Die Zeiten, als Spionage-Thriller in Klischees aus Trenchcoats und finsteren Blicken erstarrten, sind längst vorbei. Auch die Netflixserie «Unfamiliar» bricht mit den alten Traditionen. Der Sechsteiler ist ein hybrides Biest aus emotionalem Ehedrama, Identitätssuche und kompromissloser Action, das den Groove des modernen Berlins perfekt einfängt.
Im Zentrum steht das Ehepaar Meret (Susanne Wolff) und Simon Schäfer (Felix Kramer). Die beiden Ex-BND-Agenten betreiben ein Safe House: ein geheimes Refugium für Schutzsuchende. Doch die Fassade zerbröselt, als die Vergangenheit in Form russischer Akteure und alter Geheimdienst-Fehden an die Tür klopft. Es folgt ein urbaner Albtraum im atmosphärisch düsteren Berlin.
Wer bei deutschen Produktionen vor hölzernen Stunts zittert, wie man sie aus alten Dienstagskrimis kennt, kann aufatmen. Die Action wurde minutiös umgesetzt und fiel mitunter intensiv aus. Susanne Wolff betont die physische Herausforderung ihrer Kampfszenen: «Die Stuntleute haben einen Parcours entwickelt und sind ihn wieder und wieder mit mir durchgegangen.» Zwar habe sie Unterstützung von einer Stuntwoman gehabt, die «etwa halb so gross und halb so breit wie ich war», doch das fällt nicht auf. Dank einem Schnittgewitter, das uns beim Zuschauen direkt ins Geschehen hineinzieht.
Ein zusätzlicher Reiz liegt im Genremix, was Kramer geradezu ins Schwärmen bringt: «Wenn ich gefragt werde, worum es hier geht, kann ich das nicht mit einem Satz beantworten. Es ist eine Kombination aus Spionage und Familiendrama, mit BND, Geheimdienst, Verrat und Vergangenheit.» Es stünden eben nicht nur Staatsgeheimnisse im Fokus, sondern auch das Scheitern als Eltern und Partner.
Wolff sieht darin sogar das Herzstück der Serie: «Meist entscheidet man sich für die eine oder andere Richtung. Oder es werden in einem Agentenfilm alibimässig ein paar Kinder eingebaut, die abends von einer Nanny zu Bett gebracht und noch rasch hübsch geküsst werden, bevor es weitergeht.» Bei ihnen könne man sehen, dass vieles schiefgeht, obwohl sie sich redlich bemühten und verbeulten.
Interessant auch die Umkehrung klassischer Rollenbilder: Simon ist nicht der unfehlbare Bond-Verschnitt, sondern darf Schwäche zeigen. Ein Wandel, der laut Kramer längst eingesetzt hat: «Es ist toll, als Mann Figuren zu spielen, die scheitern.» Während Simon also metaphorisch die Schürze trägt, ist Meret die Schlagkräftige. Ein weiterer Bruch mit dem Genre, der notwendig sei, um Authentizität in einer komplexen Welt zu schaffen, findet Susanne Wolff.
Technisch beschreitet die Serie eher den klassischen Pfad: Für die Rückblenden, die 16 Jahre in die Vergangenheit führen, vertrauten die Macher nicht nur auf KI, sondern auch auf das Kunsthandwerk der Maskenbildner. Kramer, 52-jährig wie seine Kollegin Wolff, scherzt: «Die haben uns für das Hier und Jetzt per KI mit viel Aufwand älter gemacht, weil wir ansonsten zu fresh aussehen.»
Besonders charmant: Trotz Ernsthaftigkeit vergisst «Unfamiliar» nie den unterschwelligen Humor und das Lebensgefühl der heutigen Zeit. Ein Highlight, das den Vibe der Jugend perfekt trifft, ist die Mailbox-Ansage von Tochter Nina (Maja Bons): «Ninas Mailbox. Wird nicht abgehört. Schickt mir ’ne Sprachnachricht.» Es sind diese kleinen Details, die «Unfamiliar» von sterilen Genre-Kollegen abheben.
Das Resultat ist ein visuell beeindruckender Trip durch die Berliner Jahrzehnte. Ein packendes, modernes Stück Serienfutter, das die Härte eines Spionage-Thrillers mit den zärtlichen Abgründen einer modernen Ehe paart.
Unfamiliar ★★★★☆
Netflix | Thrillerserie | 1. Staffel
Mit Felix Kramer, Susanne Wolff, Andreas Pietschmann, Henry Hübchen
D 2026, ab 5. Februar 2026
Der Trailer
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