Gottesdienst zur Fasnacht in St. Franziskus
Inzwischen hat es nach immerhin 30 Jahren echten Kultstatus: Wenn die Fasnacht in der Kirche St. Franziskus auf dem Waldhof Station macht, strömen die Narren in Scharen herbei. Besinnlichkeit und Narretei gingen auch in diesem Jahr wieder Hand in Hand – ein Gottesdienst, der berührt, begeistert und verbindet.
Für die musikalische Einstimmung sorgte einmal mehr der etwas andere Gospelchor „Joyful Voices“, der bereits seit dem ersten närrischen Gottesdienst im Jahr 1995 mit dabei ist. Damals traten sie noch als „Rotes Mikrofon“ unter der Leitung von Friedemann Stihler auf. Schon eine halbe Stunde vor Beginn heizten sie dem Publikum mit einem mitreißenden Warm-up ein: moderne, provokante Songs wie „Laut sein“, „Egal“ oder „Uptown Funk“ wechselten sich mit Klassikern wie „This Little Light of Mine“ oder „Days of Elijah“ ab. Chorleiter Andreas Luca Beraldo wurde am Klavier von einer Band mit Christian Jotter Schlagzeug, Rudi Schultz Gitarre und Ditmar Ingenhaag Bass unterstützt, dazu kam Bohdan Telizhenko an verschiedenen Blasinstrumenten – eine kraftvolle Mischung, die sofort für beste Stimmung sorgte.
Närrischer Besuch ließ ebenfalls nicht lange auf sich warten: Das Stadtprinzenpaar Nadine II. von den Grokageli und Fabian I. vom Großen Feuerio gab sich die Ehre, ebenso Vertreter des benachbarten CCW, der Sandhofer Stichlern, des Mannheimer Traditionscorps, der Fröhlich Pfalz sowie die Spargelstecher – teils mit ihren Lieblichkeit und großem Gefolge. Auch „von driwwe“, aus der Pfalz, waren Gäste angereist: die Derkemer Grawler.
Seit der Narrengottesdienst 1995 aus der Taufe gehoben wurde, wird er traditionell mit dem närrischen Lied
„In der Kerch, moin Schatz, des haldsch im Kopp net aus …“
eröffnet. Hier sind alle eingeladen, mitzusingen und mit zuklatschen – vorausgesetzt, man versteht das Monnemerische.
Die Moderation des musikalischen Teils übernahm gewohnt locker Jörg Riebold, während Diakon Thomas Friedl von der Fröhlich Pfalz den geistlichen Part gestaltete. Unterstützung erhielt er in diesem Jahr von Lukas Gocker, seit 1. Januar neuer Stadtpfarrer der Großpfarrei St. Sebastian. Pointiert, närrisch und stets mit gesellschaftskritischem Unterton betonte Friedl in seiner Predigt den freude- und wärmespendenden Wert der Fasnacht – im kirchlichen Sinne nichts anderes als gelebte Nächstenliebe. Fasnacht stehe für Frieden, Freiheit, Frohsinn und Toleranz. Für viele überraschend übergab er das Narrenkreuz, in dessen Namen er über Jahre hinweg den geistlichen Teil des Gottesdienstes geprägt hatte, an Lukas Gocker und Jörg Riebold, der ebenfalls ständiger Diakon ist. Das Publikum dankte ihm mit Standing Ovation und langanhaltendem Applaus.
Zum festen Bestandteil dieses besonderen Gottesdienstes gehören seit jeher regionale Künstler, die ohne Gage, dafür für einen guten Zweck, die Kanzel kurzerhand in eine Bütt verwandeln. Neben den beliebten Gästen Fasnachtsengel Jokus alias Horst Sieghold und Frl. Baumann alias Dr. Markus Weber feierte in diesem Jahr Kättl Feierdaach alias Jutta Hinderberger ihre Premiere. Sie berichtete humorvoll von den Tücken des Alltags mit ihrem Ehemann, seit dieser im Ruhestand ist und sie ihn nun „24/7 an der Backe“ hat.
Dr. Markus Weber wiederum verwandelte sich – „nicht real, aber wirklich“ – mit einer Drehung um die eigene Achse in sein Alter Ego Frl. Baumann und nahm das Publikum mit in urkomische Alltagsszenen rund um Lisbeth, Greta und die skurrilen Folgen einer geplanten Verlängerung der Lebensarbeitszeit.
Vollblutfasnachter Horst „Hotte“ Sieghold schwebte als Himmelsbote Jokus mit einem kräftigen „Halleluja und Ahoi“ ein und berichtete scharfzüngig von seinem himmlisch-närrischen Stammtisch. Dort werde ernsthaft diskutiert, wo derzeit mehr Kokolores produziert werde – in der Berliner Politik oder doch in der Fastnacht.
Dass dieser besondere Gottesdienst auch eine caritative Seite hat, betonte Uwe Grundei. In diesem Jahr wurde für den Ambulanten Demenzdienst Antonius gesammelt. Am Ende konnte eine stolze Kollekte von 1.266 Euro verkündet werden.
Die von den Joyful Voices ausgewählten Lieder rissen die Besucher nicht nur schwungvoll von den Bänken, sondern regten auch zum Nachdenken an. Songs wie „Laut sein“ oder „Man in the Mirror“ erinnerten daran, Verantwortung zu übernehmen und bei sich selbst anzufangen. Auch das ist Fasnacht.
Mit Fürbitten, Vaterunser, Segen und der nicht enden wollenden Hymne „Amen“, gesungen von allen närrischen Lieblichkeiten und Akteuren im Altarraum, endete ein weiterer bunter, bewegender und erlebnisreicher närrischer Gottesdienst in St. Franziskus.
Text: Beate Tilg Bilder : Wolfgang Neuberth