ihn ein Gericht in der chinesischen Sonderverwaltungsregion bereits schuldig gesprochen hatte. Starmer betonte, man habe dieses und weitere kritische Themen in einer „respektvollen Diskussion“ angesprochen. Kommentatoren in Großbritannien mutmaßten indes, Starmer habe allenfalls sanfte Töne in Peking angeschlagen.

Regierungschefs stehen Schlange

Auch Kanada hatte jahrelang keinen Regierungschef mehr nach Peking entsandt, bevor es Mitte Januar wieder zu einem hochrangigen Treffen kam, bei dem auch Handelsabsprachen getroffen wurden. Die Regierungschefs von Irland und Finnland waren im Januar ebenfalls zu Gesprächen in China. Im Dezember hatte zudem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bei einem Besuch für stabilere Beziehungen mit Peking geworben. Bundeskanzler Friedrich Merz will der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt laut Medienberichten Ende Februar einen Besuch abstatten.

China Chengdu 2025 | Emmanuel Macron und Xi Jinping stehen nebeneinander im Freien vor einer Schrifttafel mit ErläuterungenAuch Frankreichs Präsident Macron (rechts) hatte sich bei einem Besuch im Dezember um eine Belebung der Beziehungen zur Volksrepublik bemühtBild: Jeanne Accorsini/Bestimage/IMAGO

Angesichts der strikt nach dem Motto „America First“ ausgerichteten Außenpolitik Trumps und mit Blick auf dessen aggressive Zollpolitik sind viele traditionelle Verbündete mehr oder minder auf Distanz zur Regierung in Washington gegangen. In vielen Ländern wird darüber diskutiert, wie man sich in unberechenbaren Zeiten wirtschaftlich und militärisch unabhängiger von den Vereinigten Staaten machen kann – ohne den mächtigen US-Präsidenten zu verprellen.

Dass dies zu heiklen Gratwanderungen führt, spiegelt sich auch im Echo, das Starmers Besuch in der heimischen Presse auslöste. So schrieb die Zeitung „Guardian“: „Der Premierminister versucht einen Balanceakt. Er sondiert unternehmerische Möglichkeiten in einer schnell wachsenden Wirtschaftsmacht und muss gleichzeitig die nationale Sicherheit vor einem autoritären Giganten schützen.“

jj/se (dpa, afp, rtr)