Aus einem alten, grauen Holzschrank rollen Köpfe. Ein Hahnenkopf, ein Hasenkopf, ein Großmutterkopf, ein Gartenzwergkopf, ein Katzenkopf, ein Mäusekopf, Köpfe über Köpfe. 25 Euro kostet einer von ihnen, 100 Euro kostet der Schrank. Das verrät ein Zettel, der an der Innenseite der Tür klebt. Der Schrank ist einer von vielen Schränken, grün und grau lackiert, die im Bockenheimer Depot darauf warten, leer gekauft zu werden, vielleicht sogar selbst einen neuen Besitzer zu finden. Früher dienten sie Schauspiel und Oper als Transportmittel für Kostüme. Heute sind sie Teil des großen Kostüm- und Maskenverkaufs der Städtischen Bühnen Frankfurt.

Viele Theater nehmen die fünfte Jahreszeit zum Anlass, ihren Fundus auszusortieren. Auch in Mainz ist am Samstag ein Kostümverkauf geplant, in Wiesbaden fand er vor einer Woche statt. Mehrere Stunden bevor sich die Türen des Theaterfoyers öffneten, hatte sich dort schon eine lange Schlange gebildet. Auch in Frankfurt rechnet man mit großem Andrang. „Wir machen das in dieser Form und Größenordnung zum allerersten Mal“, sagt Markus Maas, der das Kostümwesen der Städtischen Bühnen leitet. Auch in seinem Büro am Willy-Brandt-Platz steht ein grüner Holzschrank. Verkauft werden außer Kostümen auch Masken, Schuhe, Hüte und Schmuck aus vergangenen Vorstellungen, außerdem Stoffe und Dekoobjekte. Mehrere Tausend Stück, schätzt Maas, eine genaue Zahl kann er nicht nennen. „Wir haben das gar nicht gezählt, weil es für uns nicht im Vordergrund steht“, sagt er. „Wir haben ein Platzproblem und müssen aussortieren.“ Raum für Neues wird gebraucht.

In jeder Spielzeit plant, fertigt und pflegt die Frankfurter Kostümabteilung die Ausstattung für mehr als 60 Produktionen der Oper und des Schauspiels. Ist eine Inszenierung abgespielt, gehen alle noch benutzbaren Teile in den großen Fundus über. Dort lagern sie, bis sie wieder gebraucht werden oder einem neuen Kostüm als Grundlage dienen. Viele der Sachen sind weiterhin vielseitig einsetzbar, klassische Anzüge aus unterschiedlichen Epochen etwa. Andere werden in den Proben als Platzhalter genutzt, um die tatsächlichen Kostüme der aktuellen Produktion zu schonen. So können sich die Schauspieler auf sie einstellen: „Ich muss eine gewisse Körperhaltung üben, damit ich mich dem Kleidungsstück entsprechend bewege“, erklärt Maas und richtet sich in seinem Stuhl auf. „Es ist ein riesiger Unterschied, ob ich Pantoffeln trage oder Springerstiefel. Das verändert meinen Gang, meine Haltung.“ Wieder andere Kostüme sind so ausgefallen, dass sie nur einmal auf die Bühne gebracht werden können.

Von Arm bis Astronaut: Im Bockenheimer Depot gibt es nichts, was es nicht gibt.Von Arm bis Astronaut: Im Bockenheimer Depot gibt es nichts, was es nicht gibt.Ben Kilb

Dieses bunte Sammelsurium haben die Fundusverwalterinnen in den vergangenen Wochen durchforstet und ausgewählt, was im Bockenheimer Depot verkauft werden soll. Gemeinsam mit Maas haben sie über jedes einzelne Objekt gesprochen und den Preis festgelegt. Astronautenkostüme aus „L’Africaine“ oder märchenhafte Ballkleider aus „La Cenerentola“ sind darunter. Aber auch alltagstaugliche Kleidungsstücke: Strickpullover, Blazer, Lederjacken, Häkelponchos. Außerdem „viele skurrile Sachen, die man sonst nirgendwo kaufen kann“, wie Maas sagt. Vermutlich sind damit Stücke wie diese gemeint: ein Hut, gespickt mit Fischen, Muscheln, Zitronen und Salatblättern. Schuhe, die aussehen wie die sandalenbekleideten Füße einer antiken Statue. Jede Menge Köpfe. In den Worten von Maas: „ein Stück Theatergeschichte, das bei manchen Menschen Erinnerungen an vergangene Vorstellungen weckt“. Manche Kostüme lagern bereits seit Jahrzehnten im Fundus.

Besonderes Handwerk und Einzelstücke

Zwei Euro kostet das günstigste Stück. Das teuerste liegt bei 210 Euro: ein pompöses Ballkleid aus rotem Brokat, getragen von der Pique Dame in der gleichnamigen Oper. Doch selbst bei den aufwendigsten Kostümen liegt der tatsächliche Wert deutlich über ihrem Verkaufspreis. „Da steckt viel Herzblut drin“, sagt Maas. „Die Arbeit, die Materialien, die vielen Unikate – das können wir preislich gar nicht abbilden.“

Er muss es wissen. Der gebürtige Saarländer hat in nahezu jeder Abteilung gearbeitet, die ein Kostüm im Lauf seiner Entstehung zu sehen bekommt: als Schneider, als Ankleider, in der Färberei, in der Schuhmacherei. Später folgten die Weiterbildung zum Gewandmeister und Erfahrungen als Kostümbildner, sogar als Bühnenbildner. Ursprünglich hatte Maas eine Karriere in der Modebranche angestrebt. „Ein Zufall“ führte ihn ans Theater, wie er erzählt. Der Zufall: Er hatte seine Ausbildung zum Herrenmaßschneider als Landesbester abgeschlossen. Der Anruf des Theaters ließ nicht lange auf sich warten. „Das war eine besondere Welt“, sagt er rückblickend. „Das hatte nichts mit dem zu tun, was wir draußen aus der Wirtschaft kennen.“

In der Schneiderei: Kostümdirektor Markus Maas ist selbst gelernter Maßschneider.In der Schneiderei: Kostümdirektor Markus Maas ist selbst gelernter Maßschneider.Ben Kilb

Seit fast fünf Jahren ist Maas als Kostümdirektor an den Städtischen Bühnen Frankfurt tätig. Die Freude an gut geschneiderter Herrenmode ist ihm noch immer anzusehen. Er trägt ein dunkelblaues Jackett mit Einstecktuch, die Hosenbeine hat er umgekrempelt. „Ich bin kein Karnevalsjeck“, sagt er von sich. „Ich habe ständig Kostüme um mich herum und eine große Begeisterung dafür, aber nicht als Mensch, der sich kostümiert, sondern eher als Geschichtenerzähler.“

Am Anfang eines jeden Kostüms steht das Werk. Um sich darauf einzustellen, spricht der Kostümbildner mit Regisseur und Choreograph, lässt Text und Musik auf sich wirken. Gemeinsam mit Regie und Bühnenbild entwickelt er ein Konzept. Dieses gilt es mit denjenigen in Einklang zu bringen, die das Kostüm später tragen sollen: den Schauspielern. „Die Kleidung ist die zweite Haut des Menschen“, pflegt Maas zu sagen. „Diese Haut muss ich immer auf den Menschen abstecken.“

Natürlich geht es immer auch darum, anhand des Kleidungsstücks etwas über die Figur und ihre Geschichte auszusagen. Gleichzeitig wird genau überlegt, wie sich das Kostüm auf den Darsteller, seine Haltung und Ausstrahlung auswirkt. „Wie kann ich einen Menschen dadurch verändern?“, fragen sich Maas und seine Kollegen: „Nicht nur äußerlich, sondern auch intrinsisch, weil Kleidung in zwei verschiedene Richtungen wirkt.“ Die unsichtbare Verbindung zwischen dem Kostüm und seinem Träger wird besonders deutlich, wenn eine Inszenierung wieder aufgenommen wird. Nicht immer funktioniert ein Kostüm, wenn ein anderer Mensch darin steckt: „Sie können das Gleiche spielen, aber sie tun es auf eine unterschiedliche Art und Weise“, sagt Maas.

Die Kostümbranche wünscht sich mehr Anerkennung

Bei aller Langlebigkeit bleibt die Frage nach der Hygiene nicht aus. Im Schauspiel gibt es eine eigene Wäscherei, bei komplizierteren Kostümen ist die Wäsche von Hand oder eine externe Reinigung vonnöten. Gegen den Geruch helfen Ozonschränke, silberne Kästen, in denen das Gas die Kostüme durchströmt und sämtliche Bakterien abtötet. „Bakterien sind für Geruch verantwortlich“, erklärt Maas. „Wenn die abgetötet werden, ist der weg.“

„Pique Dame“: Das Ballkleid aus der Tschaikowski-Oper ist das teuerste Kostüm.„Pique Dame“: Das Ballkleid aus der Tschaikowski-Oper ist das teuerste Kostüm.Ben Kilb

Trotz der vielen Menschen, die an einem Kostüm arbeiten, trotz der detaillierten Produktionsschritte und der künstlerischen Leistung dahinter beobachtet Maas, dass sein Berufsstand oft nur wenig Anerkennung erfährt. Dies sei auf der ganzen Welt so, sagt er: „In allen Bereichen, ob Film oder Theater, spielt Kostüm oft nur eine kleine Rolle.“ Das merke man nicht nur an fehlenden Nennungen im Abspann oder in Printmedien, sondern auch auf finanzieller Ebene. Zwischen Bühnen- und Kostümbildnern bestehe ein „Pay-Gap“, sagt Maas. Anders als im Bühnenbild sind etwa 90 Prozent seiner 120 Mitarbeiter Frauen. Dass die schlechtere Bezahlung damit zusammenhängen könnte, kann der Kostümdirektor nur mutmaßen.

Nicht nur für Jecken, Laienschauspieler und Schnäppchenjäger ist der Kostümverkauf im Bockenheimer Depot deshalb eine besondere Gelegenheit. Die künstlerische Vielfalt, die sich in der großen Halle in den Schränken, auf den Tischen und an den Kleiderstangen darbietet, spricht Bände über das, was in Kostümen steckt: Handwerk, Herzblut und ein Stück Theatergeschichte.

Der Kostüm- und Maskenverkauf von Oper und Schauspiel findet am Samstag, 31. Januar, von 10 bis 16 Uhr im Bockenheimer Depot, Carlo-Schmid-Platz 1 in Frankfurt statt.