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Seit Wochen verhandeln Ukraine, Russland und USA über ein Ende des Ukraine-Kriegs. Wo die Verhandlungen gerade stehen.
Kiew/Moskau/Abu Dhabi – „Meine ganze Wohnung ist ein Kühlschrank“, sagt Andy in die Kamera. Die junge Ukrainerin mit dem langen braunen Haar nimmt die ganze Welt auf Instagram mit in ihr Leben in der Ukraine. Immer wieder zeigt sie den Schnee auf den Straßen, zeigt, wie viele Stunden Strom sie pro Tag bekommt, wie sie sich trotz der Kälte warmhält. Seit Wochen greift Russland die Energieinfrastruktur im Ukraine-Krieg an. Tausende Haushalte sind ganz oder teilweise ohne Strom, Heizung und Wasser. Es gibt eine Notstromversorgung, aber auch die ist nicht immer zuverlässig. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas warnte am Donnerstag (29. Januar) vor einer humanitären Katastrophe. Russland wolle sie „frieren lassen, bis sie kapitulieren“.
Während die Friedensverhandlungen weitergehen, frieren viele Menschen in der Ukraine. Nach russischen Angriffen ist die Stromversorgung in der Ukraine lahmgelegt. © picture alliance/Danylo Antoniuk
Die Hoffnung hängt deswegen an den laufenden Verhandlungen zwischen den USA, Russland und der Ukraine. Am Sonntag (1. Februar) soll es in Abu Dhabi in Saudi-Arabien weitergehen, das berichten sowohl die Ukrainer als auch die russische Nachrichtenagentur Interfax. Die Verhandlungen sollen schon weit sein. In Davos erklärte US-Präsident Trump, eine Einigung in der Ukraine-Frage sei „ziemlich nah“. Sein Sondergesandter Steve Witkoff sagte, es gäbe nur noch „ein einziges Problem“ zwischen Kiew und Moskau: Die ukrainische Region Donezk. Das bestätigte auch US-Außenminister Marco Rubio am Mittwoch (28. Januar).
Bei den Verhandlungen über Frieden in der Ukraine ist der Donbass der zentrale Punkt
Der russische Präsident Wladimir Putin möchte diese Region nämlich unter russischer Kontrolle sehen. Nach den Gesprächen am 23. und 24. Januar in Abu Dhabi sagte der Kreml-Sprecher Dmitry Peskow am Montag (26. Januar), die Territorialfrage habe für die russische Seite eine besondere Bedeutung. Diese sei Teil der „Anchorage-Formel“. Laut russischen Angaben handelt es sich dabei um eine Einigung, die Wladimir Putin und Donald Trump im Sommer vergangenen Jahres bei ihrem Treffen in Alaska ausgehandelt haben. Was genau also hinter dieser Anchorage-Formel steht und welche Gebiete Russland nun genau für sich beansprucht, ist jedoch unklar.
Hinweise auf die russische Position in den Verhandlungen gibt der US-amerikanische „28-Punkte-Friedensplan“. Dieser wurde im November 2025 öffentlich und wurde vermutlich mit russischem Einfluss erstellt. Laut diesem Plan soll die Ukraine sowohl die Krim als auch die Regionen Luhansk und Donezk de facto an Russland abtreten. In den Regionen Saporischschja und Cherson soll die Frontlinie eingefroren werden. Die Ukraine wehrt sich gegen diese Gebietsansprüche. In den Regionen Luhansk und Donezk müsste die Ukraine nach diesem Plan auch Gebiete abtreten, die Russland bisher nicht kontrolliert.
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Für die Ukraine ist das bisher eine rote Linie. Laut aktuellen Umfragen ist die Bevölkerung gegen solche Gebietsabtretungen als Teil eines Friedensdeals. Wie Politico berichtet, wäre der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj aber bereit dazu, das Gebiet zu entmilitarisieren und zur „freien Wirtschaftszone“ zu erklären, wenn es offiziell Teil der Ukraine bliebe. Für Moskau reicht das scheinbar nicht aus. Wie Politico analysiert, hängen die Verhandlungen davon ab, ob Moskau den gesamten Donbass erhält.
Neben der Kontrolle des Donbass geht es auch um das Kernkraftwerk Saporischschja. Es ist das größte in Europa und befindet sich aktuell in russischer Hand. Laut Politico möchte Selenskyj, dass das Kraftwerk gemeinsam von der Ukraine und den USA kontrolliert wird. Russland will allerdings an jeder Vereinbarung beteiligt sein und die Kontrolle über das Kraftwerk mit Washington oder möglicherweise Kiew teilen.
Frieden in der Ukraine: Diese Punkte könnten schon geklärt sein
Neben der Frage der Gebietsabtretungen gibt es noch andere Punkte, die bei den Verhandlungen über den Frieden in der Ukraine strittig sind. Das sind unter anderem:
- Die Sicherheitsgarantien für die Ukraine nach dem Krieg
- Der NATO-Beitritt der Ukraine
- Eine Beschränkung der Truppenstärke des ukrainischen Militärs
- Die Nutzung des eingefrorenen russischen Vermögens für den Wiederaufbau der Ukraine
Den Äußerungen von Selenskyj und Donald Trump zufolge sind einige dieser Punkte bereits geklärt. Über die Details ist allerdings nichts bekannt. Sowohl die Ukraine als auch Russland und die USA halten sich bei den Ergebnissen der Gespräche bedeckt. Beobachter sind sich deswegen uneinig, wie die Verhandlungen zu bewerten sind. Positiv scheint zu sein, dass Russland dieses Mal für die Verhandlungen autorisierte Personen schickt. Die russische Delegation leitet der russische Militärgeheimdienstchef Igor Kostyukov. Der ukrainische Außenminister lobte am Dienstag (27. Januar), dass die Verhandlungen Substanz hätten und sich nicht um pseudohistorische Vorträge drehten.
Es ist unklar, wie ernst es Putin mit den Verhandlungen über den Ukraine-Krieg meint
Andere politische Analysten sind skeptisch. Tatiana Stanovaya, Gründerin der auf Russland spezialisierten Politikberatungsagentur R.Politik, sagte gegenüber Politico, dass Russlands Beharren darauf, den gesamten Donbass zu erhalten, lediglich eine Verzögerungstaktik sei. „Es ist eine Art Spiel der russischen Seite, bei dem sie sich bereit erklären, über eine vermeintliche Friedenslösung zu sprechen, während sie etwas ganz anderes meinen“, sagte Stanowaja. „Sie können stundenlang über das Thema reden, aber es hat nichts mit der Realität zu tun.“
Außerdem sind sich die Ukraine und Russland uneinig, wann ein Waffenstillstand zustande kommen soll. Während die Ukraine eine sofortige Waffenruhe forderte, betonte Moskau immer wieder, dass die Angriffe erst nach einem Abkommen ruhen könnten. Für die Menschen in der Ukraine bedeutete das weitere Angriffe auf ihre Energieversorgung. Donald Trump verkündete laut dpa am Donnerstagabend, dass er Putin um eine einwöchige Pause der russischen Angriffe auf Kiew und andere ukrainische Städte gebeten habe. (Quellen: Politico, dpa, Kyiv Independent, Reuters, Deutschlandfunk, Interfax, CNN, eigene Recherche) (cdz)