Aus eins mach drei: Wie will man auch sonst die mittlerweile mehr als ein halbes Jahrhundert währende Karriere eines der größten Stars der Popgeschichte in knapp zweieinhalb Stunden Bühnenshow erzählen? Und dabei wenigstens ansatzweise die vielen Höhen und Tiefen, die Comebacks und Triumphe und nicht zuletzt die auch wörtlich zu nehmenden Häutungen dieses Menschen fassen?
Beim Musical „Die Cher Show“ hat sich das Kreativteam des Kniffs beholfen, drei Darstellerinnen auf die Bühne zu schicken, die mit ihren Looks und der jeweiligen Songauswahl aber nicht nur bestimmte Karrierephasen der bald 80 Jahre alten amerikanischen Sängerin Revue passieren lassen, sondern häufig auch zusammen auftreten und dabei nicht nur gemeinsam singen, sondern in ihren Textpassagen auch die vielen Selbstzweifel einer Künstlerin anklingen lassen, die in ihrer öffentlichen Inszenierung von vielen Menschen als Inbegriff einer starken und selbstbewussten Frau wahrgenommen wird.
Eine solche war die am 20. Mai 1946 in Kalifornien als Cheryl Sarkisian zur Welt gekommene Cher laut dem von ihr abgesegneten Musical allerdings viele Jahre lang nicht, selbst nach einer von Grammys bis zum Oscar reichenden Flut an Auszeichnungen und Abermillionen verkauften Platten. Als Kind in unsteten Verhältnissen aufgewachsen und in der Schule sowohl wegen ihrer ausgeprägten Legasthenie als auch wegen ihrer dunklen Erscheinung gehänselt, fand sie vor allem in der Vorstellung, irgendwann ein Star zu sein, Trost und wurde von ihrer Mutter darin stets bestärkt.
Siegerin über die toxischen Männer in ihrem Leben
Bestätigung fand sie dann auch recht schnell, noch fast im Kindesalter, in der Musik. Ihre außergewöhnliche Stimme, ein Kontra-Alt, ließ nicht nur bei Schulaufführungen aufhorchen, sondern auch bald in professionellen Sphären, als sie über ihren späteren Gesangspartner und Ehemann Sonny Bono den Produzenten Phil Spector kennenlernte.
Er setzte sie, noch keine 18 Jahre alt, als Backgroundsängerin bei zu Evergreens gewordenen Songs wie „You’ve Lost That Lovin’ Feelin’“ von den Righteous Brothers und „Be My Baby“ von den Ronettes ein und öffnete ihr damit nicht nur die Tür zu einer Karriere, sondern tritt auch als einer der ersten von vielen toxischen Männern in Chers Leben auf, unter ihnen Rock-Legende Gregg Allman, von denen sich ihre erste große Liebe Sonny Bono als besonders gemein erweisen wird, weil er sie in Vertragsangelegenheiten schamlos übers Ohr haute und den sowohl mit den Hits des Duos Sonny & Cher als auch über eine gemeinsame, in Amerika immens populäre Fernsehshow angesammelten Reichtum für sich reklamierte, derweil Cher nur eine Angestellte von Bonos Firma war.
Chers jahrelange Fernsehpräsenz in Amerika in verschiedenen Sendungsformaten dürfte auch die Idee für das Bühnenbild des 2018 in Chicago uraufgeführten und danach ein knappes Jahr lang am Broadway in New York aufgeführten Jukebox-Musicals gewesen sein. Schließlich erinnert das Halbrund mit den zahlreichen, in verschiedenen Typographien gesetzten Aufdrucken „Cher“ an ein TV-Studio, das mit wenigen Requisiten in ein Schlafzimmer oder eine Theaterbühne verwandelt wird.
Doch Requisiten braucht es in der deutschen, von Christopher Tölle als Tourneeproduktion inszenierten Fassung des Musicals, die nun in der Jahrhunderthalle Frankfurt zu sehen ist, ohnehin nicht. Die Blicke sind hier stets auf die drei Cher-Darstellerinnen Pamina Lenn (junge Cher), Hannah Leser (Cher in den Siebziger- und Achtzigerjahren) und Sophie Berner (Cher als Ikone der Neunzigerjahre) gerichtet, die sich sehr wacker schlagen, selbst wenn sie mit ihren Stimmen dem direkten Vergleich mit dem Weltstar natürlich nicht standhalten können. Doch als „Cher hoch drei“ in den von Bob Mackie kreierten Kostümen nehmen sie es auf jeden Fall beachtlich mit den Hits von „I Got You Babe“ über „Strong Enough“ bis zum selbstverständlich mit Autotune-Effekt dargebotenen „Believe“ auf.
„Die Cher Show“ ist bis einschließlich 1. Februar in der Jahrhunderthalle Frankfurt zu sehen.