Die Liebe zur Architektur Südtirols war Andreas Gruber fast in die Wiege gelegt, spätestens seit seinem achten Lebensjahr waren die Bauwerke der Region buchstäblich seine Spielwiese. „Mein Vater war Baumeister und hat mich im Sommer während der Schulferien jeden Tag mit auf die Baustellen genommen“, erinnert sich der 1984 Geborene. Dort hat er die Tage damit verbracht, im Sand zu spielen, Nägel zu sammeln und den Häusern seiner Heimat beim Entstehen zuzuschauen – die Entscheidung, später Architektur zu studieren, war wohl wenig verwunderlich.
Und eine gute, wie nun Grubers Bilanz zeigt, der mit seinen so nachhaltigen wie spektakulären Bauwerken inzwischen über die Grenzen Südtirols hinaus bekannt ist. Ins Ausland gehen möchte er aber eigentlich nicht, Gruber ist gern nah dran an seinen Projekten und verbringt viel Zeit mit den Auftraggebern. Zu Beginn seiner Karriere war das noch anders, da wäre er zum Studieren weiter fortgegangen. „Aber da ich damals noch Mitglied der Nationalmannschaft im Naturbahnrodeln war, ist es Innsbruck geworden, weil ich zum Training immer wieder nach Südtirol musste.“
Pionierarbeit. Der futuristische Betonmonolith entstand schon ab 2014.
Ein Umstand, der womöglich zu seinem heutigen Erfolg beigetragen hat, der von jeder Menge spannender Projekte und Auszeichnungen geprägt ist. Das war allerdings nicht immer so, denn bekanntlich zählt der Prophet wenig im eigenen Land – und da ist Südtirol keine Ausnahme. Entsprechend skeptisch wurde der junge Architekt, der direkt nach dem Abschluss seines Studiums in Innsbruck und der Staatsprüfung in Venedig sein eigenes Büro eröffnete, anfangs auch beäugt.
Etwa in Barbian, einer knapp 1800 Einwohner zählenden Gemeinde im Eisacktal, wo er vor rund zehn Jahren einen futuristischen Betonmonolithen mit scharfen Kanten in die Idylle stellte – das sorgte wenig überraschend für Diskussionen. „Aber das Haus ist bis heute eines meiner Lieblingsprojekte“, sagt er, weil er dort schon 2014 viel seiner nachhaltigen Philosophie umsetzen konnte.
Aushängeschild. Wegen des Baus in Barbian kamen Anfragen aus aller Welt. Gustav Willeit
„Die Prämisse in der Zusammenarbeit mit dem Bauherrn und Mentor war bereits damals, dass das Haus zu 100 Prozent recycelbar sein musste. Außerdem waren und sind wir sehr stolz darauf, mit wie wenig Abfall wir gearbeitet haben.“ Während beim Bau herkömmlicher Einfamilienhäuser mindestens zehn Container Bauschutt anfallen, sei bei diesem Projekt nicht einmal ein halber Container voll geworden.
»Wir waren und sind sehr stolz, mit wie wenig Abfall wir gearbeitet haben.«
Andreas Gruber
Ein Ergebnis, das dem so stark regional verwurzelten Architekten nicht nur eine Förderung der „Autonomen Provinz Bozen“ einbrachte, sondern plötzlich auch international für Aufsehen sorgte. „Das Thema Recycelbarkeit war damals noch neu, und viele hatten sich damit noch gar nicht auseinandergesetzt. Das Projekt ging um die Welt, und ich hatte Interviewanfragen aus Japan, Hongkong und den USA“, erinnert er sich lachend.
Wiederverwertbarkeit. Spektakulär – und zu 100 Prozent recycelbar. Gustav Willeit
Ein architektonischer Ruhm, der auch die kritischen Geister in Barbian ein wenig versöhnt haben dürfte. Zumal das Haus aus anthrazitfarbenem Dämmbeton, das Gruber „wie einen Stein in die Landschaft legen“, wollte, mit den Jahren durch die Verwitterung der Fassade wieder ein wenig von der Natur vereinnahmt werden wird.
Dieses Projekt beschreibt Gruber noch heute als den Ausgangspunkt seiner beruflichen Entwicklung, zu der neben der Architektur die Stadtentwicklung gehört. Ein Gebiet, auf dem er für Bozen, aber auch als Berater für Gemeinden gearbeitet hat. „Die Stadt- und Landschaftsplanung hat mir ermöglicht, von Leuten zu lernen, die schon viel erreicht hatten, gute Kontakte zu knüpfen und meinen Horizont zu erweitern.“
Zusammenspiel. Satteldach, wie hier üblich, und moderne Technologie. Hannes Niederkofler
Mit diesen Erfahrungen hat Gruber in den vergangenen zehn Jahren einiges geschaffen: Hotels, gewerbliche und landwirtschaftliche Betriebe, Ideen und Umsetzungen von Sanierungen, einen Schießstand und Wohnhäuser – sie alle folgen seiner Philosophie einer innovativen, modernen Architektur, die ihre Wurzeln in der Südtiroler Tradition hat.
Harmonie. Beides hat bei diesem Zero-Emissions-Haus gut Platz. Hannes Niederkofler
„Für mich ist das immer eine Frage der Haltung. Ich bin unter einfachen Bedingungen auf einem Bauernhof aufgewachsen – das hat mich geerdet und ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass nicht alles selbstverständlich ist. Und den Wunsch geweckt, Mehrwert zu erzeugen, auch einen gesellschaftlichen und für die Umwelt.“ Sein Büro versuche, „ehrlich zu bleiben – etwa bei der Wahl des Materials. Wenn wir einen Holzbau machen, ist es ein reiner Holzbau und kein Verbund mit Plastik. Genauso geht es uns im mineralischen Bereich darum, klar und authentisch zu bleiben, das drücken unsere Objekte auch aus.“
Mehrwert. Klar und authentisch bleiben. Hannes Niederkofler
Zu den neuesten Ergebnissen dieser Baukultur gehört ein Wohnhaus, das das Zusammenspiel von Tradition und Moderne besonders harmonisch zeigt. Bei dem Zero-Emissions-Gebäude wurden die Materialien auf die örtlichen Gegebenheiten abgestimmt: Naturbelassenes, sägeraues Lärchenholz sorgt für einen warmen Kontrast zum Sichtbeton mit gewaschener Oberfläche. Und die klassische Form mit Satteldach dafür, dass das Haus gut in die Siedlung passt – und kaum einen Nachbarn erzürnen wird wie einst der preisgekrönte Kubus.
Sein bisheriges Meisterwerk hat Gruber allerdings jüngst im Bereich der Hotelarchitektur abgeliefert, hier hat er sich wieder für eine für Südtirol eher ungewöhnliche Form entschieden – zumindest was Gebäude angeht: „Das OLM Nature Escape in Kematen haben wir rund wie den Apple Campus im Silicon Valley errichtet“, erzählt er. Wobei nicht nur die US-Architektur ein Vorbild war, sondern auch das Material und die Traditionen seiner Heimat.
Runde Sache. Das Hotel OLM in Kematen erinnert formal an einen Mühlstein. Beigestellt
Die Form erinnert an einen Mühlstein, ist vom Kreislauf der Natur inspiriert, mit heimischen Materialien wie Stein, Fichte und Lärchenholz gebaut – und das erste komplett autarke Resort in den Alpen. Dafür wurde ein Energiesystem aus Photovoltaik-Elementen, die das komplette Dach auf über 2000 Quadratmetern bedecken, Geothermie und Wasserkraft konzipiert.
»Architektur ist für mich Identität und Geschichte. Und muss Spaß machen.«
Andreas Gruber
„Das war eine Zusammenarbeit mit einem ganz tollen Kunden“, berichtet Gruber, die fiel zuerst mitten in die Coronazeit, gefolgt von Energiekrise und dem Anstieg der Baukosten. „Jetzt ist das Haus aber offen und schreibt wunderbare Zahlen“, freut er sich.
Und: Man ist schon wieder auch außerhalb Südtirols auf Andreas Gruber aufmerksam geworden. 2024 wurde er für das Projekt mit dem internationalen „Big See“-Award ausgezeichnet, für seine „einzigartige Vision, die Umweltbewusstsein, Eleganz, die Verwendung natürlicher Materialien und den Einsatz nachhaltiger Praktiken in allen Facetten des Betriebes beinhaltet“, wie es – stark verkürzt – in der Begründung für die Auszeichnung heißt.
Oder wie es Gruber selbst ausdrückt: „Meine Bauten sind vom Respekt für die Südtiroler Landschaft und von Kulturbewusstsein getragen. Architektur ist für mich Identität und Geschichte. Und muss Spaß machen.“