AfD – Hoffnungsträger oder Teil desselben Systems? Eine unbequeme Betrachtung

Die Unzufriedenheit vieler Bürger mit den sogenannten Altparteien ist absolut nachvollziehbar. Jahrzehntelang haben CDU, SPD, FDP und Grüne politische Verantwortung getragen – und dabei eine Vielzahl von Fehlentscheidungen produziert: in der Migrationspolitik, in der Energiepolitik, in der Sozial- und Sicherheitspolitik. Der Vertrauensverlust in die politische Klasse ist real und berechtigt.

Auch hier in Duisburg, im Ruhrgebiet, spürt man diese Enttäuschung deutlich. Viele Menschen fühlen sich nicht mehr vertreten, nicht mehr ernst genommen, nicht mehr gehört. Politik wirkt für viele abstrakt, fern und selbstbezogen.

Aus dieser berechtigten Kritik entsteht jedoch zunehmend ein neues Narrativ:
Die AfD sei die einzige Lösung. Die letzte Hoffnung. Das eigentliche Gegenmodell zum „System“.

Genau an diesem Punkt lohnt sich eine nüchterne, ehrliche Betrachtung.

Denn so unbequem es für manche sein mag: Die AfD ist keine systemische Revolution. Sie ist eine Partei.
Mit Fraktionen, mit internen Machtstrukturen, mit Karrieren, mit Flügelkämpfen, mit Parteidisziplin – genau wie alle anderen auch.

Wer ernsthaft glaubt, eine Partei könne innerhalb der bestehenden politischen Architektur plötzlich alles grundlegend anders machen, verkennt die Realität parlamentarischer Systeme.

Das eigentliche Kernproblem liegt tiefer – nicht bei den Parteien, sondern bei den politischen Strukturen selbst.

Der Deutsche Bundestag besteht inzwischen aus über 700 Abgeordneten. Damit ist er eines der größten Parlamente der Welt. Was ursprünglich als Repräsentation gedacht war, ist längst zu einem aufgeblähten politischen Apparat geworden: zu viele Mandate, zu viele Ausschüsse, zu viele Fraktionen, zu viele Interessenkonflikte – und am Ende zu wenig klare Verantwortung.

Dieses System produziert:
• Parteikarrieren statt Problemlösungen
• Fraktionszwang statt Gewissensentscheidungen
• Machtlogik statt Bürgernähe
• Verwaltung statt Gestaltung

Und genau in diesem System agiert auch die AfD.
Sie mag andere Positionen vertreten, andere Worte benutzen, andere Wähler ansprechen –
aber sie bewegt sich innerhalb derselben institutionellen Mechanik, die sie selbst kritisiert.

Mehr Parteien bedeuten nicht automatisch bessere Politik.
Auch eine „neue“ Partei bleibt gefangen in Koalitionen, Postenverteilungen, Haushaltslogiken, Ausschussarithmetik und parteiinternen Machtstrukturen.

Wer wirklich etwas verändern will, muss den Mut haben, nicht nur über Parteien zu sprechen, sondern über das System selbst:
• Ein deutlich kleinerer Bundestag
• Weniger Fraktionen
• Weniger Berufspolitik
• Mehr direkte Verantwortung
• Mehr persönliche Haftung für politische Entscheidungen

Ohne strukturelle Reform bleibt vieles beim Alten –
egal ob CDU, SPD, Grüne oder AfD auf den Wahlplakaten stehen.

Die AfD ist nicht das „goldene Ei“.
Sie ist Teil desselben politischen Betriebs, den sie kritisiert.

Der eigentliche Hebel liegt nicht in neuen Gesichtern im alten System –
sondern in einem neuen System mit weniger Gesichtern, mehr Verantwortung und echter Begrenzung von Macht.

Oder anders gesagt:
Solange wir nur die Schauspieler austauschen, aber nicht das Theaterstück,
wird sich am Ende auch die Handlung nicht ändern.

Herzlichst Gunther Verholen M.A.