MDR KULTUR: Wir begegnen uns vor der großen Premiere von „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart am Opernhaus in Chemnitz. Wie erzählen Sie von dieser schillernden Figur? 

Dennis Krauß: Bei uns geht es in die Komödie, also „Don Giovanni“ ist ein Dramma giocoso. Das spielt im erzkatholischen Sevilla im 16. Jahrhundert. Es ist eine absolut geordnete, präzise getaktete Gesellschaft und es gibt einen Querschläger in dieser Gesellschaft: Don Giovanni, der sich Freiheiten erlaubt, der dieses ganze System durcheinanderbringt.

Don Giovanni wird dieses Planetensystem ordentlich durchmischen.

Dennis Krauß, Regisseur

Am Anfang sind die Stände fein säuberlich getrennt. Da gibt es die Bauernschicht, es gibt die Oberen, wie das Oberschichtspaar Donna Anna und Don Ottavio. Am Ende singen Bäuerinnen und Bauern zusammen mit der Oberschicht das Schluss-Sextett.

Don Giovanni hat alle zusammengeführt, die am Anfang gar nichts miteinander zu tun hatten – das ist so ein bisschen der Ausgangspunkt meiner Inszenierung. Es wird rund geschwungene Treppen geben, konzentrische Kreise, eigentlich wie so ein Planetensystem der Stände. Don Giovanni wird dieses Planetensystem ordentlich durchmischen, ohne dass die Figuren das am Ende so ganz gemerkt haben.

Wenn man sich Ihren Instagram-Account anschaut, dann sieht man, dass es eine gewisse Ästhetik auf der Bühne gibt, die sich durch viele Ihrer Stücke zieht. Da ist immer diese Klarheit der Farben, viel Rot und Blau. Es sind immer Räume auf der Bühne, aber offene Räume, manchmal nur Flächen, verschiedene Ebenen. Trifft es das, oder wie würden Sie es selbst umreißen? 

Absolut, Sie sagen es, wie das Ganze aussieht. Theater ist ja etwas, was in der Fantasie entsteht. Wir wissen alle: Was auf der Bühne stattfindet, ist nicht die wirkliche Welt, sondern nur in meiner Fantasie kann sich der Moment einstellen, dass eine Geschichte entsteht.

Theater ist nur Möglichkeit, das ist nicht die Wirklichkeit. Damit gehe ich brutal ehrlich in meinen Arbeiten um. Man sieht die Bühnenmaschinerie, wie sie sich bewegt, man sieht, dass alles Kulisse ist, dass es nichts gibt, was eins zu eins auf die wirkliche Welt verweist. 

Da drin sind die Darsteller oftmals – wenn man es negativ formulieren würde – sehr allein gelassen. Aber auch im Positiven: Die ganze Verantwortung, was das für ein Abend wird, was ich für Figuren erlebe, wo sich was herstellt, kommt durch die Darsteller. Die Farbflächen bedeuten nie etwas ganz Konkretes. Aber für die Darsteller bedeuten sie etwas Konkretes.

Theater ist etwas, was in der Fantasie entsteht.

Dennis Krauß, Regisseur

Also beispielsweise: Bei „Don Giovanni“ gibt es eine berühmte Stelle, „Là ci darem la mano“, der Übeltäter. Das Schloss, in das Don Giovanni da Zerlina ziehen möchte zum Heiraten zeigen wir nicht. Aber durch das Spiel und durch die Gestik von Don Giovanni und Zerlina – die staunt auf der Bühne – entsteht natürlich eine gewisse Fantasie. 

Diese Fantasie muss bei den Darstellern unglaublich groß sein, präzise ausgeführt werden. Sie müssen sich geeinigt haben, wie diese Fantasie ist, damit das zusammen funktioniert. Im besten Fall entsteht bei mir als Zuschauer oder Zuschauerin auch eine Fantasie. Ich glaube, das gibt die Möglichkeit, diese Fantasie mit ganz viel eigenem Leben und eigener Erfahrung zu füllen.