In der privaten Müllverbrennungsanlage am Wiesbadener Dyckerhoffbruch wird vermutlich Ende Mai das erste Müllfeuer entzündet. Dann beginnt der Probebetrieb unter Alltagsbedingungen. Gerade rechtzeitig zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen des mittelständischen Entsorgungsunternehmens Knettenbrech & Gurdulic, das die Anlage bauen lässt. Darin wird dann der erste Wiesbadener Hausmüll verbrannt und liefert Strom und Fernwärme. Bis die neue, mehr als 100 Millionen Euro teure Anlage unter Volllast betrieben werden kann, werden aber noch einige Monate vergehen. Das hat Unternehmer Steffen Gurdulic bestätigt.
Er würde es vorziehen, wenn die Anlage schon längst einsatzfähig wäre und die bis zu 70.000 Tonnen Wiesbadener Hausmüll im Jahr nicht länger teuer nach Darmstadt und Frankfurt zur Verbrennung gefahren werden müssten. Doch dem millionenschweren Großprojekt stellten sich viele Hürden in den Weg. Im Angebot, das Gurdulic im Jahr 2017 der Stadt vorgestellt hatte, war der Beginn der Inbetriebnahme für das Jahr 2021 in Aussicht gestellt worden. Die Pandemie führt ebenso zu deutlichen Verzögerungen im Projektablauf wie die zögerliche Belieferung der Baustelle mit Stahl in der Folge des Ukrainekrieges. Zudem gab es Nachforderungen der Stadt, die eine zeitraubende Modifizierung der Rauchgasreinigung notwendig machten.
Das Müllkraftwerk mit einer Feuerungswärmeleistung von bis zu 87,5 Megawatt und einem Durchsatz von bis zu 25 Tonnen Restmüll je Stunde soll modernste Standards erfüllen und eine vorbildliche Umwelt- und Energiebilanz aufweisen. Mit der Wärmewende und dem wachsenden Wiesbadener Bedarf an Fernwärme ist seine Bedeutung noch einmal gewachsen. Je mehr Fernwärme ausgekoppelt werden kann, desto besser fällt die Ökobilanz des neuen Müllofens aus.
Insolvenz führt zu Verzögerungen
Doch zuletzt ging eines der Bauunternehmen, das der Bietergemeinschaft angehört hatte, die als Generalunternehmer verpflichtet worden war, in die Insolvenz. „Dadurch haben wir wahnsinnig viel Zeit verloren“, sagt Gurdulic: „Wir hatten alle Hürden, die man nur haben kann.“ Dennoch würde er „es wieder machen“.
Für die Unzufriedenheit der Stadt, vor allem die von Baudezernent Andreas Kowol (Die Grünen), hat Gurdulic wenig Verständnis. „Wir haben geliefert“, sagt der Unternehmer: Knettenbrech & Gurdulic entsorge den Wiesbadener Hausmüll zu günstigen Konditionen und baue ein Müllheizkraftwerk, das für die Landeshauptstadt viele Vorteile bringen werde. Damit seien Wiesbadens Forderungen erfüllt.
Gleichwohl sehen sich Gurdulic und die Stadt vor Gericht, denn die Stadt verlangt Strafzahlungen für eine aus ihrer Sicht verspätete Inbetriebnahme. Wie das Wort „Inbetriebnahme“ zu interpretieren ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Während Kowol darunter die Verbrennung des ersten Hausmülls und die Auskopplung der ersten Kilowattstunde Strom versteht, verweist Gurdulic darauf, dass die Inbetriebnahme verfahrenstechnischer Anlagen ein komplexer und kritischer Prozess ist, der aus vielen einzelnen und teils langwierigen Schritten besteht.
Auf die kalte Inbetriebnahme, die im Dezember 2024 begonnen hat, folgt demnach die „warme“ Inbetriebnahme, erste Leistungstests, der Probebetrieb und am Ende der reguläre Betrieb unter Volllast. Ob die Stadt berechtigt ist, von Gurdulic Strafzahlungen zu verlangen, muss von den Gerichten entschieden werden. Ende 2024 hatte Wiesbaden Klage eingereicht, um die schon 2022 erhobenen Forderungen durchzusetzen. Vergleichsangebote von Gurdulic hatte die Stadt zuvor ausgeschlagen.
Aus Sicht der Stadt schuldete Gurdulic Wiesbaden bislang mehr als vier Millionen Euro, die seit dem 1. Oktober 2021 aufgelaufen sind. Zu diesem Zeitpunkt hätte das Kraftwerk nach Ansicht der Stadtverwaltung seine Arbeit aufnehmen müssen. Jede Woche Verspätung kostet Knettenbrech & Gurdulic laut Vertrag 25.000 Euro. Gurdulic selbst sieht sich hingegen als vertragstreu. Entstandene Verzögerungen bei der Fertigstellung des Müllkraftwerks habe er nicht zu verantworten. Es gebe daher auch keinen Anlass zu einer „Skandalisierung“.
Zudem sitzt die Stadt selbst mit im Boot: Partner von Knettenbrech & Gurdulic bei der Betriebsgesellschaft MHKW Wiesbaden sind neben der Darmstädter Entega der kommunale Energieversorger Eswe Versorgungs AG. Beide halten jeweils 24,5 Prozent der Anteile.