Dass eine sachlich geführte, mit Argumenten und Fakten untermauerte und mit fairen rhetorischen Kniffen aufgepeppte Debatte durchaus Meinungen verändern kann, zeigten am Donnerstagmorgen eine Schülerin und drei Schüler aus der Q2 der Robert-Schuman-Europaschule in Willich eindrucksvoll. Unter dem Motto „#mitreden“ findet seit fünf Jahren ein Debattierwettbewerb statt, den die Rheinische Post in Kooperation mit Evonik Industries anbietet. Ziel ist es, argumentatives Denken und politische Meinungsbildung der Schüler zu stärken. Das Thema für die Willicher Schüler hatte Bürgermeister Christian Pakusch (CDU) vorgeschlagen: Soll das von der Stadt Willich vorgesehene Neubaugebiet hinter der Schule als autofreie Siedlung geplant werden? Pakusch – selbst ein Anhänger dieser Idee – stellte das Konzept kurz vor.

Bevor die Debatte startete, waren die Schülerinnen und Schüler im Zuschauerraum gefragt und sollten per QR-Code und Smartphone abstimmen. Das Ergebnis: 39 Prozent beantworteten die Frage mit Ja, 61 Prozent mit Nein – wie gesagt: vor der Debatte. Dann ging es auf der Bühne los. Mara Vandrey und Jannis Schommer vertraten die Pro-Seite, Jona Puls und Philip Drewa sprachen dagegen.

Beide Seiten hatten zunächst jeweils zwei Minuten Zeit für ein Eingangsstatement, danach folgte eine 20-minütige Debatte der vier 18-Jährigen, die sich in den vergangenen Wochen in ihren Sozialwissenschafts- und Geschichtskursen auf das Thema vorbereitet und damit, wie man Debatten führt, beschäftigt hatten. Schulleiter Christoph Riedl zeigte sich erfreut darüber, dass seine Schule nun schon zum zweiten Mal an dem Projekt teilnimmt, und lobte die vier Schüler dafür, dass sie sich trauen, auf die Bühne zu gehen und sich der Herausforderung zu stellen.

„Stellt euch vor, ihr wacht morgens auf und habt bereits eurer unmittelbaren Umwelt geholfen. Ihr seht Kinder, die spielen, Nachbarn, die sich unterhalten. Das kann Realität werden, wenn unsere Straßen nicht mehr als reine Abstellplätze für unsere Autos dienen“, sagte Mara Vandrey zu Beginn. „Was wir brauchen, ist ein menschengerechtes Viertel, kein autogerechtes“, ergänzte ihr „Teamkollege“ Jannis Schommer. Philip Drewa gab im Eingangsstatement zu bedenken, dass man nicht über ein abstraktes Zukunftsmodell spreche, „sondern um den ganz konkreten Alltag von Menschen“. „Willich ist keine Großstadt mit U-Bahn, Straßenbahn und Minutentakt“, in Willich bedeute Mobilität ein Stück Freiheit – „wer hier das Auto pauschal ausschließt, schränkt diese massiv ein.“ Jona Puls sagte, „eine autofreie Zone mag für junge, gesunde Menschen mit flexiblem Alltag funktionieren, aber was ist mit älteren Bürgerinnen und Bürgern, Menschen mit Behinderung, mit Eltern, die Kinder und Beruf koordinieren müssen?“ Eine autofreie Siedlung schließe Menschen aus, „und das kann nicht unser Anspruch sein“.

In der anschließenden, ruhig geführten Debatte, in der sich alle ausreden ließen und sich respektvoll begegneten, wurde es konkreter, Argumente wurden deutlicher – auch wenn nicht alles zum konkreten Beispiel Willich passte. Doch darum ging es nicht allein, es ging eben um eine gesunde Debattenkultur.

Mara Vandrey und Jannis Schommer vom Pro-Team hoben hervor, dass dadurch, dass in einer autofreien oder emissionsarmen Siedlung keine Garagen an den Häusern errichtet werden müssten, somit Geld gespart werde, das in eine Tiefgarage oder einen Parkplatz am Rand der Siedlung, in gemeinschaftlich genutzte Lastenfahrräder, ÖPNV-Tickets oder Car-Sharing-Angebote investiert werden könnte. Ältere Menschen oder Menschen mit Handicaps würden keinesfalls ausgeschlossen, sondern profitierten von einer sicheren, verkehrsfreien oder -armen Umgebung, das soziale Miteinander werde gestärkt, Nachbarn würden sich helfen, der Einsamkeit älterer Menschen werde entgegengewirkt.

Jona Puls’ und Philip Drewas Strategie beruhte stark darauf, der Gegenseite Fragen zu stellen. Sie bezweifelten, dass die eingesparten Kosten ausreichen würden, um die notwendige Infrastruktur zu finanzieren. Zudem seien die Radwege in Willich generell nicht sonderlich gut ausgebaut, der öffentliche Personennahverkehr sei in der Stadt alles andere als optimal. Projekte wie diese gebe es in Barcelona, Münster oder München, „dort ist die Infrastruktur schon vorhanden, hier jedoch nicht“, sagte Philip Drewa. „Wir sollten zuerst die Infrastruktur ausbauen und dann vielleicht noch mal auf eine autofreie Siedlung zurückkommen“, andernfalls handele es sich um Symbolpolitik auf dem Rücken der Bürger. „Das Konzept ist eigentlich gut, aber ihr seid bei Schritt 5, doch wir müssen bei Schritt 1 beginnen“, so Jona Puls.

Nach der Debatte gab die Jury – bestehend aus Ariane Kohlmeier und Philipp Mayer-Galow (Evonik) sowie Sina Zehrfeld und Lilli Stegner (RP) – den Vieren ein erstes Feedback. Ariane Kohlmeier lobte, dass Mara Vandrey mit „Stellt euch vor …“ gestartet sei. „Das erzeugt Bilder, hebt es auf die emotionale Ebene.“ Philipp Mayer-Galow sagte, dass die Strategie der Contra-Seite, viele Fragen zu stellen, nicht aufgegangen sei. „Die Fragetechnik funktioniert nur, wenn die Gegenseite nicht so gut vorbereitet ist. So habt ihr ihr den Boden bereitet, ihre Argumente auszuführen.“ Lilli Stegner lobte, dass alle vier „gut und frei gesprochen“ hätten, kurze „Hänger“ seien ein Zeichen von Echtheit, die anfängliche Nervosität habe schnell und spürbar abgenommen.

Doch wie hat das Publikum die Debatte erlebt? Zum Ende gab es eine neuerliche Abstimmung, und diesmal sprachen sich schon 47 Prozent für eine autofreie Siedlung aus. Und mit knappen drei Prozent Vorsprung wurde das Pro-Team als überzeugender bewertet. Übrigens: Die Meinung, die die vier Schülerinnen und Schüler auf der Bühne vertraten, entspricht gar nicht unbedingt ihrer persönlichen. „Ich habe mir noch keine abschließende Meinung gebildet“, bekannte Jona Puls. Und Jannis Schommer, der die Pro-Seite überzeugend vertreten hatte, gab zu, dass er der autofreien Siedlung eigentlich skeptisch gegenüberstehe. Nach einem gemeinsamen Foto auf der Bühne nutzten die vier Schüler die Gelegenheit, Bürgermeister Christian Pakusch auf die schlechte Anbindung Willichs an den Öffentlichen Personennahverkehr hinzuweisen. Eine S-Bahn-Anbindung an Krefeld und die Verlängerung der Regiobahn S28 von Kaarst über Willich nach Viersen: Das wär’s.