Einst Star des russischen Staatsfernsehens, lebt Farida Kurbangaleeva heute im Exil in Prag und gilt in Russland als Terroristin.

29.01.2026, 19:3729.01.2026, 19:37

Wir schreiben das Jahr 2007: Farida Kurbangaleeva beginnt als Moderatorin der Hauptnachrichtensendung «Vesti» auf Rossiya 1, einem der grössten und einflussreichsten staatlichen Fernsehsender Russlands. In den folgenden Jahren zählt sie zu den bekanntesten Fernsehgesichtern des Landes, wie SRF berichtet.

Farida Kurbangaleeva war früher TV-Moderatorin in Russland.Farida Kurbangaleeva war früher TV-Moderatorin in Russland.bild: Screenshot x

Im Gespräch mit der SRF Rundschau sagt sie, sie sei damals erstaunt gewesen, wie bereitwillig viele Kolleginnen und Kollegen die staatliche Propaganda übernahmen. Kritische Nachfragen zu konkreten Ereignissen – etwa zum Einsatz russischer Bodentruppen – seien von Vorgesetzten ausweichend, aber unmissverständlich abgeblockt worden: «Bitte frag mich das nicht.»

Sie selbst war Teil des Systems und verbreitete die Propaganda über das Fernsehen. Erst nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 begann sie, ihre Arbeit zu hinterfragen.

«Man muss sich jedes Mal zwingen – und immer fragt man sich: Warum machst du das?»

Die grosse Desinformationskampagne

Ein weiteres Ereignis vertiefte ihre innere Zerrissenheit: Der Abschuss des Malaysia-Airlines-Flugs MH17. Die Boeing 777 wurde im Juli 2014 über der Ostukraine von einer russischen Buk-Rakete getroffen, alle 298 Menschen an Bord kamen ums Leben.

Daraufhin begann Russland eine beispiellose Desinformationskampagne. Kurbangaleeva gab die einseitigen Botschaften des Staates wider, obwohl sie ihnen innerlich widersprach. Rückblickend empfindet sie Schuld und gesteht, Teil dieser Propaganda gewesen zu sein.

«Ja, wir haben im Jahr 2014 Desinformation verbreitet. Und ich war ein Teil davon.»

Noch im selben Jahr kündigte die Moderatorin beim Staatsfernsehen.

Farida Kurbangaleeva lebt im Exil in Prag.Farida Kurbangaleeva lebt im Exil in Prag.bild: screenshot x

In ihrer Heimat gilt Farida Kurbangaleeva heute als Terroristin und «ausländische Agentin», ihr Name steht auf russischen Fahndungslisten. Ihre offene Kritik am Krieg in der Ukraine und an Präsident Putin bringt sie ins Visier der russischen Behörden.

Im Februar 2025 stellt die russische Staatsanwaltschaft ein Auslieferungsgesuch an Tschechien. Drei Monate später lehnt der Prager Stadtgerichtshof ab: In Russland seien weder Pressefreiheit noch ein faires Verfahren gewährleistet. Damit ist Kurbangaleeva vorerst in Tschechien geschützt, obwohl ihre rechtliche Lage angespannt bleibt. Im Juli 2025 verurteilt ein russisches Militärgericht sie in Abwesenheit zu acht Jahren Haft.

Wird ihre Eltern nie wieder sehen

Das Schlimmste für Kurbangaleeva ist nicht, dass Russland sie als Terroristin einstuft.

«Meine Eltern leben noch in Russland, sind sehr alt, und ich weiss: Selbst wenn Putin in einigen Jahren verschwinden sollte, wird es Jahre dauern, bis mein Fall überhaupt bearbeitet wird. Ich werde wahrscheinlich nie wieder nach Russland zurückkehren und meine Eltern nie wiedersehen.»

Kurbangaleeva gegenüber der SRF Rundschau.

Sie kämpft weiter gegen das System Putin, bleibt dabei aber realistisch: Die Propaganda werde auch ohne ihn nicht einfach verschwinden.

«Jene, welche Desinformation betreiben, werden immer einen Weg finden, ihre Propaganda zu verbreiten.»

Der wirksamste Weg, solcher Propaganda zu begegnen, sei die Förderung kritischen Denkens, erklärt Kurbangaleeva. Genau daran mangele es in Russland: Es dominiere eine einseitig pro-putinsche Sichtweise, alternative Perspektiven fänden kaum Platz – auch aus kulturellen Gründen.

«Ein Grossteil von Putins Elektorat ist es gewohnt, fernzusehen. Noch aus der Sowjetzeit. Und sie sind sich gewohnt, alles zu glauben, was sie im Fernsehen sehen. Hinzu kommt: Der Fernseher läuft bei vielen Russen stets im Hintergrund. Natürlich bleibt das bei den Leuten im Kopf hängen.»

In Bezug auf die Schweiz und Teile Europas zeigt sich Kurbangaleeva erfreut über die Bemühungen, Menschen von klein auf Medienkompetenz zu vermitteln. Wichtig sei, dass unterschiedliche politische Kräfte, Informationsquellen, Medien und Institutionen bestehen. (fak)

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