Der Anschlag auf das jüdische Altenheim an der Reichenbachstraße, bei dem am 13. Februar 1970 sieben Menschen, darunter zwei Überlebende der Shoah, getötet worden waren, steht nach 56 Jahren offenbar vor der Aufklärung. Die Ermittlungen der Münchner Generalstaatsanwaltschaft konzentrieren sich auf einen 2020 gestorbenen Münchner Kriminellen, der zu Lebzeiten aus seiner rechtsextremen Gesinnung kein Hehl gemacht hatte. Wie zuerst der Spiegel berichtete, soll es sich dabei um einen der drei Männer handeln, die im Jahr 1971 die berühmte spätgotische Madonna aus der Schlosskapelle der Münchner Blutenburg stahlen.

Bei dem Anschlag auf das im ehemaligen jüdischen Gemeindezentrum an der Reichenbachstraße untergebrachten Seniorenwohnheim starben sechs Bewohner in den Flammen, ein siebter beim Sprung aus dem vierten Stock: Regina Rivka Becher, Max Meir Blum, Leopold Arie Leib Gimpel, David Jakubowicz, Siegfried Offenbacher, Georg Eljakim Pfau und dessen Ehefrau Rosa Drucker.

Als Bundeskanzler Friedrich Merz am 15. September vergangenen Jahres die Festrede zur Wiedereröffnung der Synagoge an der Reichenbachstraße hielt, erinnerte er auch an den Anschlag und dessen Folgen. „Antisemitismus war nie aus der Bundesrepublik verschwunden“, sagte Merz. Daran mahnt die Gedenktafel wenige Meter von der Synagoge entfernt. „Die Namen der fünf Männer und zwei Frauen stehen darauf, die 1970 bei dem Brandanschlag auf das Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde ums Leben gekommen sind, das hier im Vorderhaus gelegen war. Zwei von ihnen waren Überlebende der Konzentrationslager.“

Seither stünden viele jüdische Einrichtungen in ganz Deutschland unter Polizeischutz. „Das heißt“, so Merz weiter, „es gibt eine ganze Generation von Jüdinnen und Juden in Deutschland, die öffentliches jüdisches Leben nur so kennt: nur unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen“.

Die gab es 1970 noch nicht. Das Altenheim war frei zugänglich. Es sollte „ein offenes Haus“ sein, sagte Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, vor fünf Jahren im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. „Wir wollten keine Zäune und Mauern mehr zwischen den Juden in München und den anderen Bewohnern.“ Der Mörder konnte unerkannt das Haus betreten. Mit dem Fahrstuhl fuhr er nach oben, er schüttete Benzin aus einem mitgebrachten Kanister auf die Treppenstufen und zündete es an. Dann floh er durchs Treppenhaus. Den Aufzug hatte er zuvor außer Betrieb gesetzt und die oberen Stockwerke so zu einer tödlichen Falle gemacht.

Wer war dieser Mann, der 25 Jahre nach dem Ende des Holocaust gezielt Juden ermorden wollte? Nach Spiegel-Informationen soll es sich um einen kriminellen Rechtsextremisten gehandelt haben. Der damals 26-Jährige war für die Münchner Polizei kein Unbekannter. Er sprengte Telefonzellen, beging Diebstähle, brach in Kirchen ein. Ein Jahr nach dem Münchner Brandanschlag auch in die Blutenburger Schlosskapelle. Die Madonnenfigur, die er dort mit zwei Komplizen erbeutete, deponierte er gut verpackt und ohne dessen Wissen beim Münchner Schauspieler Walter Sedlmayr. Als die Tat aufflog, bezichtigte der Einbrecher den Mimen fälschlicherweise, der Auftraggeber gewesen zu sein.

Der Verdächtige soll Judenhasser und Neonazi gewesen sein. Die „Liebe zum Führer“ habe ihm ein Verwandter vermittelt, ein ehemaliger SS-Mann. Der Mann besaß NS-Devotionalien und Waffen, darunter einen Dolch der Hitlerjugend, den ihm sein Vater geschenkt hatte. Im ehemaligen Hitler-Bunker auf dem Obersalzberg machte er Schießübungen. Bei seiner Festnahme nach dem Madonnen-Diebstahl hatte der Einbrecher zwei Pistolen und eine geladene Maschinenpistole dabei.

Der Brandanschlag forderte sieben Todesopfer, die in Zinksärgen abtransportiert wurden.Der Brandanschlag forderte sieben Todesopfer, die in Zinksärgen abtransportiert wurden. (Foto: Gerhard Rauchwetter/picture alliance)

Dem Anschlag auf das jüdische Altenheim soll ein Einbruchsversuch vorausgegangen sein. Laut Spiegel soll ein Juweliergeschäft am Münchner Gärtnerplatz das Ziel des Tatverdächtigen und seiner Kumpane gewesen sein. So berichtete es offenbar eine Zeugin, die sich vor einem Jahr bei den Ermittlern meldete. Ein Verwandter der Frau habe im Familienkreis davon erzählt, dass sein Komplize nach dem fehlgeschlagenen Einbruch immer wütender geworden sei – und begonnen habe, über Juden herzuziehen. „Schließlich habe er in Richtung des nahe gelegenen Altenheims gedeutet und sinngemäß gesagt: Jetzt werde er sie anzünden“, so das Nachrichtenmagazin.

Schon Mitte der Siebzigerjahre – der Einbrecher verbüßte damals seine sechseinhalbjährige Haftstrafe wegen des Madonnen-Diebstahls – soll der Tatverdächtige den Brandanschlag gestanden haben. Das berichtete ein Mithäftling, mit dem er sich die Zelle teilte. Warum dem Hinweis keine Ermittlungen folgten, ist unklar.

Nach dem Anschlag auf das jüdische Altenheim hatte sich der Verdacht zunächst gegen palästinensische Gruppen gerichtet, aber auch eine Tat von Neonazis schien nicht ausgeschlossen. Später gerieten zunehmend Linksextremisten als mögliche Attentäter in den Fokus. Spätere Ermittlungen wurden dadurch erschwert, dass Beweismittel nicht mehr auffindbar waren.

Als 2013 neue Hinweise auf angebliche Täter auftauchten, nahm die Bundesanwaltschaft weitere Ermittlungen auf, die jedoch vier Jahre später ergebnislos eingestellt wurden. 2020 gab es in München zum 50. Jahrestag des Anschlags eine Gedenkfeier. 2025 schließlich nahm der Antisemitismusbeauftragte der bayerischen Justiz bei der Generalstaatsanwaltschaft München, Oberstaatsanwalt Andreas Franck, die Ermittlungen auf. Geprüft wird dabei unter anderem, ob es Mitwisser oder sogar Mittäter gegeben haben könnte.

In keiner anderen deutschen Stadt sind nach 1945 so viele Menschen von rechten Gewalttätern ermordet worden wie in München: Neonazis und Rassisten töteten insgesamt 31 Menschen – in der Reichenbachstraße, auf dem Oktoberfest (1980), in einer Diskothek in der Schillerstraße (1984), während der NSU-Terrorserie (2001 und 2005) und am Olympia-Einkaufszentrum (2016). Im Jahr 2003 planten Münchner Neonazis einen Bombenanschlag auf die Grundsteinlegung des neuen jüdischen Gemeindezentrums.