Mit „Primate“ startet am 29.01. ein Affenschocker, der ganz auf handgemachte Effekte setzt. FILMSTARTS-Autor Kamil Moll hatte die Gelegenheit, mit dessen Regisseur Johannes Roberts zu sprechen, der schon lange ein Spezialist für Tier-Horror ist.

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Seit dem mit einem winzigen Budget gedrehten Unterwasserschocker „47 Meters Down“ gilt Johannes Roberts einer zunehmend wachsenden Fan-Schar als Gewährsmann für betont drastischen Tierhorror, der sich wirkungsvoll und ohne erzählerische Fett auf Grundtugenden des Genres zurückbesinnt. Mit „Primate“ setzte der Regisseur nun sprichwörtlich einen drauf: Die blutigen Effekte des Films sind weitestgehend praktisch und handgemacht – und auch die Hauptfigur in Affengestalt entstand nicht mit CGI!
Zum Kinostart von „Primate“ hatte FILMSTARTS-Autor Kamil Moll die Gelegenheit, mit dem Regisseur über seine filmischen Vorbilder, praktische Effekte und die Liebe zum Tier-Horror zu sprechen. Doch zuallererst erzählt uns Johannes Roberts, wie er von „47 Meters Down“ auf „Primate“ kam.

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Etwas stimmt nicht mit Ben
FILMSTARTS: Du bist dank der „47 Meters Down“-Filme so etwas wie ein Spezialist für Tierhorror. Auch wenn du in „Primate“ das Wassersetting nicht wirklich ganz verlässt, sind die Gefahren, die von einem Affen ausgehen ganz andere als die durch einen Hai. Wie ist das Projekt entstanden?
Johannes Roberts: Ich habe die Geschichte vor sehr langer Zeit geschrieben. Meine Mutter hatte damals einen Swimmingpool. Eines Tages sah ich ihren Hund bellend um den Pool rennen. Es war ein ziemlich nerviger Hund, und irgendetwas daran wirkte plötzlich bedrohlich. Da dachte ich: Darin steckt eine spannende Idee. Der Pool hatte kein flaches Ende, und man konnte die Seiten nicht berühren. In meinem Kopf ging sofort ein Gedankenspiel los: Wie kommt man da raus? Was tut man, wenn man feststeckt? Wie arbeitet man sich nach draußen? Solche Szenarien interessieren mich.
Das war auch bei „47 Meters Down“ der Kern: Du sitzt im Käfig am Meeresboden und musst raus. Der Hai ist dort eigentlich eher die zusätzliche Gefahr im Hintergrund. Es geht um den Druck, die Luft, die Zeit. Du musst nach oben. Bei „Primate“ ist das anders: Hier ist die Bedrohung viel persönlicher. Der Schimpanse ist für sie kein Monster, sondern etwas, das eine sehr menschliche Persönlichkeit hat. Diese emotionale Ebene hat mich gereizt. Im Grunde ist es wieder ein klaustrophobischer „Containment“-Film. Ähnlich wie Stephen Kings „Cujo“, nur eben kombiniert mit einer sehr persönlichen Geschichte über ein Haustier.
FILMSTARTS: Anders als es heute eigentlich üblich wäre, wurde der Schimpanse nicht per CGI erschaffen, sondern größtenteils von einem Darsteller im Kostüm gespielt. Worauf habt ihr beim Casting geachtet? Und wie schwierig war es, jemanden zu finden, der wie ein tollwütiger Affe ausrasten kann?
Johannes Roberts: Das war tatsächlich schwierig. Um überhaupt grünes Licht zu bekommen, hatten wir zunächst einen Test gedreht. Mit einem Kind, weil die Größenverhältnisse stimmen mussten. Sobald man als Zuschauer das Gefühl hat, da lebt ein viel zu großes Wesen im Haus, wirkt alles albern und man verliert die Spannung. Optisch hat das im Test ganz gut funktioniert, aber es fehlte die Wucht, diese körperliche Präsenz, die echte Angst auslöst.
Das Problem: Viele der Profis, die zum Beispiel die „Planet der Affen“-Bewegungen machen, waren schlicht zu groß für die Rolle von Ben. Also haben wir ein offenes Casting gemacht. Dann kam Miguel rein – ein etwa 1,52 großer Kolumbianer, der vorher noch nie etwas Vergleichbares gemacht hatte. Er sprang einfach die Wand hoch, bis ganz nach oben, wieder runter, schrie. Es war sofort absolut furchteinflößend! Da wusste ich: Ich habe keine Ahnung, wer dieser Typ ist, aber genau ihn brauchen wir. Er war die Figur. Und dadurch hat sich der Film verschoben: weg von einem eher „Halloween“-artigen Ansatz, auch wenn der Film natürlich Einflüsse davon hat, hin zu einer zentralen, starken Figur. Seine Frechheit, seine Gemeinheit, dieses fast spielerische Bedürfnis, Schaden anzurichten: Das trägt den Film. Da steckt eine fiese Verspieltheit drin, die zugleich Spaß macht und verstört. Er war wirklich großartig.
FILMSTARTS: Insgesamt wirkt der Film viel körperlicher und unmittelbarer als viele aktuelle Horrorfilme. Das liegt auch daran, dass du stark auf praktische Effekte setzt, statt auf digitale Tricks. Was reizt dich daran?
Johannes Roberts: Es macht einfach unglaublich Spaß. Ich bin in den 70ern und 80ern aufgewachsen und mit Stephen-King-Verfilmungen groß geworden: „Carrie“, „The Shining“, „Friedhof der Kuscheltiere“. Das sind die Filme, die mich geprägt haben; dort habe ich gelernt, wie Horror funktioniert. Und dann bei einem großen Studiofilm die Freiheit zu bekommen, so oldschool und praktisch zu arbeiten, das ist ein Traum. Und wirklich: Niemand hat uns ausgebremst. Wir haben jeden Tag ein bisschen weiter ausgetestet, was möglich ist. Und niemand sagte: „Das geht nicht.“ Praktische Effekte haben eine andere Wucht. Du spürst, dass etwas tatsächlich da ist. Das Material, die handwerkliche Arbeit – das kann Digitales, egal wie perfekt es aussieht, aus meiner Sicht nicht vollständig ersetzen. Es trifft das Publikum anders.
FILMSTARTS: Dazu kommen viele intensive Gore-Szenen, die sehr effektiv inszeniert sind. War von Anfang an klar, dass der Film ein R-Rating bekommen würde – und hat dir das mehr Freiheit gegeben?
Johannes Roberts: Ja, wir waren im Grunde immer bei einer R-Einstufung. Da gab es nie wirklich Zweifel. Und im Lauf der Arbeit ist es sogar noch heftiger geworden. Selbst wenn ich den Film heute sehe, denke ich: Wow, wir sind da wirklich weit gegangen! Wir sind nicht losgezogen mit dem Ziel, möglichst schockierend und blutig zu sein. Was Ben tut, also wie entsetzlich das sein kann, was ein Schimpanse im schlimmsten Fall anrichten könnte, das muss der Film fühlbar machen. Man muss es sehen, um seine Persönlichkeit zu begreifen und die Angst nachzuvollziehen. Dadurch wurde es zwangsläufig gruseliger und blutiger.

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FILMSTARTS: Was ich an deinen Filmen schätze, ist die Laufzeit: Auch „Primate“ erzählst du sehr fokussiert in rund 90 Minuten. Ist das für Horror die ideale Länge?
Johannes Roberts: Für diese Art Film auf jeden Fall. Wenn du dieses Erzählprinzip einer tickenden Uhr hast, also ein einziger Ort und eine klare Situation, dann ist das wie eine Achterbahnfahrt: Du setzt das Publikum rein, schnallst es an, und dann geht’s los. Da ist es wichtig, nicht zu trödeln. Bei einer klassischen Geistergeschichte hat man vielleicht mehr Raum zum Atmen, um Tempo rauszunehmen. Aber bei einem Genre-Film wie diesem gibt es meistens einen ziemlich perfekten Sweet Spot, und der liegt häufig genau dort.
FILMSTARTS: War es schwierig so ein konzentriertes, fast schon minimalistisches Setting aufzubauen? Das ist ja geradezu auf die Action maßgeschneidert.
Johannes Roberts: Das Erste war eine kleine Skizze, die mein Produzent Walter [Hamada], immer noch haben dürfte. Ich kann wirklich nicht gut zeichnen, aber ich habe das Haus und den Pool grob auf Papier gebracht, damit er die Klippen hinter dem Pool und die ganze Anlage versteht. Und erstaunlicherweise haben wir am Ende genau das gebaut. Simon Bowles, unser Produktionsdesigner, hat dabei einen unglaublichen Job gemacht. Und ich glaube wirklich: Dass wir so praktisch und oldschool drehen konnten, hat den Film entscheidend geprägt. Wir haben den Wald gebaut, mit Matte Paintings gearbeitet, mit Translights für den Nachthimmel. Das war wie „Der Zauberer von Oz“, sozusagen klassisches Studio-Filmhandwerk. Es hat riesigen Spaß gemacht und uns erlaubt, exakt die Welt zu erschaffen, die wir wollten.
FILMSTARTS: Hattest du filmische Vorbilder für „Primate“? Magst du klassische Affen-Horrorfilme? Oder wolltest du bewusst etwas anderes machen?
Johannes Roberts: Ich hoffe, das klingt nicht frevelhaft, aber: Ich finde, es gibt nicht viele wirklich gute Affenfilme. Ich bin da kein riesiger Fan. „Der Affe im Menschen“ ist gut, aber viel mehr fällt mir nicht ein. „Planet der Affen“ liebe ich, das auf jeden Fall. Die DNA dieses Films kommt aber eher von John Carpenter und Stephen King: von „Cujo“, „Friedhof der Kuscheltiere“, „Christine“, „Halloween“. Sogar „Nightmare on Elm Street“ steckt da drin.
Diese Filme sind die Bausteine. Und genau deshalb konnte ich, ohne es bewusst zu planen, Dinge aufgreifen und sie fühlten sich für mich frisch an, weil es hier eben kein Stalker-Killer ist, sondern ein Schimpanse. Das erhöht den Spaß. Man kann einem Affen seinen „Here’s Johnny“-Moment [Anmerkung: Jack Nicholsons ikonische Szene aus „The Shining“] geben, und es wirkt nicht wie ein Augenzwinkern, sondern gehört einfach zu dieser Welt. Und es fühlt sich neu an.