Herr Müller, die Fanhilfe Hertha BSC hat Berlins Innensenatorin Iris Spranger zu einem persönlichen Gespräch eingeladen, um über die Ereignisse beim Spiel zwischen Hertha und dem FC Schalke 04 zu reden. Hat sie darauf auch persönlich reagiert – oder Ihnen nur über die Medien abgesagt?
Eine persönliche Absage der Innensenatorin haben wir bislang nicht erhalten. Wir haben einzig und allein den Beitrag im RBB gesehen, in dem sie uns in die Kamera den Dialog versagt hat. Das finden wir natürlich sehr schade, zumal es nicht das erste Mal ist, dass sie sich unserem Gesprächsangebot verweigert.

Inwiefern?
Wir haben Iris Spranger schon im Vorfeld der Innenministerkonferenz Ende des vergangenen Jahres zu einem Dialog eingeladen. Damals hat sie zweimal trotz vereinbarter Termine abgesagt. Wir finden das sehr verwunderlich, weil uns Fans über Jahre hinweg immer gesagt wurde, wir sollten doch mit allen reden. Jetzt möchten Fans reden, und die Innensenatorin hat nichts Besseres zu tun, als vor laufenden Kameras diesem Dialog eine Absage zu erteilen.

Frau Spranger glaubt anscheinend nicht an Dialog, sondern einzig daran, allein mit der Polizei zu einer Verbesserung der Situation im und am Olympiastadion zu kommen. Das finden wir sehr bedenklich.

Zur Person

Fritz Müller ist Sprecher der Fanhilfe Hertha BSC, einer Rechtshilfeorganisation für Anhänger des Berliner Fußball-Zweitligisten. Die Fanhilfe unterstützt Fans bei Problemen rund um den Stadionbesuch. Sie bietet rechtliche Beratung, vermittelt Anwälte bei Stadionverboten oder Strafverfahren, deeskaliert an Spieltagen und dokumentiert polizeiliche Maßnahmen. 

In dem von Ihnen angesprochenen Beitrag des RBB hat Iris Spranger gesagt, dass der Dialog mit den Fans Sache des Vereins Hertha BSC sei.
Mit dem Verein stehen wir im dauerhaften Austausch, und das nicht nur wegen der Ereignisse vor dem Schalke-Spiel. Aber auch Hertha BSC ist in den vergangenen Monaten sowohl bei der Polizei als auch bei der Innensenatorin auf taube Ohren gestoßen.

Deswegen hätten wir es für gut befunden, uns auch direkt mit Iris Spranger über die Fanperspektive auszutauschen. Dass dieses Angebot von ihr ausgeschlagen wird, zeigt unserer Meinung nach vielleicht auch, dass sie nicht an einer umfassenden Aufklärung der Geschehnisse interessiert ist.

Fühlen Sie sich denn im konkreten Fall von Hertha BSC ausreichend eingebunden und mitgenommen?
Wir sind generell mit Hertha im Austausch. Es gibt eine gute Basis, und wir sind zuversichtlich, dass dieser Austausch in der bisherigen Form fortgeführt wird. Wir haben jedenfalls keine Anzeichen dafür, dass sich das aktuell ändert.

Auch zu diesem ganz konkreten Fall laufen die Gespräche mit dem Verein. Sie laufen vertraulich. Aber was ich sagen kann: Aus der gemeinsamen Stellungnahme der Geschäftsführung und des Präsidiums zu den Vorfällen beim Spiel gegen Schalke haben wir den Eindruck gewonnen, dass die Kommunikation mit der Polizei in den vergangenen Monaten auch bei Hertha BSC sehr kritisch gesehen wird und dass auch die Vereinsführung das Vorgehen der Polizei nicht nachvollziehen kann.

Bei dem Spitzengespräch zwischen Verein, Politik und Polizei, das Spranger initiiert hatte, waren in der vergangenen Woche keine Fanvertreter zugegen. Sind Sie über konkrete Ergebnisse informiert worden, die über das hinausgehen, was die Beteiligten im Anschluss kommuniziert haben?
Da auch in diesem Fall eine Vertrauensbasis mit dem Verein besteht, können wir dazu nicht ins Detail gehen. Fakt ist aber, dass Iris Spranger im Nachgang dieses Gesprächs sehr einseitig davon gesprochen hat, dass sie keine Gewalt gegen Einsatzkräfte im Stadion dulde.

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Personen sind vor dem Spiel Hertha gegen Schalke nach Polizeiangaben verletzt worden. Die Fanhilfe geht davon aus, dass die Zahl deutlich höher ist.

Wir hätten auch ein deutliches Zeichen von ihr erwartet, dass sie Gewalt gegen Fans im Stadion ebenfalls nicht duldet. Denn Gewalt gegen Fans schadet nicht nur dem Sportereignis, nämlich dem Heimspiel von Hertha BSC, es schadet auch dem Ansehen der Sportmetropole Berlin. Für eine neuerliche Olympiabewerbung ist es nicht zielführend, wenn das Olympiastadion zu einem Veranstaltungsort wird, in dem Leute Angst haben müssen, von der Polizei angegriffen zu werden.

Ganz konkret gefragt: Haben Sie von Hertha irgendwelche Hinweise darauf erhalten, worauf man sich mit der Polizei für das Heimspiel an diesem Sonntag gegen Darmstadt 98 verständigt hat?
Bislang haben wir noch keine konkreten Informationen darüber, ob die Polizei von ihrer Eskalationsstrategie der letzten Monate abweichen wird. Alle Äußerungen, die wir dazu gehört haben in den letzten Tagen, weisen eher nicht darauf hin. Die Einsatzleitung für das Olympiastadion ist nach unseren Informationen weiterhin dieselbe.

Dazu hat sich die Polizeipräsidentin am Montag vor dem Innenausschuss im Abgeordnetenhaus und vor laufenden Kameras in weitere Widersprüche verstrickt. Im Polizeiapparat ist aktuell nicht erkennbar, dass der Polizeieinsatz sowohl vor dem Spiel gegen Schalke als auch nach dem Spiel, nämlich am Krankenhaus im Westend, irgendwie kritisch aufgearbeitet wird. Deswegen schauen wir mit mulmigen Gefühlen auf den kommenden Sonntag. Und auf das, was die Polizei dort vollziehen wird.

Ganz normale Fans haben Bauchschmerzen, ins Olympiastadion zu gehen – aus Sorge vor neuerlicher Polizeigewalt.

Fritz Müller, Sprecher der Fanhilfe Hertha BSC

Aber die Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel hat nach der Sitzung des Innenausschusses gesagt, dass alle gemeinsam weiter dringend an der Deeskalation arbeiten müssten.
Das wäre natürlich zu wünschen. Leider fehlt uns da ein Stück weit der Glaube.

Warum?
Weil es die Polizei nicht schafft, den eigenen Gewaltexzess, den sie da vor dem Spiel gegen Schalke 04 vollzogen hat, einzuräumen und aufzuklären. Nach unseren bisherigen Erfahrungen rechnen wir damit auch nicht mehr. Dabei wäre eine öffentliche Entschuldigung nicht nur sachlich, sondern auch menschlich angemessen.

Die Polizei hingegen bringt gefühlt tagtäglich neue Erklärungsversuche in die Öffentlichkeit, warum dieser Einsatz aus ihrer Sicht notwendig war. Wenn man sich diese Erklärungsversuche aber im Detail anschaut, fallen sie nach kurzer Zeit wie ein Kartenhaus in sich zusammen und entbehren jeder Grundlage. Die Pressestelle der Berliner Polizei, aber auch die Polizeibehörde an sich fühlt sich in der Angelegenheit offenbar nicht an Wahrheit und Recht gebunden.

ARCHIV - 20.03.2025, Berlin: Iris Spranger (l, SPD), Berliner Senatorin für Inneres und Sport, und Barbara Slowik Meisel, Berliner Polizeipräsidentin. (Archiv) (zu dpa: «Polizei: Zu viele Bewerber mit schlechten Deutschkenntnissen») Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Innensenatorin Iris Spranger (links) und Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel werden von der Fanhilfe massiv kritisiert.

© dpa/Bernd von Jutrczenka

Wie begründen Sie einen solchen Vorwurf?
Beispielsweise damit, dass der Polizeieinsatz am DRK-Krankenhaus Westend nach dem Spiel weiterhin verschwiegen wird. Oder dass weiterhin Dinge als Gründe für den Einsatz herangezogen werden, die nicht nachvollziehbar sind.

Die Polizeipräsidentin hat am Montag im Abgeordnetenhaus plötzlich den Grund aus der Tasche gezogen, dass der einzige Fluchtweg für angeblich 15.000 Menschen habe freigekämpft werden müssen. Mehrere Gründe sprechen eindeutig gegen diese Darstellung.

Und zwar?
Der untere Teil der Ostkurve hat etwas mehr als 7000 Plätze, zu diesem Zeitpunkt aber waren maximal 3000 Personen in der Kurve anwesend. Zudem gibt es zwei weitere Eingänge. Deswegen kann nicht davon gesprochen werden, dass dies der einzige Fluchtweg ist.

Weitere Dinge, die in den vergangenen Tagen von der Polizei präsentiert worden sind, haben das gleiche Muster und sind nicht nachzuvollziehen. Wir erwarten, dass das abgestellt wird und dass die Polizei ihre eigenen Fehler klar benennt und diesen Einsatz auch entsprechend öffentlich einordnet.

Die Fans haben sich an die Sicherheitsabsprachen gehalten. Die einzige Partei, die das nicht getan hat, war die Polizei.

Fritz Müller, Sprecher der Fanhilfe Hertha BSC

In Ihrem Schreiben an Iris Spranger haben Sie nicht nur gefordert, dass die Polizei ihre falschen Aussagen richtigstellen müsse. Sie verlangen auch, dass die Einsatzleitung der Polizei von ihren Aufgaben entbunden werde. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass das passieren wird?
Diese Einsatzleitung hat in den letzten sechs Monaten zu einer Eskalation im und um das Olympiastadion beigetragen. Die Polizei hat es darauf angelegt, dass es zu genau so einem Gewaltexzess kommt, wie er jetzt gegen Schalke 04 stattgefunden hat. Und das betrifft nicht bloß die Heimfans, sondern auch die Gästefans.

Wenn man sich umschaut in Foren und in Kommentarspalten, dann muss man feststellen: Die Leute haben Angst vor den kommenden Spielen. Ganz normale Fans haben Bauchschmerzen, ins Olympiastadion zu gehen, aus Sorge vor neuerlicher Polizeigewalt – weil sie das beim Spiel gegen Schalke mit eigenen Augen gesehen haben oder durch Pfefferspray sogar selbst verletzt worden sind.

Wer so eine Situation herbeiführt, macht seinen Job nicht richtig und ist an seiner Position falsch. Deswegen fordern wir das im Sinne aller Fans, damit es wieder zu einem normalen Stadionerlebnis im und um das Olympiastadion kommen kann und kein Fan Angst haben muss vor der Polizei.

ARCHIV - 17.01.2026, Berlin: Fußball: 2. Bundesliga, Hertha BSC - FC Schalke 04, 18. Spieltag, Olympiastadion. Einige Fans von Hertha BSC verlassen das Stadion. (zu dpa: «Hertha, Polizei und Politik suchen weiter nach Lösungen») Foto: Andreas Gora/dpa - WICHTIGER HINWEIS: Gemäß den Vorgaben der DFL Deutsche Fußball Liga bzw. des DFB Deutscher Fußball-Bund ist es untersagt, in dem Stadion und/oder vom Spiel angefertigte Fotoaufnahmen in Form von Sequenzbildern und/oder videoähnlichen Fotostrecken zu verwerten bzw. verwerten zu lassen. +++ dpa-Bildfunk +++ Aus Protest gegen den Polizeieinsatz verließen die Ultras von Hertha BSC beim Spiel gegen Schalke 04 nach gut einer Viertelstunde ihre Plätze in der Ostkurve.

© dpa/Andreas Gora

Iris Spranger hat immerhin gesagt, dass die Polizei viel aufarbeiten müsse. Ist das nicht schon mehr, als Sie erwartet hätten oder sich erhoffen konnten?
Sicherlich sind das interessante Worte. Gleichwohl fehlt uns nach dem, was wir sehen und hören, der Glaube daran, dass das wirklich passiert. Unsere Aufgabe ist es, weiterhin den Finger in die Wunde zu legen und darauf hinzuweisen, dass dieser Polizeieinsatz völlig aus dem Ruder gelaufen ist, völlig unverhältnismäßig und auch überhaupt nicht notwendig war.

Fans haben sich an Absprachen mit dem Verein gehalten. Das ist im Übrigen langjährige Praxis, die auch der Polizei bekannt ist und die sie über Jahre hinweg auch so akzeptiert hat. Die einzige Partei, die sich an dem Tag nicht an Sicherheitsabsprachen gehalten hat, war die Polizei.

Darauf hinzuweisen ist unsere Aufgabe. Wir würden selbstverständlich sehr gerne sehen, dass es eine allumfassende Aufarbeitung gibt, auch bei der Polizei. Wie gesagt, aktuell fehlt uns der Glaube.

Mitten in die Aufarbeitung der Vorfälle im Olympiastadion gab es am Wochenende die Vorfälle beim Zweitligaspiel zwischen dem 1. FC Magdeburg und Dynamo Dresden. Polizeiangaben zufolge sind 64 Einsatzkräfte verletzt worden. Das stärkt Ihre Position nicht unbedingt.
Die beiden Vorkommnisse haben erst mal nichts miteinander zu tun, abgesehen von dem Fakt, dass beide Sachverhalte in deutschen Stadien stattfanden. Um die Ereignisse in Magdeburg bewerten zu können, fehlt mir die Detailkenntnis über einzelne Abläufe im Heinz-Krügel-Stadion sowie Details darüber, was dort warum wie geschehen ist.

Es gibt schlicht keinen sachlichen Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen. Das eine hier in Berlin war ein eindeutig fehlgelaufener Polizeieinsatz. Das, was in Magdeburg passiert ist, wird am besten von den örtlichen Stellen dort aufzuklären sein.

Aber mal ehrlich: Haben Sie nicht gedacht, dass sich durch solche Ereignisse natürlich wieder all jene bestätigt fühlen, die Fußballfans sowieso für gemeingefährliche Schläger halten?
Dazu braucht es diese Ereignisse nicht – weil es genügend Personen gibt, die so etwas immer wieder auch in die Öffentlichkeit hinausposaunen. Entgegen der Zahlen und Statistiken, die eindeutig belegen, wie sicher deutsche Stadien sind. Im Rahmen der Innenministerkonferenz wurde ja suggeriert, dass es einen Dialog gebe und dass man abrüsten werde.

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Das Gegenteil ist der Fall. Den Dialog zwischen Politik und Fans gibt es bisher nicht, weil die Politik dazu nicht einlädt. Und wir sehen aktuell auch nicht, dass es zu einer Abrüstung seitens der Politik kommt, trotz warmer Worte.

Deswegen sind aus unserer Sicht solche Ereignisse wie in Magdeburg auch nur wieder vorgeschobene Gründe, um den ohnehin verfolgten Weg unbehelligt fortsetzen zu können. Bei Verstößen von Polizeibeamten spricht man regelmäßig von Einzelfällen. Bei Fußballfans, die für die einzigartige Atmosphäre des deutschen Fußballs und volle Stadien verantwortlich sind, werden immer wieder Grundsatzdebatten eröffnet.