Eine Datenanalyse zeigt, was Beschäftigte im öffentlichen Dienst am häufigsten problematisieren. Die Arbeitgeber weisen jegliche Kritik von sich.

Der Gemeindetag Baden-Württemberg schreibt in einem Positionspapier, dass im Jahr 2030 allein in der öffentlichen Verwaltung 816.000 Fachkräfte fehlen. Besonders schlimm soll es sich auf kommunaler Ebene auswirken, auch in Baden-Württemberg. Wie attraktiv ist der öffentliche Dienst für die umkämpften Arbeitskräfte? Nicht so sehr, wie die Auswertung Hunderter Arbeitnehmer-Bewertungen aus Stuttgart und der Region ergibt.

Unsere Redaktion hat dafür die Bewertungen aus dem Bereich Behörden und Verwaltungen in Stuttgart und den umliegenden Kreisstädten auf der Plattform Kununu aus dem Zeitraum 2023 bis Herbst 2025 analysiert. Dabei handelt es sich um keine vollständige Abbildung, weil dort jede und jeder Bewertungen hinterlassen kann – Kununu behält sich jedoch vor, diese zu prüfen und stellenweise Nachweise zu verlangen, dass man dort gearbeitet hat.

Weiterbildungen stehen nicht allen zur Verfügung

„Als Beamter hat man durchaus Chancen auf eine Karriere, als Angestellter leider null Möglichkeiten“, schreibt ein ehemaliger Mitarbeiter des Regierungspräsidiums Stuttgart. In einer anderen Bewertung heißt es, als Tarifangestellter werde man nie verbeamtet, selbst wenn man das „non plus Ultra im Betrieb wäre“.

Das Regierungspräsidium (RP) Stuttgart weist die Kritik zurück: Das Fort- und Weiterbildungsangebot – intern und extern – sei breit gefächert und für manche Personengruppen sogar verpflichtend. „Eine Unterscheidung zwischen Tarifangestellten und Beamten / Beamtinnen wird dabei grundsätzlich nicht gemacht – mit einer Ausnahme: Aufstiegslehrgänge in der Beamtenlaufbahn“, schreibt die Pressesprecherin. 2025 habe es beim RP zwölf Verbeamtungen gegeben, die Zahl entspreche den Jahren zuvor. „Um verbeamtet werden zu können, sind verschiedene Voraussetzungen zu prüfen“, heißt es zur Einordnung – „das schränkt den in Betracht kommenden Personenkreis bereits ein.“

Weiterbildung nur für Ja-Sager?

Dass die Möglichkeit, sich weiterzubilden davon abhängt, ob man bei dem Vorgesetzten beliebt ist und sich mit Kritik zurückhält, beschreiben Mitarbeiter verschiedenster Behörden und Unternehmen. Entsprechende Bewertungen gibt es zur Stadt Sindelfingen, den Stadtwerken Stuttgart, dem Studierendenwerk Stuttgart oder der Polizei Stuttgart.

Haben Sie Hinweise, Unterlagen oder Beobachtungen, die auf Missstände hinweisen, sei es im öffentlichen Dienst oder einer anderen Branche? Kontaktieren Sie uns über investigativ@stzn.de

Von der Polizei heißt es, Beamtinnen und Beamte im Polizeivollzugsdienst, im Nichtvollzugsdienst und Tarifbeschäftigten stünden viele Fortbildungsmöglichkeiten offen – intern, extern, vor Ort und online, halbtätig bis mehrwöchig. „Die Anzahl der angebotenen und unterschiedlichen Fortbildungsprodukte befindet sich weit im dreistelligen Bereich“, sagt die Polizeisprecherin. Eine Großzahl der Fortbildungen sei nicht für alle Beschäftigten gleichermaßen sinnvoll oder zielführend. „Die Zuteilung und Entsendung zu den Fortbildungsveranstaltungen erfolgen nach Priorität und Erforderlichkeit, nicht nach dem Gießkannenprinzip.“

Die Stadt Sindelfingen befürworte es ausdrücklich, „wenn die Mitarbeitenden sich fortbilden oder weiterqualifizieren möchten und fördert dies entsprechend“, sagt ein Pressesprecher. Auch die Stadtwerke würden großen Wert auf die kontinuierliche Fort- und Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden legen. „Die Auswahl und Teilnahme von Weiterbildungsmaßnahmen erfolgen in enger Abstimmung mit der jeweiligen Führungskraft.“ Mitarbeitende könnten dabei eigene Weiterbildungswünsche einbringen und gemeinsam mit ihrer Führungskraft einen individuellen Entwicklungs- und Fortbildungsplan erarbeiten.

Beim Studierendenwerk Stuttgart hält man „das lebenslange Lernen für essentiell“ – sowohl für die Bindung von Mitarbeitenden an das Studierendenwerk, wegen der persönlichen Weiterentwicklung von Menschen als auch aus unternehmerischer Notwendigkeit. „Jede und jeder Mitarbeitende im Studierendenwerk Stuttgart hat die Möglichkeit sich fortzubilden“, sagt die Pressesprecherin. Dazu versucht das Studierendenwerk über verschiedene Wege wie Jahresgespräche oder ein FAQ im Intranet zu motivieren und informieren.

„Wille zur Modernisierung ist vorhanden, Rahmenbedingungen stimmen nicht“

Der „Fach- und Führungskräfte-Barometer 2025“, an dem mehr als 2.800 Beschäftigte aus allen Bereichen des öffentlichen Dienstes teilgenommen haben, zeichnet ein deutliches Bild der aktuellen Zufriedenheit. Auf einer Skala von -100 bis +100 liegt die allgemeine Arbeitszufriedenheit sowohl bei Fachkräften (NPS -37) als auch bei Führungskräften (-26) im negativen Bereich. Gleichzeitig zeigen die Befragten hohe Veränderungsbereitschaft und ein starkes Interesse an Weiterbildung. „Das belegt: Der Wille zur Modernisierung ist vorhanden – aber die Rahmenbedingungen und Strukturen stimmen oft nicht“, sagt der Bundesvorsitzende des DBB Beamtenbund und Tarifunion, Volker Geyer.

Verhalten von Vorgesetzten wird bemängelt

Auch das Verhalten von Vorgesetzten im öffentlichen Dienst wird in den analysierten Kununu-Bewertungen immer wieder kritisiert, auch hier bei vielen unterschiedlichen Arbeitgebern. „Das Verhalten einiger Führungskräfte empfinde ich als respektlos und unprofessionell“, heißt es in einem Kommentar über das Landratsamt des Rems-Murr-Kreises. Schreien scheine normalisiert zu sein, Mitarbeitergespräche würden wie ein Ausspionieren wirken.

Das Landratsamt antwortet auf die Frage zur Mitarbeiterführung und Feedbackkultur: „Als Arbeitgeber im öffentlichen Dienst stehen wir in besonderer Verantwortung für faire Arbeitsbedingungen, verlässliche Strukturen und eine wertschätzende Führungskultur.“ Entsprechend überprüfe man regelmäßig die internen Abläufe, führe einen kontinuierlichen Dialog mit den Beschäftigten sowie den Personalvertretungen und habe ein anonymes Führungskräfte-Feedback. „Unsere Feedbackkultur ist konstruktiv, respektvoll und lösungsorientiert“, schreibt die Pressesprecherin. Kritische Bewertungen nehme man ernst, Fehler verstehe man als Chance zum Lernen.

Dem Studierendenwerk attestiert ein Mitarbeiter einen nicht mehr zeitgemäßen, hierarchischen Führungsstil und fehlendes Vertrauen in die Belegschaft. „Jede Stelle im Studierendenwerk hat grundsätzlich festgelegte, übertragene Aufgaben, welche die Mitarbeitenden selbstständig erfüllen – natürlich auf Vertrauensbasis“, schreibt die Pressesprecherin auf Anfrage. Vielfalt und Kollegialität messe man in der täglichen Zusammenarbeit einen hohen Wert bei. Die Arbeitszeit werde digital mit einem Gleitzeitkonto erfasst. Feedback sei immer willkommen, „die allermeisten Führungskräfte sind dafür aufgeschlossen.“

Haben Sie Hinweise, Unterlagen oder Beobachtungen, die auf Missstände hinweisen, sei es im öffentlichen Dienst oder einer anderen Branche? Kontaktieren Sie uns über investigativ@stzn.de