Das Resultat ist ein Atlas, der für jede Zelle der Gefäßwände und Arteriosklerose-Plaques Lage und Merkmale aufzeigt. Dieser Atlas zeigte: Die für die Plaques verantwortlichen Gefäßwandzellen tragen ein spezielles Protein auf ihrer Zelloberfläche. Dieses Fibroblasten-Aktivierungsprotein findet sich nur auf den krankhaft veränderten Muskelzellen und eignet sich daher als Unterscheidungsmerkmal – und als Ziel für eine potenzielle Therapie.

BiTE-AntikörperBiTE-Antikörper können mit einer Seite an den T-Zellen des Immunsystems andocken, mit der anderen an spezifische Proteine auf der Oberfläche von Zellen, hier eine Krebszelle. © Armin Kübelbeck/ CC-by-sa 3.0
Zweiteiliger Antikörper als Gegenspieler

Im nächsten Schritt suchte das Team nach einer Methode, diese krankhaft veränderten Gefäßwandzellen selektiv zu zerstören. Fündig wurden sie bei einem künstlichen Antikörper, der ursprünglich für die Krebstherapie entwickelt wurde. Dieses als bispezifischer T-Zell-Engager (BiTE) bezeichnete Molekül hat zwei verschiedene Andockstellen und wirkt dadurch wie eine Brücke zwischen dem Erkennungsmerkmal der erkrankten Zellen und den T-Zellen des Immunsystems.

„Diese Art von Antikörpertherapie wurde ursprünglich entwickelt, um Krebsarten wie Lymphome zu bekämpfen“, erklärt Lavine. Für ihre Arteriosklerose-Therapie passten die Forschenden ein Ende des Antikörpers an das Fibroblasten-Aktivierungsprotein auf den veränderten Gefäßwandzellen an. Das andere diente als Andockstelle und Aktivator für die T-Zellen. Um die Wirksamkeit dieser Antikörper-Immuntherapie zu testen, verabreichten Lavine und sein Team arteriosklerotischen Mäusen über vier Wochen hinweg wöchentlich eine BiTE-Infusion oder eine unwirksame Salzlösung.
Plaques in MäuseartierePlaques in der Arterie einer unbehandelten Maus (oben) und nach der Therapie mit dem BiTE-Antikörpern. © Junedh Amrute

Verkleinerte Plaques, weniger Entzündungen

Die Antikörper-Behandlung schlug an: „Wir haben festgestellt, dass die mit BiTE behandelten Tiere eine signifikante Verringerung der veränderten Muskelzellen in ihrer Aortenwurzel aufwiesen“, berichten die Forschenden. „Verglichen mit den Kontrollen ließ die Therapie auch die arteriosklerotischen Plaques im Aortenbogen und der gesamten Arterie schrumpfen.“ Gleichzeitig stabilisierten die Antikörper die verdickten Gefäßwände so, dass keine weiteren Risse und Narben entstanden.

Nach Ansicht von Lavine und seinem Team demonstriert dies, dass eine Immuntherapie auf Basis künstlicher Antikörper auch gegen Arteriosklerose wirkt. Eine solche Immuntherapie könnte vor allem den Patienten helfen, die bereits Plaque in ihren Herzkranzgefäßen haben, die trotz niedriger Cholesterinwerte im Blut bestehen bleiben. „Eine Immuntherapie, die Entzündungen und gefährliche Plaque bei Patienten mit fortgeschrittener Arteriosklerose verringern kann, ist eine spannende Aussicht“, so Lavine.

Das Team plant nun, das BiTE-Molekül weiter zu optimieren. Es wurde zudem ein Tracermolekül entwickelt, mit dem man gefährliche Plaques in Blutgefäßen künftig besser erkennen kann. Die neue Bildgebung könnte möglicherweise auch helfen, stabile von instabilen Plaques zu unterscheiden, um Patienten mit dem höchsten Risiko für Herzinfarkte zu identifizieren. (Science, 2026; doi: 10.1126/science.adx1736)

Quelle: Washington University Medicine







30. Januar 2026

– Nadja Podbregar