Dresden. Dresdens aktuell wohl größtes Bauprojekt sitzt Annett Tschacher buchstäblich im Nacken. In dem Regal hinter ihrem Schreibtisch reihen sich fast zwei Dutzend Aktenordner aneinander, prall gefüllt mit frühen Entwürfen für die Nossener Brücke und die Straßenbahnstrecke zwischen Löbtau und Südvorstadt. Seit vielen Jahren beschäftigt das Vorhaben die Ingenieure der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) – und es ist derzeit nicht das einzige Mammutprojekt.
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Voraussichtlich im Juni werden der Neubau der Nossener Brücke und des westlichen Astes der Campuslinie starten. Die in den vergangenen Monaten und Jahren immer weiter verfeinerten Planungen würden ausgedruckt in Annett Tschachers Regal wohl gar keinen Platz mehr haben. Die sind inzwischen derart umfangreich, dass sich die Beteiligten dazu entschlossen haben, erstmals aufs Ausdrucken zu verzichten. Zeichnungen, Berechnungen, Gutachten – das gibt es bei der Nossener Brücke alles nur digital.
Meterbreiter Monitor statt Reißbrett
„Wir wollen künftig nur noch digital arbeiten“, sagt Annett Tschacher. 1997 hat die Bauingenieurin bei den Verkehrsbetrieben angefangen und ist dort heute Chefbauplanerin. Schon lange stehen sie und die etwa 40 Mitarbeiter ihrer Abteilung nicht mehr mit Bleistift oder Tusche am Reißbrett, das meiste wird am Computer erledigt. Auf dem Schreibtisch von Annett Tschacher steht ein meterbreiter Monitor, groß genug, um einen Plan auch mal bequem in Gänze betrachten zu können.
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Neue Strecken, Sanierungen, Instandhaltungen – egal was die DVB bauen, die Vorhaben landen früher oder später bei Annett Tschacher und ihren Kollegen. Aktuell beschäftigen sich die Fachleute mit fast 40 laufenden Projekten. Die Lübecker Straße, wo die Arbeiten demnächst zu Ende gehen, Nossener Brücke und Königsbrücker Straße, wo der Baustart dieses Jahr ansteht, oder die Carolabrücke, für die es noch nicht einmal Entwürfe gibt, zählen dazu. Und viele notwendige, kleinere und größere Gleisbaustellen, wie etwa der Schillerplatz, wo demnächst verschlissene Schienen ausgewechselt werden müssen.
Ständiger Austausch mit der Stadt
„Es gibt Tage, da weiß ich abends selbst nicht mehr, was ich gemacht habe“, sagt Annett Tschacher und meint damit vor allem die vielen kleinen Handgriffe und Absprachen, die zig Details, die an jedem Projekt hängen. Zumal die Verkehrsbetriebe nicht im freien Raum agieren. Bei fast jeder Baustelle ist das Straßen- und Tiefbauamt mit von der Partie. Oder oft auch Sachsen Energie, deren Leitungen überall im Erdreich liegen. Ein Miteinander, das ohne ständigen Austausch nicht funktionieren würde.
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Hintereinanderweg kann die Ingenieurin aufzählen, was sie und die Mitarbeiter tagtäglich beschäftigt: für die Planungen wichtige Fragen wie Lärmschutz oder Grundstücksverhältnisse, die stetige Berechnung von Kosten, Ausschreibungen erstellen und festhalten, wer wo und wann auf der Baustelle welchen Handgriff erledigt. Oder sei es einfach nur die Absprache mit den Behörden, um nachts bauen zu dürfen: „Da ist der Baulärm immer Thema“, sagt Annett Tschacher.
Planen bis zu den Ästen der Bäume
Wie tief die Fachleute ins Detail gehen müssen, zeigt sich an der Campuslinie. Aktuell werden an der Nürnberger Straße erst einmal Bäume gefällt, ein Teil davon wollen Stadt und DVB später durch eine Allee rings um die Gleise kompensieren. Doch einfach Bäume pflanzen und gut ist – mitnichten. Schon die Auswahl der Baumarten war ein längerer Prozess, erinnert sich Annett Tschacher. Sogar die richtige Anwuchspflege und das regelmäßige Ausschneiden beschäftigt die Planer. Schließlich dürfen den Bahnen keine Äste in die Quere kommen.
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Nicht alles erledigen die Bauplaner der DVB selbst. Bei komplexen Vorhaben wie der Nossener Brücke oder der Königsbrücker, bei denen nicht nur Gleise verlegt und Oberleitungen gespannt werden müssen, kümmern sich um viele Aspekte große Planungsbüros – natürlich in enger Absprache mit den DVB, der Stadt und anderen beteiligten Akteuren. Wenn möglich, setzt Annett Tschacher aber auf ihr Team. Das spart einerseits Zeit, weil externe Planer oft erst mit den speziellen Gegebenheiten der DVB vertraut gemacht werden müssen, vor allem aber auch Geld.
Arbeit für uns gibt es immer.
Annett Tschacher
Chefbauplanerin der DVB
Weil sich Regeln fürs Bauen ständig ändern, müssen die Ingenieure auch mal nachbessern. Vor allem bei Projekten, die aus verschiedenen Gründen länger liegen, Stichwort Königsbrücker Straße. Bisweilen sind es aber auch unvorhersehbare Ereignisse, die Planungen in Teilen obsolet machen können – wie der Einsturz der Carolabrücke.
Derzeit sind die DVB-Ingenieure dabei, für den Wiederaufbau grundlegende Daten zu übermitteln: Wie viel Platz braucht die Straßenbahn, welche Traglasten müssen eingehalten werden. Viel konkreter waren indes schon die Pläne für die Sanierung der Haltestelle an der Synagoge. Doch weil noch keiner weiß, wie die benachbarte Carolabrücke im Detail aussehen wird, sind die nun nicht mehr aktuell. „Wir werden später schauen, ob und was wir davon noch adaptieren können“, sagt Annett Tschacher.
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Doch auch ohne Katastrophen wie der Einsturz der Carolabrücke bleibt für die Chefbauplanerin und ihre Abteilung genug zu tun. Der zweigleisige Ausbau der Strecke in Klotzsche, die Pläne für die mögliche Verlängerung der Linie 8 im Dresdner Norden oder die Campuslinie zum Wasaplatz füllen ebenfalls schon mehrere Akten. Und: Kein Gleis hält ewig. „Arbeit für uns gibt es immer.“
DNN