Hannover. Ein Senior spricht Kinder an, ob sie ihn Huckepack nehmen. Die Schulen warnen vor dem 75-Jährigen. Wie sollten Eltern das Thema jetzt mit ihren Kindern ansprechen? Nele Reuleaux ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Institutsleiterin, Dozentin und Supervisorin vom Winnicott-Institut. Sie rät vor allem dazu, Ruhe zu bewahren.
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Frau Reuleaux, wie geht man als Eltern mit so einer Nachricht der Schulen jetzt um?
Kinder ab neun oder zehn Jahren haben in der Regel eine Ahnung von dem Thema, haben es in der Schule behandelt oder auch schon mal etwas gesehen – zum Beispiel in den sozialen Netzwerken. Eltern sollten ruhig und vor allem ohne Angst zu schüren mit ihren Kindern sprechen: Es gibt da einen Erwachsenen, der sich merkwürdig verhält und auf unangemessene Weise versucht, Kindern näherzukommen.
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Sie sollten ihre Kinder stärken, ihrer eigenen Wahrnehmung und ihrem Gefühl zu trauen, und sie bestärken, Nein zu sagen. Denn solche Ansprachen oder gar Berührungen sind nicht angemessen.
Wichtig: Hier geht es erst mal im Gespräch nicht um Sexualität, sondern um das Wissen und die Akzeptanz von Körpergrenzen und das Selbstvertrauen, sich zu wehren. Die wichtigen Schritte sind, sich möglichst zu distanzieren, wegzugehen und Hilfe zu holen.

Der Fall ist akut – wie spricht man das mit den Kindern an?
Wenn Eltern davon erfahren, kommt häufig erst einmal bei ihnen selbst Panik auf. Dieser Panik sollten sie sich selbst stellen und sich beruhigen. Dann können sie mit ihren Kindern reden, zum Beispiel am frühen Abend. Wichtig ist dabei, dass die Eltern keine Angst haben sollten, darüber zu reden. Das Thema ist ja immer da, jetzt ist es allerdings akut. Das ist eine gute Gelegenheit, im Gespräch die Thematik zu entabuisieren.
Sie sollten das Kind in seinem Selbstwertgefühl und Recht auf Unversehrtheit bestärken, aber auch klar machen, dass nichts in seiner Verantwortung liegt. Wenn das Kind aus lauter Angst nicht Nein sagen kann, nicht wegrennt oder sich sogar hat ansprechen lassen und mitmacht, ist es nicht schuld. Es ist nicht seine Verantwortung. Überdies bleibt es wichtig, die sexuelle Bildung, in deren Zentrum die Selbstbestimmung steht, nicht zu vernachlässigen.
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Wie vermeide ich, dass ich mein Kind traumatisiere?
Eltern sollten ihre Kinder nicht mit Missbrauchsschilderungen oder Erzählungen, was alles möglich ist, belasten. Deutet das Kind aber von sich aus etwas an, sollten Eltern bereit sein, zuzuhören, und ihre Kinder ermutigen, das zu schildern, was sie bedrückt, erfahren oder gesehen haben. Das kann ja auch ein Film auf Social Media sein. Eltern können dann selbst erschrocken sein, so erfahren die Kinder eine Bestätigung ihrer eigenen Wahrnehmung, bestenfalls aber auch einen angemessenen, das Kind stärkenden, Umgang damit.

Darf ich mein Kind noch allein losgehen lassen?
Jetzt in der akuten Gefährdung, wo Polizei und Schule warnen, sollte man die Gefahr ernst nehmen, aber nicht generalisieren. Man kann das Kind jetzt zur Schule bringen oder es anhalten, nur mit mehreren Kindern zu gehen. Diese Autonomieeinschränkung darf aber kein Dauerzustand werden, nur, weil die Eltern Angst haben. Denn das würde wiederum das Selbstbewusstsein und das Selbstvertrauen der Kinder labilisieren.
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Was ist, wenn ich vermute, dass mein Kind schon Erfahrungen dieser Art gemacht hat?
Anzeichen wären, dass das Kind sich anders verhält. Wenn Eltern zu unsicher sind oder selbst nicht über das Thema sprechen können oder das Kind nicht reden mag, dann sollte man Hilfe bei den Erziehungsberatungsstellen oder therapeutischen Einrichtungen in Anspruch nehmen.
HAZ