Der chinesische Künstler Ai Weiwei hat „dem Westen“ vorgeworfen, keine moralische Glaubwürdigkeit mehr zu besitzen, um China wegen Menschenrechtsverletzungen anzuprangern. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters erklärte der 67-Jährige, westliche Staaten sollten zunächst ihre eigene Bilanz bei den Menschenrechten überprüfen, bevor sie Peking kritisieren.

„Heute habe ich meine Meinung komplett geändert“, sagte Ai gegenüber Reuters, der zuvor von internationalen Besuchern gefordert hatte, sich kritisch zur Menschenrechtslage in China zu äußern. „Der Westen ist nicht einmal in der Position, China anzuklagen. Sie müssen erst ihre eigene Bilanz prüfen – was sie bei internationalen Menschenrechten getan haben, ihre Bilanz bei der Redefreiheit.“

Der Künstler, der sich anlässlich seines neuen Buches „Censorship“ in London aufhielt, bezeichnete es laut Reuters als „zutiefst heuchlerisch“, wenn westliche Regierungschefs Themen wie Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Zensur ansprechen würden. „Das würde die Leute zum Lachen bringen“, sagte Ai demnach.

Kritik am Umgang mit Julian Assange

Als Beispiel für westliche Doppelmoral nannte Ai den Fall Julian Assange. Der WikiLeaks-Gründer war im Juni 2024 nach einem Vergleich mit der US-Justiz nach Australien zurückgekehrt – nach 14 Jahren juristischer Auseinandersetzungen wegen der Veröffentlichung geheimer US-Militärdokumente.

Ai berichtete dem Reuters-Bericht zufolge zudem, dass er selbst im Westen Zensur erfahren habe. Eine Londoner Galerie hatte im Jahr 2023 eine seiner Ausstellungen wegen eines Social-Media-Beitrags zum Gaza-Konflikt verschoben. „Ich glaube, sie schämen sich sogar, über diese Dinge zu sprechen“, sagte der Künstler über westliche Politiker und das Thema Menschenrechte.

Kürzlich war ein Text des Künstlers, den er ursprünglich für das Zeit Magazin geschrieben hatte, nicht in dem Blatt erschienen. „Sie haben es nicht erklärt, haben sich nur dafür entschuldigt“, sagte Ai in einem Interview mit der Berliner Zeitung im August dazu. „Ich glaube, sie wollten eher etwas Leichtes, Oberflächliches“, so Ai. „Natürlich haben sie die Macht und das Recht. Sie veröffentlichen keine unliebsame Meinung.“

Starmers China-Besuch als „sehr guter Schritt“

Die jüngsten Äußerungen gegenüber Reuters fielen zusammen mit dem viertägigen China-Besuch des britischen Premierministers Keir Starmer – der erste eines britischen Regierungschefs seit acht Jahren. Starmer hatte bei seiner Ankunft in Peking angekündigt, Menschenrechtsfragen gegenüber Staatschef Xi Jinping anzusprechen, darunter den Fall des in Hongkong inhaftierten britischen Staatsbürgers Jimmy Lai.

Trotz seiner Kritik an westlicher „Heuchelei“ bewertete Ai Starmers Reise positiv. Der Besuch sei aus wirtschaftlichen Interessen heraus „rational und praktisch“ und ein „sehr guter Schritt“, der Großbritannien nützen und in China gut aufgenommen werde, sagte er gegenüber Reuters.