Führungen, Workshops, Cocktailschulungen – und ein Blick hinter die Kulissen, der sonst tabu ist. Die „Open Hotel Days“ zeigen, wie vielfältig sich Hamburgs Hotelszene sieht – und warum sie dennoch händeringend nach Fachkräften sucht.
Als Anton-Emil und Martha Langer 1906 einen Spaziergang in Hamburg machten, um den neuen Bahnhof zu besichtigen, entdeckten sie zufällig in direkter Nachbarschaft ein Baugrundstück. Vier Jahre später eröffnete das Ehepaar dort das Hotel Reichshof. Zu diesem Zeitpunkt war das Haus nicht nur das größte Hotel Deutschlands, es verfügte zudem über moderne Annehmlichkeiten wie fließendes Wasser, Elektrizität, Telefone in jedem Zimmer, private Bäder in 50 Zimmern sowie hydraulische Aufzüge. Und nicht zuletzt war es das erste Hotel, das eine Übernachtungspauschale mit Frühstück einführte.
116 Jahre später zählt das Hotel nach wie vor zu den ersten Adressen der Stadt – und ist nun Teil einer neuen Aktion: Vom 6. bis 8. Februar öffnen Reichshof und 45 weitere Hotels ihre Türen „nicht nur für Gäste, sondern auch für Nachbarn, Talente sowie alle Hamburgerinnen und Hamburger, die ihre Stadt neu entdecken wollen“, wie die Initiatoren in dieser Woche mitteilten. Bei den „Open Hotel Days“ sollen knapp 300 Veranstaltungen Einblicke in den Hotelalltag ebenso ermöglichen, wie Workshops, kulturelle Events, kulinarische Überraschungen oder ein Gespräch an der Bar bei der Cocktailschulung.
„Kaum eine Branche verkörpert Hamburgs Offenheit so konsequent wie der Tourismus“, meint der Präses der Handelskammer Hamburg, Norbert Aust. Hier würden Vielfalt, Integration und gelebte Teilhabe nicht nur betont – sie fänden täglich statt. „Genau deshalb gestaltet der Tourismus die Zukunft unserer Stadt aktiv mit, und die ‚Open Hotel Days‘ machen diese Stärke sichtbar“, so Aust. Das Format sei ein strategischer Baustein für eine Branche, die in Hamburg zu den größten Arbeitgebern und wichtigsten Wirtschaftsfaktoren gehöre. Neben der Handelskammer unterstützen unter anderem der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga, Hamburg Tourismus, die Wirtschaftsbehörde sowie der Tourismusverband Hamburg die „Open Hotel Days“.
Das Hotel Reichshof etwa bietet eine Führung durch das Haus an, bei der die Teilnehmer Ecken und denkmalgeschützte Bereiche des Hotels von 1910 erkunden. Denn Hotels sind aus Sicht der Initiatoren „mehr als Übernachtungsorte, sie sind urbane Wohnzimmer, Orte der Begegnung und Teil der Stadtgesellschaft“. Hinter die Kulissen lassen auch The Fontenay, The Westin Elbphilharmonie, das Hotel Atlantic oder das Pierdrei blicken. Der überwiegende Teil der Programminhalte ist den Angaben zufolge kostenlos.
Den Auftakt der „Open Hotel Days“ bildet der Karrieretag am 6. Februar, der sich gezielt an Fachkräfte richten möchte. Dabei sollen Nachwuchs und Quereinsteiger die Gelegenheit erhalten, Ausbildungsberufe kennenzulernen und Einblicke in Berufsbilder, Teamkultur und den Hotelbetrieb zu bekommen. Die Initiatoren erhoffen sich davon, potenzielle Fachkräfte anzusprechen und Lust auf den Hotelberuf zu wecken, etwa im Austausch zwischen Interessierten und jungen Mitarbeitern und Azubis.
Personalmangel trübt die Stimmung
„Hotels und Restaurants sind Orte mit Menschen für Menschen. Daher ist unsere facettenreiche Branche in besonderem Maße auf die Gewinnung von motivierten Arbeits- und Fachkräften fokussiert“, betont die Vizepräsidentin der Dehoga Hamburg, Kathrin Wirth-Ueberschär. Umso wichtiger sei es, die Chancen und die Vorzüge der Branche für den Nachwuchs und die Hamburger erlebbar zu machen.
Das Gastgewerbe zählt laut Dehoga zu den größten Ausbildungsbereichen, auch in Hamburg. Viele junge Menschen starteten ihre berufliche Laufbahn in Küche, Service oder Hotellerie und sicherten damit die Zukunft der Betriebe. „Kaum eine Branche bietet so viele Einstiegsmöglichkeiten und Entwicklungschancen wie die Hotellerie“, nennt Madeleine Marx vom Promotion Pool der Hamburger Hotellerie einen weiteren Grund für die „Open Hotel Days“.
Denn die Offensive ist dringend notwendig: Die Hotels und Gaststätten der Hansestadt treiben schließlich ähnliche Sorgen um wie andere Brachen: Sie suchen allesamt nach Fachkräften. Wenngleich der Bereich nach der Pandemie wieder wächst, kämpfen viele Betriebe mit Personalmangel, steigenden Kosten und einer verhaltenen wirtschaftlichen Gesamtlage.
Gleichwohl sind Hotellerie und Gastronomie der Dehoga zufolge unverändert „wesentliche Säulen der deutschen Wirtschaft und auch für Hamburg von großer Bedeutung“. So zählt die Branche hierzulande „mehr als 200.000 Betriebe, die gemeinsam für Millionen von Arbeitsplätzen sorgen“. Speziell Hamburg trage mit seiner vielfältigen Gastronomie, den zahlreichen Hotels sowie der hohen touristischen Anziehungskraft dazu bei. Jährlich besuchen Millionen nationale wie internationale Gäste die Hansestadt, weshalb nicht nur die Übernachtungszahlen steigen, sondern auch die Gastronomie vor Ort davon profitieren.
Derweil ist die Bundesregierung nach Einschätzung der Dehoga in dieser Woche mit der Verabschiedung der neuen Nationalen Tourismusstrategie (NTS) bereits einen entscheidenden Schritt für die Zukunft des Gastgewerbes gegangen. So sollen etliche politische Weichenstellungen Hamburgs Tourismus stärken, indem die Bundesregierung die Rahmenbedingungen für die Branche verbessern möchte. Der Bundestag befasste sich am Mittwoch mit dem Konzept, das laut Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft und Tourismus, Christoph Ploß, „zahlreiche Maßnahmen enthält, die der Tourismuswirtschaft in Hamburg zugutekommen werden“.
Ploß, zugleich CDU-Bundestagsabgeordneter aus Hamburg, verweist dabei ebenfalls auf die besondere Stellung der Hansestadt als Reiseziel: „Die Bedeutung der Tourismuswirtschaft für die Hamburger Metropolregion ist kaum zu überschätzen.“ Mit der NTS würden nun „bessere Rahmenbedingungen für Unternehmen und Mitarbeiter“ geschaffen. Wichtige Elemente seien dabei Investitionen in Infrastruktur, geringere Standortkosten für die Luftfahrt sowie weniger Bürokratie durch den Wegfall bestimmter Dokumentationspflichten.
Besonders im Fokus stehen laut Ploß Hamburgs Messewesen und der internationale Geschäftsreiseverkehr. „Wir stellen mit der Nationalen Tourismusstrategie auch Messestandorte wie Hamburg in den Mittelpunkt“, sagt er. Die Bundesregierung setze auf eine Digitalisierung von Visaverfahren, die Geschäftsleuten und Touristen – vor allem aus Asien und dem Nahen Osten – die Einreise erleichtern soll. „Damit wird es insbesondere für viele Messebesucher unbürokratischer werden, nach Deutschland und Hamburg zu kommen.“
Für die Hansestadt von wachsender wirtschaftlicher Bedeutung ist zudem die Kreuzfahrtindustrie. Auch hier kündigt Ploß Unterstützung an: „Die Bundesregierung wird notwendige Investitionen in Häfen, etwa in neue Landstromanlagen, unterstützen.“ Noch in diesem Jahr seien neue Förderprogramme und zusätzliche Finanzmittel geplant. „Davon kann auch der Hamburger Hafen profitieren.“
Gezielter im Ausland werben
Neben der Infrastruktur soll auch die internationale Vermarktung Hamburger Attraktionen ausgebaut werden. Ploß nennt „Musicals, die Reeperbahn, das Miniatur-Wunderland und die Elbphilharmonie“ als Beispiele, deren Ausstrahlung im Ausland gezielter beworben werden solle.
Ein weiterer Punkt, der besonders Hotels und Gastronomie betreffe, sei die geplante Änderung des Arbeitszeitgesetzes. Die Bundesregierung wolle noch in diesem Jahr von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit umstellen. „Sie wird vielen Hotels und Gaststätten sehr helfen“, so Ploß. Angestellte könnten dann an Schwerpunkttagen auch länger eingesetzt werden und die Arbeitsstunden später abbauen.
Michael Otremba, Geschäftsführer der Hamburg Tourismus GmbH, freut sich über jede Unterstützung aus der Politik. „Reisen ist weit mehr als ein Ortswechsel. Es ist Begegnung, Bildung, Erholung“, sagt er und betont weiter: „Reisen stärkt die Demokratie, weil es das Fremde vertrauter macht. Und es steigert die Lebensqualität – für die, die aufbrechen. Und für die, die Gastgeber sind.“ Eine Stadt die attraktiv sei für ihre Einwohner, sei es automatisch für Gäste.
So schärfen die „Open Hotel Days“, wie es der Vorstandsvorsitzende des Tourismusverbands Hamburg, Wolfgang Raike, beschreibt, „den Blick auf Hotels als offene Orte mit vielfältigen Angeboten und häufig direkt in der Nachbarschaft“. Wer sich bei den „Open Hotel Days“ übrigens für eine Führung durch das historische Hotel Reichshof entscheidet und somit auf die Spuren von Anton-Emil und Martha Langer begibt, für den kündigt das Haus noch das Lüften eines Geheimnisses an, das nicht jeder Gast zu sehen bekäme.