Schon das Vorspiel bei der Aufnahmeprüfung wird zum Desaster, jedenfalls empfindet Joachim es so. Zum ersten Mal steht der Abiturient aus Schleswig-Holstein allein auf einer großen Bühne, und das gleich in der legendären Otto-Falckenberg-Schule in München. Vermutlich ist es unwahrscheinlicher, dort aufgenommen zu werden als in ein Raumfahrprogramm der Nasa.
Gespannt blicken ihm die Prüferinnen und Prüfer aus dem Halbdunkel des Zuschauerraums entgegen, aber statt der üblichen drei hat der Bewerber nur eine einstudierte Rolle mitgebracht, die Kerkerszene aus „Dantons Tod“. Joachim zögert, stammelt, hat Textaussetzer, verliert den Faden.
Vielleicht deshalb, weil seine Großeltern ihm am Vorabend literweise Kaffee eingeflößt haben, damit er nicht schlafen konnte und, passend zur Rolle, „zermürbt“ aussehen würde. „Danton wird ja auch geköpft“, hatte der Großvater gesagt.
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Doch dann muss Joachim an seinen Bruder denken, der bei einem Autounfall gestorben ist, seine Stimme zittert, er kämpft mit den Tränen. Als er sich verabschiedet, spürt er, wie das Fallbeil hinabsaust: Kandidat unbegabt, Theaterträume tot. Genommen wird er dann trotzdem.
„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ heißt Simon Verhoevens furiose Verfilmung des gleichnamigen autobiografischen Romans von Joachim Meyerhoff. Der Titel zitiert Goethes Liebes- und Verzweiflungsroman „Die Leiden des jungen Werther“, verweist aber auch auf das Trauma, das wie ein Schatten über den Kernfiguren dieser Dramödie hängt.
Als sein älterer Bruder Martin tödlich verunglückte, befand sich Meyerhoff als Austauschschüler in den USA. Von seiner Trauer erzählt der ehemalige Burgschauspieler und jetzige Ensemble-Star der Berliner Schaubühne in seinem Roman „Amerika“, Auftakt des Zyklus „Alle Toten fliegen hoch“, der aus einem Theaterprojekt hervorging und dessen bislang sechs Teile allesamt Bestseller wurden.
Mit Schnaps gurgeln: Michael Wittenborn und Senta Berger als exzentrische Großeltern beim Morgenritual.
© Warner Bros. Pictures
Der Film beginnt mit Martins Beerdigung, bei der Joachim zu den Sargträgern gehört. Über den weihevollen Ernst der Veranstaltung, sagt er im Off, hätte sich der Bruder „wahrscheinlich totgelacht – aber das geht nicht, er ist ja schon tot“. Am offenen Grab bekommt Joachim einen Heulkrampf, dann prügelt und tritt er auf die Friedhofs-Gießkannen ein.
Bruno Alexander ist in seiner ersten Kino-Hauptrolle die Entdeckung dieses Films. Nicht nur, weil er mit seiner Blondschopfigkeit dem jungen Meyerhoff ähnelt, sondern auch, weil er mit einer Impulsivität agiert, die sekundenschnell zwischen Wut und Wahnwitz wechseln kann.
Zwischen Wut und Wahnwitz
Wärmezentrum dieser filmischen Familien- und Theateraufstellung aber sind Joachims exzentrische Großeltern, gespielt von Michael Wittenborn und Senta Berger, die endlich einmal zeigen kann, was für eine großartige Komödiantin in ihr steckt. Ihre unweit des Nymphenburger Schlosses gelegene Villa, in der Joachim unterkommt, ist eine gesamtkunstwerkartige Erinnerungshöhle, ein stets blitzblank geputztes Museum der Nachkriegswelt.
Zum Film
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke, Deutschland 2025, Regie und Buch: Simon Verhoeven. Mit: Bruno Alexander, Senta Berger, Michael Wittenborn, Laura Tonke, Devid Striesow, Tom Schilling. 137 Minuten. Kinostart: 29. Januar.
Kein Gegenstand, weder ein Möbel noch ein Untersetzer, hat je seinen Platz gewechselt, auf dem Couchtisch liegt die aktuelle Ausgabe des Fachmagazins „Theater heute“. Denn Inge Birkmann war eine berühmte Theaterdiva, unterrichtete einst sogar an der Falckenberg-Schule.
Wegen einer Fußverletzung hat sie die Bühne verlassen, den Hang zum Drama aber in ihren Alltag überführt. Etwa wenn sie dem Enkel, den sie „Lieberling“ nennt, eine Szene macht, weil er angeblich nuschelt, und ihn zu Sprechübungen mit Korken im Mund zwingt. Manchmal tritt sie noch in Fernsehkrimis wie „Derrick“ auf, vom Ehemann auf dem Sofa mit „Brilliant!“ kommentiert.
Hermann Krings, emeritierter Philosophieprofessor, gilt als Koryphäe. Tagtäglich kritzelt er in seinem Arbeitszimmer mikroskopisch kleine Anmerkungen an Buchränder. Unermüdlich arbeitet er weiter an einem Fachlexikon und ist dabei bereits bis zum Buchstaben M vorgedrungen („Moral und Mäeutik“).
Allerdings sind die Großeltern auch harte Trinker. Als Morgenritual gurgeln sie gemeinsam mit Schnaps vor dem Badezimmerspiegel, es folgt ein Staffellauf vom Champagner-Frühstück über das weinselige Mittagessen bis zum Countdown um Punkt 18 Uhr: „5, 4, 3, 2, 1 – Whiskey!“ Reichlich angeheitert entschweben die Alten später per Treppenlift ins Obergeschoss.
Ein Nilpferd spricht Fontane
Genauso grotesk erscheinen Joachim die Übungen in seiner Schauspielklasse. Da muss er ein Nilpferd spielen, das Fontane-Zeilen spricht. Für eine überdrehte, zur Esoterik neigende Ausbilderin mit dem passenden Rollennamen Gretchen Kinski (Anne Ratte-Polle) soll er „den anderen begegnen, ohne ein Wort zu sagen“.
Und die Improvisationslehrerin (Karoline Herfurth) fordert von ihm: „Versuch mal, mit den Brustwarzen zu lächeln.“ Was er natürlich nicht schafft. Sehenswert ist die Szene allein schon wegen Herfurths herrlicher Eighties-Minipli-Pudelfrisur.
Herrlich, diese Eighties-Minipli-Pudelfrisuren: Bruno Alexander als junger Joachim Meyerhoff mit Karoline Herfurth als Improvisationslehrerin.
© Warner Bros. Pictures
Bei „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ handelt es sich gleich in doppelter Hinsicht um ein Familienunternehmen. Simon Verhoeven, der erfolgreiche Komödien wie „Willkommen bei den Hartmanns“ und „Alter weißer Mann“ inszeniert hat, ist der Sohn von Senta Berger.
Sein 2024 verstorbener Vater Michael Verhoeven war ebenfalls Regisseur. Mit seinem neuen Film lässt Simon die Schemata der deutschen Boxoffice-Komödien hinter sich, grundiert Scherz und Slapstick mit der Melancholie des Abschiednehmen-Müssens.
Joachim weiß im Grunde nicht, warum er Schauspieler werden will. Er hadert mit der Ausbildung, und die Ausbilder hadern mit ihm, zählen ihn kurz vor Ende der sechsmonatigen Probezeit an: „Das reicht nicht!“
Seine Großmutter rettet ihn, indem sie ihm eine Nebenrolle in der Fernsehverfilmung einer Novelle des heute vergessenen Literaturnobelpreisträgers Paul Heyse verschafft. Seinen Text spricht er allerdings so nussknackerhaft, dass er nachsynchronisiert wird. Eine Demütigung.
Trotzdem hat Joachim Feuer gefangen, als er dann noch bei einer Kostümversteigerung als Drag-King im Abendkleid bejubelt wird, fühlt er sich, „als wäre ich in flüssiges Metall getaucht“. Plötzlich kann er sogar singen, „Tainted Love“, das Lieblingslied des toten Bruders, in einer herzzerreißenden A-cappella-Version. Am Ende des Studiums öffnet sich ihm die ganz große Bühnenwelt: Kassel, Bielefeld, Dortmund!
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Im Nachspann laufen Szenen aus dem Original-TV-Film „Ein Ring“ von 1989, in dem der junge Meyerhoff in Barockkluft mit seiner bettlägerigen Großmutter parliert. Stocksteif steht der Zweimetermann vor der Kamera. Ein nicht nur im Wortsinn großer Schauspieler wurde dann doch noch aus ihm.