Viele Schulen tragen Namen berühmter Persönlichkeiten, doch meistens können die Schülerinnen und Schüler damit wenig anfangen. Was hat man schon mit dem X oder der Y aus einem vergangenen Jahrhundert zu schaffen?
An der „Freien Grundschule Clara Schumann Leipzig“ ist das anders. „Unsere Schülerinnen und Schüler leben mit Clara und Robert Schumann, sie wissen viel über sie und übernachten bei besonderen Schulveranstaltungen sogar in ihren Räumen!“, erzählt Schulleiterin Sibylle Nowak.
Denn die Grundschule mit musikalisch-künstlerischem Schwerpunkt hat ihren Sitz im „Schumann-Haus“, dem Gebäude, in dem die berühmte Pianistin und der Komponist zwischen 1840 und 1844 ihre ersten Ehejahre verbrachten.
Clara Schumann in einer Projektion des Museums.
© Dorothee Nolte
Das klassizistische Schmuckstück im Graphischen Viertel Leipzigs, kurz vor dem Einzug der Schumanns errichtet, beherbergt eine Museumsetage, in der das Leben und Werk des Künstlerpaars beleuchtet wird, und eben die Schule: eine, wie Sibylle Nowak findet, „einzigartige Symbiose“.
Max, Simon und Eloise finden das auch. Die drei Kinder begrüßen die Besucher am Eingang des Museums in einem Video und schwärmen: „So etwas gibt es sonst nirgends!“
Da geht’s lang zum Museum: Video im Hauseingang.
© Dorothee Nolte
In der Tat ist die Geschichte dieser Schule höchst ungewöhnlich. Denn die Clara-Schumann-Grundschule ist gleichzeitig die Keimzelle des Bildungscampus der Rahn Education, einer gemeinnützigen Schulgesellschaft mit 40 Bildungseinrichtungen im In- und Ausland.
40 Standorte: die Rahn Education
Die Rahn Education ist eine gemeinnützige Schulgesellschaft mit 40 Standorten im In- und Ausland. Zentraler Standort ist der Campus Graphisches Viertel in Leipzig mit mit zwei Kitas, der Clara-Schumann-Grundschule, einem musikalisch-sportlichen Gymnasium, einer Oberschule und einer Fachoberschule.
Zum Portfolio zählen außerdem unter anderem die Freie Oberschule, Grundschule und Fachoberschule in Fürstenwalde und das Freie Gymnasium und Internate im Kloster Neuzelle (beides Brandenburg). Neu: das Freie Gymnasium Weinböhla bei Dresden, mit astronomischem Schwerpunkt.
Im Ausland gehören etwa die Scuola Svizzera Rahn Education in Mailand und eine Schule im polnischen Zielona Góra dazu, aber auch die Deutsche Hotelschule sowie die Schweizer Schule Rahn Education in El-Gouna, Ägypten, und die Rahn Schulen Kairo.
Im vergangenen Jahr feierte die Rahn Education ihr 35-jähriges Jubiläum. Und fast alles begann mit Clara Schumann.
Das kam so: Gotthard Dittrich, Unternehmer aus Nienburg an der Weser, hatte nach der Wende verschiedene Umschulungs- und Weiterbildungsinstitute in den damals „neuen“ Bundesländern gegründet.
Im Erdgeschoss stand das Laub knietief. Aber ich verliebte mich sofort in das Haus.
Gotthard Dittrich, Gründer Rahn Education
Mitte der 1990er-Jahre wollte er sein Unternehmen von Leipzig aus neu ausrichten: weg von Umschulungsangeboten, hin zu allgemeinbildenden Schulen in freier Trägerschaft. Aber es fehlte noch ein Standort und ein Konzept.
Das Schumann-Haus im Graphischen Viertel Leipzigs.
© Tim Hard Media
„Jemand erzählte mir, dass ein Haus zum Verkauf stünde, in dem die Schumanns gelebt hätten“, erinnert sich der mittlerweile 72-jährige Gründer. „Ich ging hin und sah ein verfallendes Gebäude, das Laub stand knietief im Erdgeschoss. Aber ich habe mich sofort in das Haus verliebt.“
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Kurzentschlossen kaufte Dittrich das Bauwerk und ließ es sanieren, um dort eine Schule mit musikalisch-künstlerischem Schwerpunkt einzurichten – denn das sollte das Alleinstellungsmerkmal seiner Schulen sein. „Das Konzept dazu hatten Professoren der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy auf meine Bitte hin entwickelt, auch der Intendant der Oper Udo Zimmermann unterstützte uns als Schirmherr.“
Im Musiksalon der Schumanns waren illustre Künstler zu Gast.
© Dorothee Nolte
Gemeinsam mit dem Schumann-Verein Leipzig entstand auf einer Etage des Hauses das Schumann-Museum, in dessen Musiksalon regelmäßig Konzerte stattfinden – eben dort, wo seinerzeit Künstler wie Felix Mendelssohn Bartholdy, Franz Liszt und Hector Berlioz zu Gast waren.
Der Name „Clara Schumann“ für die neue Schule lag dann nahe. „Clara Schumann hat mich schon immer beeindruckt, als Pianistin, Komponistin, Unternehmerin, Mutter“, sagt Dittrich, der selbst aus einem Arbeiterhaushalt stammt und als Kind kein Instrument lernen konnte. „Manchmal beneide ich die Schülerinnen und Schüler darum, welche Möglichkeiten sie hier haben.“
Musizieren fördert Durchhaltekraft und Kreativität.
© Tim Hard Media
Und die sind zahlreich: Alle Kinder – pro Jahr gibt es 100 Schulplätze – besuchen neben dem normalen Fächerkanon künstlerische Unterrichtsfächer, etwa Chor, Tanz oder Sprechen und Darstellen; es gibt eine Streicherklasse und eine bilinguale deutsch-englische Klasse, die Ganztagsschule bietet dutzende Arbeitsgemeinschaften an.
„Bei uns ist die künstlerische Arbeit gleichwertig mit anderen Fächern“, erzählt Schulleiterin Sibylle Nowak. „Unsere Musik-, Tanz- und Kunstpädagogen sind fest angestellt und rücken andere Talente in den Mittelpunkt als in den herkömmlichen Fächern: Kreative und soziale Fähigkeiten werden auf diese Weise viel besser gefördert.“
Sibylle Nowak, Schulleiterin Clara-Schumann-Grundschule.
© Rahn Education
Für die Entwicklung der Persönlichkeit und die psychische Gesundheit sei das ein großer Gewinn: „Die Kinder trainieren, wenn sie ein Instrument lernen, ihre Durchhaltefähigkeit, die Bereitschaft, sich anzustrengen, was heutzutage durch die sozialen Medien und Computerspiele oft verloren geht. Im Orchester lernen sie, sich auf andere einzustellen, zuzuhören, sich in die Gemeinschaft einzubringen: All das ist gerade heute unverzichtbar!“
Der monatliche Beitrag der Eltern für die Ganztagsschule liege durchschnittlich bei rund 350 Euro, sagt Sibylle Nowak, wobei der genaue Betrag davon abhängt, wie viele Zusatzangebote gebucht werden oder ob es sich um Geschwisterkinder handelt.
Der Bildungscampus Graphisches Viertel auf einer Brandwand.
© Dorothee Nolte
Schräg gegenüber der Clara-Schumann-Grundschule zeigt eine bunt bemalte Brandwand den gesamten Campus: Das „Graphische Viertel“ war früher Heimstatt von Verlagen und Druckereien, heute besuchen 1900 Kinder, Jugendliche und Erwachsene den Bildungscampus mit seinen Einrichtungen von Kitas bis zur Fachoberschule.
Auf dem Campus gibt es auch eine Musik- und Kunstschule unter dem Namen Clara Schumanns, die offene Kurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene anbietet – wie auch an anderen Standorten der Rahn Education, in Altenburg, Weinböhla, Fürstenwalde und Neuzelle. „Für uns ist der musikalische Schwerpunkt überall wichtig“, sagt Gotthard Dittrich. Ganz im Sinne von Clara Schumann, die eine begnadete Klavierpädagogin war.
Die in Leipzig geborene Künstlerin unternahm weite Konzertreisen, organisierte ihre eigenen Auftritte, um die Bildung ihrer acht Kinder zu finanzieren, wurde für ihr Spiel auf vielen europäischen Bühnen bejubelt – und fand nebenbei noch Zeit zu unterrichten.
Ungewöhnlich: eine „Dame“, die komponiert
Und zu komponieren: damals für eine Frau sehr ungewöhnlich. Ein zeitgenössischer Kritiker lobte ihr Klavierkonzert a-Moll als „sehr vorzüglich“ und fand besonders bemerkenswert: Man merke dem Werk gar nicht an, dass es „von einer Dame geschrieben“ sei!
Gotthard Dittrich kann auf ein beeindruckendes Lebenswerk zurückblicken, für das er im vergangenen Jahr mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wurde. Sorgen bereitet ihm jedoch die politische Lage in Deutschland, aktuell besonders die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt: dass die AfD an die Regierung kommen und die Bildungspolitik umkrempeln könnte.
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Auch in Sachsen-Anhalt gibt es Standorte der Rahn Education, etwa die Kindertagesstätte und Freie Grundschule Friedemann Bach und das Berufsbildungszentrum Halle, ein Freies Gymnasium in Gröningen oder das Haus der Integration in Oschersleben, das unter anderem Integrationskurse anbietet.
„Wenn uns zum Beispiel verboten werden sollte, die Regenbogenflagge zu hissen, oder wir genötigt werden, Dinge zu unterrichten, hinter denen wir nicht stehen: Dann wären das nicht mehr meine Schulen“, sagt Dittrich. „Ich würde dann sogar eine Schließung erwägen.“